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Midlife-Crisis: Wenn Männer in die Jahre kommen | BR24

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Midlife-Crisis: Wenn Männer in die Jahre kommen

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    Midlife-Crisis: Wenn Männer in die Jahre kommen

    Oh Mann, sich bloß nicht blamieren - immer attraktiv, potent und leistungsstark sein! Diese Anforderung kostet Kraft und stürzt manchen Mann in die Krise. Doch was, wenn "Mann" nicht mehr so kann? Gibt es eine männliche Version der Wechseljahre?

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    In eine Lebenskrise zu geraten, wird von Männern als Schwäche gewertet. In der heutigen Leistungsgesellschaft kann "Mann" sich so etwas nicht erlauben - meint er. Das Bild vom erfolgreichen und angesehenen Mann wird aufrecht erhalten, bis dann plötzlich das ganze Leben auf dem Prüfstand steht.

    Krisenbewältigung durch Arbeit

    Viele Männer gestehen sich erst nach langer Zeit ein, in einer persönlichen Krise zu sein, sprechen aber kaum darüber. Das kommt für sie einem zu großen Imageverlust gleich. So wählen viele Männer den Weg, die Krise durch noch mehr Arbeit zu kompensieren. Das ist ein gängiges Modell, weil es gesellschaftlich sehr anerkannt und auch erfolgreich ist.

    Veränderungen im Leben können zu Krisen führen

    Krisensituationen entstehen häufig, wenn es einen Umbruch im Leben gibt: Die Kinder verlassen das Haus, die Beziehung zum Ehepartner muss neu definiert werden, berufliche Veränderungen stehen an. Oft nimmt der Druck hier mit zunehmendem Alter gewaltig zu. Diese radikalen Umbrüche führen zu Verunsicherung und Angst.

    Midlife-Crisis: Motivationsprobleme, Leistungsabfall

    Allerdings trifft das gängige Bild von der männlichen Midlife-Crisis nicht immer zu. Die Menschen in den Industrienationen haben heutzutage in allen Lebensabschnitten und Lebensbereichen größere Instabilitäten zu bewältigen, müssen sich ständig neu anpassen und orientieren. Deswegen leiden häufig schon junge Berufstätige unter enormem Leistungsdruck - und zeigen die gleichen Symptome wie in der "klassischen" Midlife-Crisis: Schlafstörungen, Motivationsprobleme, Leistungsabfall. Oder haben auch körperliche Folgen wie Herzrasen, Magenprobleme, Tinnitus oder Hörstürze. Das sind Alarmsignale, die viele ignorieren.

    Wechseljahre - Einschnitt im Leben der Frau

    Die Wechseljahre sind bei der Frau ein anerkanntes Phänomen. Frauen merken im klassischen Midlife-Crisis-Alter einen deutlichen Einschnitt. Die Veränderungen in ihrem Körper machen ihnen klar, dass sie in eine neue Lebensphase eintreten. Männer erleben diese biologische Veränderung so nicht. Nichtsdestotrotz verändert sich bei ihnen ab 40 Jahre ebenfalls der Hormonhaushalt: Ihr Testosterongehalt nimmt kontinuierlich ab.

    Die Erfindung einer neuen Krankheit

    Um das, was mit dem Sexualhormon Testosteron verbunden wird - nämlich Männlichkeit, Muskeln, Potenz, Vitalität und Kraft - auch zu erhalten, soll eine Hormonersatztherapie helfen, meinen manche. Denn wenn altersbedingt das eine oder andere nachlässt und vielleicht noch Müdigkeit am Morgen, Vergesslichkeit und depressive Anwandlungen dazu kommen, wird das dem konstruierten Krankheitsbild der "Andropause", den "Wechseljahren des Mannes" oder auch dem "Klimakterium virile" zugeschrieben. Und das sollte behandelt werden - mit dem Hormon Testosteron. Das Sexualhormon als Anti-Aging-Mittel für ältere Männer zu verschreiben, ist seit Jahren im Trend. Das haben bereits 2015 Recherchen von BR Data, den Datenjournalisten des Bayerischen Rundfunks, belegt: Damals wurden gut 500.000 Packungseinheiten von Apotheken in Deutschland ausgegeben.

    Keine Wechseljahre für den Mann

    Martin Reincke, Endokrinologe am Klinikum der Universität München, ist der Ansicht, dass es die Wechseljahre des Mannes als solche - vergleichbar mit denen der Frau - nicht gibt. Denn im Unterschied zu den Frauen, bei denen es zu einem sehr plötzlichen und starken Rückgang des Sexualhormons Östrogen komme, reduziere sich das männliche Sexualhormon Testosteron nur sehr allmählich. Das meint auch Frank Sommer, Urologe an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf und weltweit erster Professor für Männergesundheit. Trotzdem könne es auch beim Mann durch zu niedrige Hormonwerte zu Hitzewallungen, Leistungsverlust, Konzentrationsmangel, Nachlassen der Muskelkraft, Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen kommen - und zu Libido- und Potenzstörungen.

    Testosteron: Wann ist es zu wenig?

    Ein Testosteronspiegel von 12 bis 40 nmol/l gilt als normaler Bereich. Erst wenn der Wert unter 12 nmol/l sinkt, gilt er als behandlungsbedürftig. Aber die Normwerte können individuell sehr unterschiedlich sein. Jeder Mann hat unterschiedliche Hormonwerte, die einen sind wahre Testosteronprotze, andere fallen eher unter die Kategorie "Hühnerbrust". Dementsprechend ist auch der Hormonabfall individuell sehr unterschiedlich. Entsprechend schwierig ist es, einen Grenzwert festzulegen, ab wann das Testosteron beim alternden Mann wirklich zu wenig ist. Haben Männer in jungen Jahren einen sehr hohen Testosteronspiegel, können sich Beschwerden durch Hormonmangel schon zeigen, auch wenn der Hormonspiegel nicht unter 12nmol/l sinkt.

    Hormonersatztherapie beim Facharzt

    Um den Testosteronspiegel festzustellen, sollte "Mann" einen Urologen oder Endokrinologen aufsuchen. Bei diesen kann er abklären, ob eine unterstützende Hormonersatztherapie auch wirklich nötig ist - zum Beispiel, wenn tatsächlich ein zu niedriger Testosteronspiegel die Ursache für die Beschwerden ist und mögliche Gegenanzeigen (z. B. Prostatakarzinom) ausgeschlossen werden können, so Dr. Sommer vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

    Bei jüngeren Männern gilt eine Behandlung bei einer Unterschreitung eines gewissen Testosteronspiegels als medizinische Notwendigkeit, bei älteren sieht das jedoch anders aus. Worin liegen die Beschwerden von älteren Männern denn begründet? Ist tatsächlich mangelndes Testosteron die Ursache? Oder könnten die individuelle Einschätzung, mögliche Erkrankungen, Stress, normale Alterungsprozesse oder einfach andere Lebensumstände die Ursache sein? Das abzuwägen, ist nicht immer einfach. Denn statt des Testosterons, das dann ggf. nur für eine gewisse Übergangszeit gegeben werden könnte, sind dann eher andere Maßnahmen wie Sport und gesunde Ernährung der Weg.

    Verwirrende Studienlage

    Die Hormonforschung bei Männern kann noch nicht auf jahrzehntelange Erfahrungen wie bei den Frauen zurückblicken. In der Vergangenheit gab es immer wieder Studien, die verunsicherten. So soll zum Beispiel das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko durch eine Hormontherapie erhöht sein, so das Ergebnis zweier Studien. Daraufhin führte die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) ein Risikobewertungsverfahren durch und kam zu dem Ergebnis, dass kein erhöhtes Risiko festgestellt werden konnte. Im Gegenteil: Testosteronmangel könne das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall erhöhen. Die verschiedenen Studien zum Thema Testosteron mit unterschiedlichen Ergebnissen sind für den Laien verwirrend, deswegen sollte man sich in die Hände eines erfahrenen Facharztes begeben.