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40 Prozent betroffen Helicobacter pylori – der gefährliche Magenkeim

Der gefährliche Magenkeim "Helicobacter pylori" ist weit verbreitet: Etwa 40 Prozent der Menschen in Deutschland sind mit ihm infiziert, schätzen Experten. Das Bakterium kann eine chronische Magenschleimhautentzündung verursachen, Geschwüre in Magen und Zwölffingerdarm und bei einem von 100 Betroffenen sogar Magenkrebs auslösen.

Von: Julia Richter

Stand: 09.07.2024

40 Prozent betroffen: Helicobacter pylori – der gefährliche Magenkeim

Bauchschmerzen, Völlegefühl, Übelkeit oder Blut im Stuhl: Wer anhaltende Probleme mit dem Magen hat, sollte auch an "Helicobacter Pylori" denken. Das Bakterium sitzt im Magen und kann dort großen Schaden anrichten. Der Keim gilt unter anderem als Hauptrisikofaktor für Magenkrebs.

In Deutschland läuft jetzt eine große Studie zum Helicobacter. Auch die Unikliniken LMU und TU nehmen daran teil. Forschende wollen diverse Daten erheben, etwa was die tatsächliche Verteilung betrifft, um die Behandlung optimieren zu können.

Unangenehmer Keim: Bauchkrämpfe und Völlegefühl

Bei Sabine Hehl geht es vor ein paar Monaten los: Jedes Mal nach dem Essen leidet sie unter massiven Bauchschmerzen. Sie bekommt kaum noch einen Bissen herunter, leidet unter Völlegefühl und Übelkeit.

"Das war ein bohrender fester Schmerz, oben am Magen, das hat sich ja bei mir gesteigert. Es ist hat sich dann echt so gewesen, dass ich es richtig sich so zusammengezogen hat und ich musste mich dann auch öfters übergeben sogar."

Sabine Hehl, Patientin

Magenspiegelung bringt die Diagnose

Vor allem nachts halten die Schmerzen sie wach. Irgendwann schafft die 53-Jährige selbst kurze Strecken kaum noch ohne Pause. Sie fühlt sich immer schlapper, leidet unter Blutarmut. Lange denkt sie, es sei der Stress. Dann die Überraschung: Schuld ist der Keim Helicobacter Pylori. Nach der Magenspiegelung erfährt sie, dass sie infiziert ist – ein Magengeschwür war die Ursache ihrer Schmerzen.

Bei der Krankenpflegerin Calorine Chetchouam hat der Helicobacter kein Geschwür verursacht – aber eine schmerzhafte, chronische Gastritis.

"Ich war schon an einer Stelle, dass ich schon Schmerzmittel einnehmen musste, um durch den Tag zu kommen. Und vor allem, wenn ich in der Arbeit war. Weil ich wusste immer, dass die Schmerzen immer stärker sind nach dem Essen."

Calorine Chetchouam, Patientin

Keim greift Magenschleimhaut an und führt zu Zellveränderungen

Das Bakterium sitzt im Magen: Sogar in der ätzenden Säure kann es dank seiner speziellen Eigenschaften bestens überleben. Es nistet sich in der Magenschleimhaut ein und vermehrt sich dort. In der Folge kommt es immer zu einer Entzündung – einer Gastritis. Schreitet die voran, kann sich ein Geschwür bilden, im schlimmsten Fall ein Magenkarzinom.

"Helicobacter Pylori führt bei allen Infizierten zu einer chronischen Magenschleimhautentzündung. Diese kann bei einem Großteil der Patienten symptomlos bleiben. Aber ein hoher Prozentsatz entwickelt auch ernsthafte Probleme wie das Magengeschwür oder das Dünndarmgeschwür wie bei unserer Patientin. Das kann zu ernsthaften Problemen wie einem Magendurchbruch führen oder auch zu einem chronischen Blutverlust – mit einer Anämie, also einer chronischen Blutarmut."

PD Dr. med. Christian Selgrad, Gastroenterologie, Klinikum Fürstenfeldbruck

Schätzung: Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung betroffen

Das Bakterium gehört zu den am häufigsten verbreiten Keimen weltweit. Schätzungen zufolge ist etwa die Hälfte der Weltbevölkerung betroffen. Bisher geht man davon aus, dass 40 Prozent der älteren Menschen hierzulande infiziert sind. Bei etwa jedem 5. bildet sich ein Magengeschwür. Einer von 100 Infizierten bekommt Magenkrebs.

Was die Übertragung angeht, sind bis heute viele Fragen offen. Man geht davon aus, dass Helicobacter Pylori über Speichel oder Kot übertragen werden kann. Erworben wird die Infektion in der Regel im Kindesalter. Je enger die Lebensverhältnisse sind, desto höher ist das Risiko.

"Was sicher ist, dass die Übertragung von Mensch zu Mensch stattfindet. Am ehesten von der Mutter zum Kind. Bei welchen Symptomen sollten Sie den Arzt aufsuchen? Insbesondere, wir nennen das Alarmsymptome, eine ungeklärte Blutarmut wie im Falle unserer Patientin. Stuhlgangveränderungen, wie Teerstuhl. Das ist ein sehr schwarzer Stuhl. Ein ungewollter Gewichtsverlust oder wenn die Oberbauchschmerzen über einen ungewöhnlich langen Zeitraum anhalten."

PD Dr. med. Christian Selgrad, Gastroenterologie, Klinikum Fürstenfeldbruck

Studie soll neue Erkenntnisse liefern

Die 32-Jährige Calorine Chechtouam nimmt an "HeliCOPTER" teil, einer der größten Studien zum Helicobacter Pylori. In Bayern sind die LMU und die TU München daran beteiligt. Rund 5.000 Menschen haben bisher schon mitgemacht – rund 15.000 sollen es werden.

Wer gerne mitmachen möchte, kann sich unter diesem Link erkundigen.

"Das Ziel der HeliCOPTER-Studie ist es, dass wir erstmals an verschiedenen Orten in Deutschland herausfinden wollen, wie viel Menschen mit Helicobacter infiziert sind, welche Stämme kursieren und insbesondere welche Resistenzen uns die Therapie jetzt und zukünftig erschweren. Denn das Resistenzproblem ist insofern von höchster Relevanz als dass wir bisher Antibiotika eingesetzt haben, die auch bei vielen anderen Indikationen eingesetzt worden sind – Atemwegsinfekte, Hals-Nasen-Ohren-Infekte, die auch dieses Bakterium zunehmend unter Resistenzdruck gesetzt haben."

PD Dr. med. Christian Schulz, Medizinische Klinik u. Poliklinik, LMU München

Oft keine erkennbaren Symptome

Das Tückische an dem gefährlichen Keim: Man kann ihn auch haben, ohne erkennbare Symptome zu entwickeln. Das zeigt der Fall von Lutz Oehler. Sein Atem-Test ist positiv.

"Ich hatte keinerlei Schmerzen, gar keine Hinweise darauf, dass ich tatsächlich dieses Helicobacter-Bakterium habe. Ich war selber sehr überrascht."

Lutz Oehler, Patient

Am Max-von-Pettenkofer-Institut der LMU München werden die unterschiedlichen Helicobacter-Stämme erforscht. Denn nicht bei jedem Patienten nimmt die Infektion den gleichen Verlauf.

"Wir wissen, dass die Gründe dafür sowohl auf der Seite der Patienten – also den Menschen – zu finden sind als auch auf der Seite der Bakterien. Der Helicobacter Pylori ist das genetisch vielfältigste Bakterium, das wir überhaupt kennen. Es wird auch als das Chamäleon im Magen bezeichnet, weil es eben nicht nur bei verschiedenen Menschen sehr unterschiedliche Bakterienstämme gibt, sondern weil sie sich auch innerhalb des Magens im Lauf der Jahre sehr stark verändern können. Generell kann man sagen, es gibt bösere und weniger böse Helicobacter, es gibt Stämme, die bestimmte Merkmale tragen, die man direkt mit der Entstehung bestimmter Folgeerkrankungen in Verbindung führen kann."

Prof. Dr. Sebastian Suerbaum, Medizinische Mikrobiologie, Max-von-Pettenkofer-Institut, LMU München

Neue Leitlinien

Was die Behandlung angeht, gibt es einen drastischen Paradigmenwechsel.

"Früher hat man nur behandelt, wenn die Patienten durch die Helicobacter-Infektion Beschwerden und Komplikationen hatten. Heute behandelt man jeden Helicobacter, wenn er nachgewiesen worden ist. Das Ganze macht man über eine zehntägige Antibiotika-Therapie, die sich auch etwas verändert hat im Vergleich zu den Vorempfehlungen aufgrund der Resistenzproblematik und das ganze enthält drei  Antibiotika und ein Säureunterdrückendes Medikament über zehn Tage. Und damit kriegen wir weit über 90 Prozent der Patienten schon in der ersten Behandlung eradiziert."

PD Dr. med. Christian Schulz, Medizinische Klinik u. Poliklinik, LMU München

Laut WHO gehört der Keim zu den gefährlichsten Keimen, was die Resistenzen angeht. Deswegen wird schon seit längerem auch an Alternativen geforscht.  An der TU München etwa wollen Wissenschaftler einen Impfstoff entwickeln. Bis es soweit ist, ist die Behandlung umso wichtiger.

"Helicobacter Pylori ist mit Abstand der wichtigste ursächliche Faktor für die Magenkrebsentstehung. Über 90 Prozent der Magenkrebserkrankung sind auf Helicobacter zurückzuführen. Das sind in Deutschland über 10.000. Weltweit über eine Million. Und wir können den Magenkrebs eigentlich nicht früh feststellen, insofern ist die beste Vorbeugung die Behandlung der Helicobacter Pylori-Infektion."

Prof. Dr. med. Markus Gerhard, Institut für Medizinische Mikrobiologie und Immunologie und Hygiene, TU München

Auch an anderen Behandlungsansätzen wird geforscht

"Wir haben unter der Leitung meiner Kollegin - Frau Professor Josenhans – hier am Pettenkofer-Institut ein Projekt durchgeführt, wo es darum geht, gezielt die Beweglichkeit der Helicobacter-Bakterien zu hemmen. Sie hat das auch bakterielle Fußfessel genannt. Das heißt, es sind Substanzen entwickelt worden, die die Beweglichkeit der Bakterien hemmen. Und bei Helicobacter Pylori, der sich ohne diese Beweglichkeit nicht im Magen halten kann, führt das dann dazu, dass die Infektion zurückgeht."

Prof. Dr. Sebastian Suerbaum, Medizinische Mikrobiologie, Max-von-Pettenkofer-Institut, LMU München

Die richtige Diagnostik ist wichtig

Von Selbsttests, wie sie im Internet verkauft werden, raten Experten ab. Am sichersten kann die Infektion über eine Gewebeprobe festgestellt werden, die während der Magenspiegelung entnommen wird. In der Blutabnahme kann nur festgestellt werden, dass es Antikörper gibt – ein Beleg für eine akute Infektion ist es nicht. Gängig sind außerdem Atem- und Stuhltests. Dass sich jeder prophylaktisch untersuchten lässt, hat aber laut Experten keinen Sinn.

"Heute wird der Test insbesondere Patienten empfohlen, die in ihrer Familie schon Patienten mit Magenkarzinom hatten oder auch Ulkus-Blutungen -Magengeschwür-Blutungen, für Patienten, die Blutungskomplikationen selbst erlebt haben unter Blutverdünnenden Medikamenten - Kortisontherapie, Aspirin-Therapie, aber auch für Patienten, die aus Gebieten nach Deutschland gekommen sind, wo es eine besonders hohe Häufigkeit für Helicobacter-Infektion gibt."

PD Dr. med. Christian Schulz, Medizinische Klinik u. Poliklinik, LMU München

Sabine Hehl geht es inzwischen wieder gut – alles ist verheilt. Angst vor einer Magenspiegelung hat sie heute nicht mehr.

"Man kriegt da ein Mittel, dass man schläft, man spürt gar nichts auch danach nicht. Wenn man dann aufwacht, ist alles in Ordnung. Also, wenn ich das echt gewusst hätte, dann wäre ich viel früher zur Untersuchung gegangen."

Sabine Hehl, Patientin

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