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Drehschwindel, Tinnitus, Hörsturz, Übelkeit Morbus Menière: Mehr als nur Schwindel

Drehschwindel, Tinnitus, Hörverlust, Augenzittern - das sind Symptome des Morbus Menière einer Störung des Flüssigkeitshaushalts im Innenohr. Gehör und Gleichgewichtssinn sind betroffen, die Lebensqualität ist massiv beeinträchtigt. Eine Standarttherapie gibt es bei Morbus Menière nicht. Betroffene reagieren, je nach Konstitution und Krankheitsstadium, sehr unterschiedlich auf Medikamente. In extremen Fällen hilft nur noch eine OP.

Von: Antje Maly-Samiralow

Stand: 07.06.2021

Wer unter wiederholten Drehschwindelattacken leidet, die so heftig ausfallen können, dass einem übel wird und man sich übergeben muss, leidet möglicherweise an der Menière‘schen Krankheit, am Morbus Menière.

Das perfide an dieser Erkrankung ist, dass sie schwer zu diagnostizieren ist. Das liegt zum einen daran, dass sie zum Teil mit anderen Erkrankungen einhergeht, die eine ähnliche Symptomatik aufweisen. Zum anderen liegt es daran, dass die typischen Symptome des Morbus Menière auch andere Ursachen haben können.

Symptome der Menière‘schen Krankheit:

  • Drehschwindel von mehreren Stunden bis Tagen
  • Tinnitus
  • Hörminderung primär im Tieftonbereich
  • Augenzittern (Nystagmus) in der Akutphase
  • einige Patienten haben auch ein Druckgefühl auf dem Ohr

Häufigkeit der Erkrankung

Auf 100.000 Einwohner kommen etwa 100 bis 150 Erkrankungen. Allerdings sind das grobe Schätzungen, da es keine Meldepflicht für Morbus Menière gibt.

Problematik der klaren Diagnosestellung

Für Prof. Martin Westhofen, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Plastische Kopf- und Halschirurgie am Universitätsklinikum Aachen, liegt die besondere Herausforderung in der Diagnosestellung darin, die Menière‘sche Krankheit von anderen Erkrankungen abzugrenzen, die ebenfalls mit Schwindel einhergehen.

"Schwindel, der Teil des Morbus Menière ist, ist eine häufige Symptomatik, die wir Hals-Nasen-Ohrenärzte sehen. Allerdings hat längst nicht jede Schwindelerkrankung ihren Ursprung im Innenohr – wo sich die Menière‘sche Erkrankung abspielt. Schwindel kann auch durch Erkrankungen oder Störungen im Gehirn ausgelöst werden. Dazu zählt beispielsweise der Hirninfarkt. Das müssen wir in der Akutphase dringend ausschließen, damit die betroffenen Patienten sofort adäquat versorgt werden können. Dazu unterziehen wir die Patienten differentialdiagnostischen Tests, um einwandfrei auszuschließen, dass es sich um einen Schlaganfall handelt."

Prof. Dr. med. Martin Westhofen, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Plastische Kopf- und Halschirurgie, Universitätsklinikum Aachen

Die zur Diagnostik eingesetzten Tests und Untersuchungen sind unter anderem darauf ausgerichtet, festzustellen, ob die Schwindelattacken vom Gleichgewichtsorgan hervorgerufen werden oder vom Gehirn.

Häufig betroffen sind über 60-Jährige

Eine weitere Schwierigkeit für die Diagnosestellung ergibt sich daraus, dass Morbus Menière oft in der Altersgruppe der über 60-Jährigen auftritt, einer Gruppe, in der abnehmendes Hörvermögen sowie Ohrgeräusche häufiger vorkommen als in jüngeren Altersgruppen.

Des Weiteren kann Schwindel durch vielerlei andere Ursachen hervorgerufen werden, unabhängig vom Schlaganfall.

Oft zusätzlich: vestibuläre Migräne

Einer finnischen Studie aus dem Jahre 2005 zufolge treten die Symptome Schwindel, Hörminderung sowie Tinnitus in Kombination deutlich häufiger auf als tatsächlich diagnostizierte Fälle eines Morbus Menière. Dies bedeutet, ein Patient kann die typischen Menière-Symptome aufweisen und trotzdem keinen Morbus Menière haben. Eine eindeutige Diagnosestellung ist jedoch unabdingbar für die zielgerichtete Therapie.

"Etwa 30 Prozent aller Menière-Patienten haben zusätzlich eine vestibuläre Migräne, die in ihrer Symptomatik ähnlich ist, aber anders behandelt werden muss."

Prof. Dr. med. Martin Westhofen, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Plastische Kopf- und Halschirurgie, Universitätsklinikum Aachen

Das Gleichgewichtsorgan

Die Erkrankung ist im menschlichen Innenohr lokalisiert, das ins Felsenbein des Schädels eingebettet liegt. Dort befindet sich das Gleichgewichtsorgan, das die Wahrnehmung des Körpers im Raum gewährleistet. Es besteht aus drei Bogengängen, die für die Wahrnehmung von Drehbewegungen des gesamten Körpers inklusive des Kopfes verantwortlich sind, sowie den zwei Gleichgewichtssäckchen, die für die Registrierung der Beschleunigung sowohl horizontal als auch vertikal zuständig sind. Alle fünf Elemente des Gleichgewichtsorgans sind mit Flüssigkeiten gefüllt. An ihren Innenseiten sind sie mit Sinneszellen ausgestattet.

Ist der menschliche Kopf in Bewegung, bewegen sich die Flüssigkeiten sowie weitere Sensororganteile in den fünf Elementen des Gleichgewichtsorgans und regen die Sinneszellen an. Diese leiten den jeweiligen Bewegungsimpuls über den Gleichgewichtsnerv ans Gehirn.

Dort entstehen Reflexe, die unter anderem an die Augen weitergeleitet werden – damit das Bild, das der Mensch fokussiert, unabhängig von der Lage im Raum, stabil ist – sowie Nervenimpulse an das Großhirn für die Ausbildung eines Raumgefühls.

Diesen Umstand machen sich HNO-Ärzte wie Prof. Westhofen bei der Diagnostik von Schwindelereignissen zunutze, indem sie etwa den Kopf eines Schwindelpatienten ruckartig drehen und mit starker Vergrößerung die Bewegung der Augen beobachten. Kann ein Patient nicht klar fokussieren und zittert das Auge, ist dies ein Indiz dafür, dass Elemente des Gleichgewichtsorgans beeinträchtigt sind und keine klare Lage- bzw. Positionsbeschreibung ans Gehirn weiterleiten können.

Ursache des Morbus Menière

Unmittelbar angrenzend an das Gleichgewichtsorgan befindet sich die Hörschnecke, die Cochlea, wo Schallwellen aufgenommen und über den Hörnerv ans Gehirn weitergeleitet werden. Die Cochlea ist ebenfalls mit flüssigkeitsgefüllten Hohlräumen durchzogen. Die Ursache des Morbus Menière ist in diesen Hohlräumen verortet:

"In den flüssigkeitsgefüllten Hohlräumen des Innenohrs kommt es aus uns nicht bekannten Gründen zu plötzlichem Anschwellen. Für den Patienten entstehen aufgrund der Schwellung die typischen Menière-Symptome: im Bereich des Hörorgans Hörminderung und Ohrgeräusch und im Bereich des Gleichgewichtsorgans durch die gleiche Schwellung Drehschwindel und Gleichgewichtsstörung."

Prof. Dr. med. Martin Westhofen, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Plastische Kopf- und Halschirurgie, Universitätsklinikum Aachen

Behandlung des Morbus Menière

In der Akutphase, wenn Patienten einen Anfall erleiden, ist die Behandlung mit Cortison der Goldstandard. Hier geht es primär darum, Langzeitschäden sowohl am Gehör als auch am Gleichgewichtsorgan zu verhindern.

"Akute Erkrankungen des Innenohrs werden in der Regel mit Cortison behandelt. Cortison kann als Tablette oder als Infusion verabreicht werden. Allerdings wird dann der gesamte Organismus mit Cortison konfrontiert, was die typischen Nebenwirkungen des Cortisons mit sich bringt. Deutlich schonender für den Patienten ist eine Gabe von Cortison durch das geschlossene Trommelfell hindurch, von wo es in das Innenohr hinein diffundiert. Dadurch erreicht man eine hohe Dosis im Innenohr, wo es gezielt zum Einsatz kommt. Dort sind nämlich in der akuten Phase eines Morbus Menière-Anfalls die Sinneszellen gestört. Mithilfe des Cortisons stabilisieren wir die Membranen der feinen Sinneszellen, damit sie ihre Arbeit wieder aufnehmen können."

Prof. Dr. med. Martin Westhofen, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Plastische Kopf- und Halschirurgie, Universitätsklinikum Aachen

Einer Studie des Imperial College London zufolge kann der Einsatz von Cortison direkt in das Innenohr auch zur längerfristigen Abnahme von Menière-Anfälle führen, was Cortison auch für eine Anfallsprophylaxe prädestiniert.

"Cortison wirkt im Innenohr vor allem über spezielle Cortisonrezeptoren, die hauptsächlich im Gleichgewichtsorgan nachgewiesen sind, weniger immunsupprimierend oder entzündungshemmend. Daher wirkt Cortison nicht nur in der Akutphase, sondern auch danach noch prophylaktisch."

Prof. Dr. med. Martin Westhofen, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Plastische Kopf- und Halschirurgie, Universitätsklinikum Aachen

Anfallsprohylaxe

Um Menière-Anfälle dauerhaft zu dezimieren, wird den meisten Patienten der Wirkstoff Betahistin verordnet. Das Medikament wird zunächst als Regeldosis mit drei mal 12mg täglich eingenommen.

Morbus Menière-Patienten entwickeln nicht nur höchst unterschiedliche Ausprägungen sowie Schweregrade der Symptomatik. Sie reagieren auch individuell auf Medikamente. Während viele Patienten mit einer niedrigen Dosierung von Betahistin gute Ergebnisse erzielen, benötigen andere Patienten deutlich höhere Dosen. In Fachkreisen wird aktuell darüber diskutiert, ob und welche Dosierungen von Betahistin für die betroffene Patientenschaft am effektivsten ist.

So wird daran geforscht, Betahistin in Kombination mit weiteren Medikamenten zu verabreichen, um einen möglichst hohen Spiegel an Betahistin zu erzielen und die Wirkung entsprechend zu optimieren. Federführend in diesem Forschungsfeld ist Prof. Michael Strupp von der Neurologischen Klinik der LMU München mit Schwerpunkt für Schwindel- und Gleichgewichtsstörungen.

Invasive Verfahren

Es gibt auch Patienten, die überhaupt nicht von Betahistin profitieren, unabhängig von der Dosierung. Diese Patienten erleiden regelmäßig Menière-Anfälle mit erheblichen Auswirkungen auf ihr Leben. Da sich die Anfälle entweder gar nicht oder nur mit sehr kurzer Vorwarnung ankündigen, müssen die Betroffenen ständig damit rechnen.

Patienten, denen ständig schwindelig und so übel ist, dass sie sich übergeben müssen, können oftmals keiner geregelten Tätigkeit nachgehen und werden im Extremfall sogar erwerbsunfähig.

Sakkotomie

Patienten, die nicht auf eine medikamentöse Therapie ansprechen, kann mit einem operativen Eingriff Erleichterung verschafft werden, der den Druck vom Innenohr nehmen soll. Bei der sogenannten Sakkotomie wird der endolymphatische Sack, der für die Druckregulation im Innenohr zuständig ist, entlastet, damit die Endolymphe, jene Flüssigkeit, die für die Anschwellung im Innenohr mitverantwortlich ist, besser abtransportiert werden kann.

Dazu wird der Knochen, der den endolymphatischen Sack umgibt, mikrochirurgisch entfernt und gegebenenfalls eine Silikonfolie zur Sackvergrößerung eingelegt.

Obgleich dieses Verfahren weder die Funktion des Gleichgewichtsorgans noch des Hörorgans beeinträchtigen soll, besteht ein minimales Verletzungsrisiko mit drastischen Folgen für die Funktionsfähigkeit beider Organe. Eine dauerhafte Linderung der Symptome sowie eine Verminderung der Anfälle tritt nur bei zwei Drittel der Patienten ein.

OP bei schweren Schwindelattacken

Patienten, die unter schweren und anhaltenden Schwindelattacken leiden und deren Hörvermögen aufgrund der Schwere der wiederkehrenden Attacken so stark geschädigt ist, dass sie auf dem betroffenen Ohr kaum oder gar nicht mehr hören, kann durch einen anderen operativen Eingriff geholfen werden, bei dem das Gleichgewichtsorgan gewissermaßen ausgeschaltet wird. Damit enden die Drehschwindelattacken. Allerdings geht auch das Hörvermögen auf dieser Seite unwiederbringlich verloren, weshalb dieses Verfahren ausschließlich bei Patienten vorgenommen werden darf, die bereits auf der betroffenen Seite ertaubt sind.

Prof. Martin Westhofen schaltet das Gleichgewichtsorgan aus, indem er quasi einen Kurzschluss im Innenohr initiiert.

"Wir legen dazu mikroskopisch ein winziges Loch in der dünnen Knochenlamelle zwischen dem Endolymphraum und dem Perilymphraum des Innenohrs an. Das ergibt eine Vermischung beider Flüssigkeiten, deren Salzkonzentrationen für die Funktion des Innenohrs unterschiedlich sein müssen."

Prof. Dr. med. Martin Westhofen, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Plastische Kopf- und Halschirurgie, Universitätsklinikum Aachen

Ein grundlegendes Risiko operativer Eingriffe dieser Art ist darin begründet, dass die Menière‘sche Erkrankung zwar in den meisten Fällen nur einseitig auftritt und die Funktion des ausgeschalteten Gleichgewichtsorgans der erkrankten Seite durch das Organ der gesunden Seite mit übernommen wird.

Erkrankung auf beiden Seiten

Allerdings erkranken etwa 30 Prozent der Menière-Patienten im Laufe der Zeit auch auf der anderen Seite. Tritt ein solcher Fall ein und reagieren die Betroffenen abermals nicht auf die indizierten Medikamente, darf ein operatives Ausschalten des Gleichgewichtsorgans auf keinen Fall durchgeführt werden.

"Daher ist bei Menière-Patienten die Langzeitkontrolle selbst nach erfolgreicher Therapie wichtig, um frühzeitig konservative und funktionserhaltende Verfahren im Falle beidseitiger Erkrankung starten zu können. Beidseitiger Totalausfall des Gleichgewichtsorgans ist selbst durch spezielle Rehabilitation nicht vollständig zu beheben. Daher arbeiten wir aktuell an Verfahren, mit denen in Zukunft eine Elektrostimulation der Gleichgewichtsnerven möglich werden wird."

Prof. Dr. med. Martin Westhofen, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Plastische Kopf- und Halschirurgie, Universitätsklinikum Aachen

Wer an Morbus Menière erkrankt ist, sollte sich eingehend fachlich beraten lassen, bevor er sich zu einem invasiven Eingriff entscheidet. Patienten sollten sich möglichst in Kliniken behandeln lassen, die über hinreichende Erfahrungen mit solchen Eingriffen verfügen. Im Zweifelsfall sollten sie eine Zweitmeinung einholen.


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