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Unterschätzte Gefahr Zahlen bei Hautkrebs nehmen zu

Die Haut ist unser größtes Organ. Sehr unterschätzt ist Hautkrebs. Expertinnen und Experten rechnen in den nächsten 20 bis 30 Jahren mit einer Verdopplung von schwarzem Hautkrebs. Gesundheit!-Reporter Fero Andersen trifft Patienten, die von modernsten Therapien profitieren und erfährt, wie die Vorsorge aussehen kann.

Author: Susanne Wimmer

Published at: 11-3-2024

Unterschätzte Gefahr: Zahlen bei Hautkrebs nehmen zu

Hautkrebs ist die häufigste Krebserkrankung in Deutschland. Intensive UV-Strahlung und Sonnenbrände gelten als Haupt-Risikofaktoren. Tobi trägt aufgrund vieler Muttermale ein erhöhtes Hautkrebs-Risiko. 2019 wurde bei ihm ein malignes Melanom entdeckt. Damit es nicht streut, wurden dem heute 49-Jährigen operativ auch vier Lymphknoten entfernt.

Wenn der Tumor streut

Zwei Jahre später der Schock: In seiner Lunge hatten sich Metastasen gebildet. Tobi bekommt damals eine Immuntherapie, die anschlägt. Die Metastasen bilden sich zurück. Bis eine weitere Untersuchung Alarm auslöst: Es hatte auch ins Gehirn gestreut.

"Ein richtiger Scheiß. Ich hatte natürlich gehofft, dass nach einem halben Jahr alles gut wird. Wenn ich meinen Teil dazu beitrage, dann wird das schon ganz gut gehen."

Tobi  

Dank wiederholter Immuntherapie und Bestrahlung bekommt er auch das in den Griff. Beinahe ein Wunder. Doch wie konnte es überhaupt dazu kommen?

Hautkrebs: die Ursachen

30 Jahre lang hatte Tobi Rugby gespielt. Bis in die Bundesliga. Training, Spiele – alles im Freien. Er glaubt trotzdem nicht, dass zu viel Sonne ein Grund für seinen Hautkrebs war, da er Strandurlaube und Sonnenbaden immer schon gemieden hat. Er ist aber familiär vorbelastet. Seine Mutter hatte Hautkrebs, als er noch ein Kind war.

"Sie muss jedes Jahr zur Kontrolle und kriegt auch immer mal Muttermale rausgeschnitten, die dann aber zum Glück meistens harmlos sind."

Tobi

Schwarzer Hautkrebs im Auge: das Aderhautmelanom

Auch Andreas Hillreiner hatte die Diagnose schwarzer Hautkrebs – allerdings an einer ungewöhnlichen Stelle: im Auge.

"Der Augenarzt hat die üblichen Untersuchungen durchgeführt und sagte dann: Jetzt bin ich mit meinem Latein am Ende. Jetzt sind die Spezialisten gefragt. Nach radiologischen Aufnahmen des Schädels konnte man feststellen: Ja, da ist ein Tumor drin. Der nimmt Kontrastmittel auf, es ist ein Aderhautmelanom."

Andreas Hillreiner

Zweimal wird der Hautkrebs bestrahlt, dann die harte Entscheidung: Das linke Auge muss raus. Andreas bekommt ein Glasauge. Doch leider ist der Spuk nicht vorbei. Ein halbes Jahr später werden auch bei ihm Metastasen in der Lunge entdeckt. Ein Schock für den 50-jährigen Familienvater.

"Wenn du davor nie was mit Krebs zu tun hattest, das schmettert dich erstmal nieder, das ist klar."

Andreas Hillreiner

Immuntherapie noch vor der OP

Zwölf Metastasen dieses Melanoms entdeckt Professorin Lucie Heinzerling in der Lunge. Sie leitet das Hautkrebszentrum der LMU in München. Noch vor der Operation bekommt Andreas Hillreiner eine Immuntherapie. Ein ganz neuer Ansatz in der Krebstherapie – mit einem großen Vorteil:

"Weil etwaige Abwehrzellen, die in der Metastase vorhanden sind und tatsächlich den Tumor erkennen, dann nicht rausgeschnitten werden. Sondern sie werden aktiviert und können dann die Metastase bekämpfen. Das hat bei Herrn Hillreiner super geklappt."

Prof. Dr. med. Lucie Heinzerling, Dermatologin, Hautkrebszentrum, LMU München

So funktioniert die Immuntherapie

Unser Immunsystem hat eingebaute Bremsen, sogenannte Checkpoints. Sie verhindern, dass durch eine zu starke Immunreaktion gesunde Zellen attackiert werden. Doch Krebszellen können diese Bremsen gezielt blockieren. Damit setzen sie die T-Zellen außer Kraft. Die Folge: Die Krebszelle wird nicht angegriffen.

Die Immuntherapie setzt genau da an, indem sie die Blockierung der Checkpoints löst. So können die Krebszellen erkannt und vernichtet werden.  

Nebenwirkungen der Immuntherapie

Früher hätte Andreas Hillreiners Diagnose ein Todesurteil bedeutet. Auf die Immuntherapie, wie er sie nun bekommt, spricht über die Hälfte der Betroffenen mit metastasiertem Haut-Melanom an. Aber es gibt auch Nebenwirkungen.

"Durchfall ist häufig, aber auch Entzündungen der Leber, von Drüsen, also von der Schilddrüse, von der Hypophyse. Aber es kann auch zu Diabetes kommen. Im Prinzip können alle Organsysteme betroffen sein. Die Nebenwirkungen können so schwer sein, dass wir die Patienten auch stationär aufnehmen müssen."

Prof. Dr. med. Lucie Heinzerling, Dermatologin, Hautkrebszentrum, LMU München

Andreas Hillreiner hat zum Glück kaum mit Nebenwirkungen zu kämpfen.

Alle zwei Jahre zum Hautkrebs-Screening

An der Bekämpfung von Hautkrebs wird intensiv geforscht. Tobi geht heute zu einem Kontroll-Termin in die München Klinik. Sein Melanom hatte vor zwei Jahren in die Lunge und ins Gehirn gestreut. Ohne Immuntherapie wäre das wohl tödlich gewesen.  Eine Nebenwirkung der Therapie: Seine Nebennierenrinde arbeitet nicht mehr so gut. Deswegen bekommt er Cortison-Tabletten. Zudem checkt Prof. Stolz regelmäßig Tobis gesamte Haut auf Auffälligkeiten. Standardmäßig mit dem Auflichtmikroskop.

Die Häufigkeit von schwarzem Hautkrebs steigt. Bei Männern muss man mit einer Verdopplung der Neuerkrankungen in den nächsten 20 Jahren rechnen. Bei Frauen innerhalb von 30 Jahren.

"Wir sind manchmal überrascht, dass Patienten mit einem klaren, auffälligen Befund nicht rechtzeitig kommen. Bei den Männern ist es oft so, dass die Frau mehrere Monate sagt: Du musst doch mal zum Dermatologen oder zur Dermatologin gehen."

Prof. Dr. med. Wilhelm Stolz, Dermatologe, München Klinik

Die Krankenkassen übernehmen ab 35 Jahren alle zwei Jahre die Kosten für ein Hautkrebsscreening.

Selbstcheck für Muttermale mit der ABCD-Regel

Auffälligkeiten kann man übrigens auch selbst erkennen, mit Hilfe der ABCD-Regel. A wie asymmetrisch, B wie: Hat das Muttermal eine Begrenzung? C: Welche Farbe hat es, ist die Farbverteilung unterschiedlich? Und D: Wie groß ist der Durchmesser? Das sind Anhaltspunkte, wann man zur Abklärung einen Arzt aufsuchen sollte.  

Mit modernster Technik gegen weißen Hautkrebs

Der schwarze Hautkrebs ist zwar der gefährlichste - andere Arten sind jedoch weit häufiger verbreitet. Wie zum Beispiel der weiße Hautkrebs. Wie dem mit modernster Technik zu Leibe gerückt wird, erklärt Professorin Daniela Hartmann.

"Wir haben eine Patientin mit Basalzellkarzinom, das ist weißer Hautkrebs. Sie hat ihn am Fuß. Das Karzinom  ist schon ulzeriert und muss unbedingt rausgeschnitten werden."

Prof. Dr. med. Daniela Hartmann, Dermatologin, Dermatohistopathologin, LMU und München Klinik

Bei der Operation wird das Tumor-Gewebe entfernt und kann unmittelbar analysiert werden. Die Ärztin bekommt so eine Art Echtzeit-Kontrolle, ob sie bereits den kompletten Tumor erwischt hat - oder ob sie nachschneiden muss. Betroffenen kann das mehrere Eingriffe und zusätzliche Krankenhausaufenthalte ersparen.

Tumor-Gewebe wird noch während der OP analysiert

Im Labor wird die Probe Stück für Stück eingefärbt und kommt in einen High-Tech-Scanner. Mit einer bis zu 500-fachen Vergrößerung ermöglicht dieser eine exakte Analyse des erkrankten Gewebes – noch während die Patientin auf dem OP-Tisch liegt.  

"Wir sehen hier, dass der Tumorboden frei ist und die Ränder in Ordnung sind. Die Operation hat sich gelohnt, es war noch Tumor drin. Wir können sofort jetzt während der Operation entscheiden, dass wir zunähen."

Prof. Dr. med. Daniela Hartmann, Dermatologin, Dermatohistopathologin, LMU und München Klinik

Für die Kombination dieses Verfahrens mit einer automatisierten KI zur Tumorerkennung hat Professorin Hartmann vor drei Jahren den German Medical Award bekommen. Und wie funktioniert diese Technik?

"Die KI hilft uns, Muster zu erkennen, die das menschliche Auge gar nicht so schnell oder nicht so gut sieht. Und sie hilft uns, die Tumorzelle als pathologisch oder als das Böse zu erkennen. So können die Experten viel schneller und einfacher die richtige Diagnose stellen."

Prof. Dr. med. Daniela Hartmann, Dermatologin, Dermatohistopathologin, LMU und München Klinik

KI: Scanner checkt Muttermale

Künstliche Intelligenz unterstützt Ärztinnen und Ärzte sowohl bei der Behandlung von Hauttumoren als auch schon bei der Vorsorge. So checkt ein Riesen-Scanner Muttermale auf Auffälligkeiten und dokumentiert sie. Der Scanner ist für Hochrisikopatienten gedacht. An der TU München dient er noch überwiegend der Forschung. Welche Vorteile hat der Scanner gegenüber anderen Geräten und Untersuchungsmethoden?

"Das Gerät besteht aus 92 Kameras, die gleichzeitig ein Bild generieren, das zusammengefügt wird zu einem 3D-Bild. Der Vorteil ist, dass wir ein Bild generieren, worauf alle Muttermale zu sehen sind. Das ist insbesondere sinnvoll bei Patienten, die über 100 Muttermale haben und ermöglicht uns,  gleichzeitig alle Muttermale zu sehen."

Dr. med. Oana-Diana Persa, Dermatologin, Klinikum rechts der Isar, TU München

Die KI darin unterstützt die Ärztinnen und Ärzte und gibt Empfehlungen ab, ob ein Muttermal auffällig ist oder nicht. Die Entscheidung aber bleibt beim Arzt. Tobi testet heute den Scanner.

Melanome: größer als fünf Millimeter

Die Bilder zeigen eine Übersicht über alle Muttermale. Die KI hat einzelne davon ausgesucht, die sich die Ärzte näher anschauen sollten. Ein Kriterium dafür ist die Größe. Denn Melanome haben einen Durchmesser von mehr als fünf Millimetern und stechen in dieser Übersicht heraus.   

"Das Muttermal hier an der Achselhöhle schauen wir uns näher an. Man sieht, es ist zwar symmetrisch aufgebaut, die Pigmentierung ist aber etwas unregelmäßig mit einem etwas dunkleren Punkt unten. Und vom Durchmesser ist es über fünf Millimeter groß."

Dr. med. Oana-Diana Persa, Dermatologin, Klinikum rechts der Isar, TU München

Dieses Muttermal sieht sich die Ärztin mit dem Dermatoskop nochmal genauer an und gibt zum Glück Entwarnung. Zur Verlaufskontrolle werden die Aufnahmen gespeichert.  

Vorsorge schon bei Kindern

Für Tobi hat die Diagnose Hautkrebs einiges in seinem Leben verändert. Bei seinen Kindern ist er mittlerweile besonders vorsichtig.

"In der Sonne passen wir wirklich sehr gut auf. Der Große kriegt jetzt auch schon die ersten Leberflecke, da muss er demnächst mal zum Hautarzt. Ich lebe auf jeden Fall bewusst. Mit Frau und Kindern muss man natürlich jetzt ein bisschen mehr aufpassen. Und am liebsten will ich langfristig gesund werden."

Tobi

Hautveränderungen am besten also schnell abklären lassen.


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