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#Faktenfuchs: Ist Soja schlecht fürs Klima? | BR24

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Beladen eines LWK mit Soja-Bohnen durch die staatliche "Companhia de Armazens e Silos do Estado de Minas Gerais" (CASEMG) in Uberaba, Brasilien.

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#Faktenfuchs: Ist Soja schlecht fürs Klima?

Sojaprodukte sind vor allem bei Veganern beliebt. Doch gerade denen wird oft vorgehalten, damit dem Klima zu schaden. Denn für den Sojaanbau werde hektarweise Regenwald abgeholzt. Doch das stimmt so nicht.

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In Diskussionen um vegane Ernährung wird eine Behauptung oft wiederholt: Vegane Ernährung sei nicht unbedingt klimabewusster, wie weithin angenommen, denn schließlich würden für den Sojaanbau riesige Flächen Regenwald abgeholzt.

Auch in den Kommentarspalten von BR24 wird das immer wieder kontrovers diskutiert – unter anderem unter diesem Facebook-Post mit einem Artikel zu der Frage, ob die Milch von kranken Kühen für den Menschen gesundheitsschädigend sei.

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BR-Nutzer diskutieren unter einem BR24-Artikel zu kranken Kühen über den Sojaanbau.

BR24-Nutzer Martin Huber kommentierte - offensichtlich ironisch: "Genau trinken wir alle Sojamilch. Die Tierchen im Regenwald sterben ja bei der Brandrodung relativ schnell. Da kann man ja quasi gar nicht von Tierleid sprechen." Eben dieser Vorwurf ist häufig zu hören: Mithilfe von Brandrodungen würden im Regenwald Bäume aus dem Weg geschafft, um Platz für den Anbau von Sojapflanzen zu schaffen. Und aufgrund der zahlreichen Brandrodungen würden viele Tiere sterben – von Insekten, Schlangen, Spinnen und Fröschen bis hin zu Gorillas, Schimpansen und Jaguaren.

Nutzerin Claudia Kammer sieht das anders und antwortete auf den Kommentar: "Das für den menschlichen Verzehr angebaute Soja stammt nicht aus Brandrodungen. Das trifft dann wohl schon eher auf das Futter für die Kuh zu, deren Milch du trinkst." Doch stimmt das? Wird der Regenwald für Soja abgeholzt? Und woher stammt das Soja, mit dem Soja-Lebensmittel hergestellt werden?

Wird der Regenwald für den Sojaanbau abgeholzt?

Richtig ist, dass jährlich große Flächen Regenwald verloren gehen. Der größte Teil davon durch Brände. Im Jahr 2017 etwa waren Waldbrände für knapp ein Drittel (31 Prozent) des Baumverlustes im Regenwald verantwortlichfast alle davon auf die ein oder andere Weise von Menschen verursacht. Tatsächlich dürften (inzwischen illegale) Brandrodungen, bei denen Feuer gelegt werden, um Platz für Rinderzucht oder Landwirtschaft zu schaffen, eine der Hauptursachen der Brände sein.

Durch die Brände - aber auch durch Abholzungen und den Einsatz von Pestiziden – sind zahlreiche Tierarten vom Aussterben bedroht. Laut einem aktuellen UN-Bericht könnten in den nächsten Jahrzehnten bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten weltweit verloren gehen. Die Hauptursachen dafür laut dem Bericht: Fischerei, Forst- und Landwirtschaft, letztere insbesondere für die Fleischproduktion und industrielle Monokulturen – darunter auch Soja.

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Seit den 1970er-Jahren sind allein in Brasilien mehr als 34 Millionen Hektar Land in Sojaanbauflächen umgewandelt worden.

Seit den 1970er-Jahren ist der Anbau von Soja weltweit explodiert. Das zeigen die Zahlen für Brasilien, dem zweitgrößten Sojaproduzenten der Welt (nach den USA) und dem Land, in dem der größte Teil des Regenwaldes liegt: 1970 produzierte Brasilien etwa eine Million Tonnen Soja. 2017 waren es schon 114 Tonnen. Im selben Zeitraum wuchs die Fläche, auf der Soja in Brasilien angebaut wird, von etwa einer Million Hektar auf 34 Millionen Hektar – einer Fläche fast so groß wie Deutschland mit 35,7 Millionen Hektar.

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Wie die Grafik zeigt, spielte die Sojaproduktion in vielen der heute wichtigsten Exportnationen noch 1970 quasi keine Rolle.

Trägt der Sojaanbau zum Klimawandel bei?

Ja, sogar erheblich. Laut einer Studie der EU-Kommission aus dem Jahr 2013 ist eine einzige Pflanze, Soja, verantwortlich für 19 Prozent der globalen Entwaldung zwischen 1990 und 2008. Und das ist schlecht fürs Klima: Denn durch die Rodungen sterben nicht nur viele Tierarten aus – es wird auch jede Menge Kohlendioxid freigesetzt, das in den Bäumen und im Boden gespeichert war. Das freigesetzte CO2 trägt zur globalen Erderwärmung bei.

Da der Sojabohnenanbau in den letzten Jahren stark zugenommen hat, dürften sich die Klimafolgen des Sojaanbaus seit 2013 eher noch verschlechtert haben. Im Verkaufsjahr 2017/18 lag die weltweite Ernte bei 360 Millionen Tonnen Soja, 70 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Das belegen Zahlen der US-amerikanischen Behörde für Landwirtschaft (USDA). Das größte Wachstum in Anbauflächen ist dabei in Südamerika zu verzeichnen, in Argentinien, Brasilien und Paraguay.

Tragen deutsche Konsumenten eine Mitschuld am Sojaanbau?

In der Tat. Denn die EU ist mit etwa 33 Millionen Tonnen pro Jahr der zweitgrößte Importeur von Soja weltweit, nach China. Besonders viel Soja konsumieren Deutschland und Frankreich: 2017 importierte allein Deutschland etwa 6,2 Millionen Tonnen Soja. Das sind etwa 19 Prozent der gesamten EU-Importe. (Quelle)

Also sind die Veganer Schuld, die so viel Tofu essen?

Nein. Denn der Großteil der weltweiten Sojaernte landet nicht in den Mägen der Veganer, sondern in denen der Fleischesser – zumindest indirekt. Denn laut einem aktuellen Greenpeace-Report werden etwa 87 Prozent der Sojaernte als Sojaschrot an Geflügel, Rinder und Schweine verfüttert. Denn Soja ist reich an Protein, resistent und vergleichsweise günstig im Anbau – und daher ein gern genutztes Tierfutter. Es ist also die weltweit steigende Nachfrage nach Fleisch, die dafür sorgt, dass immer neue Anbauflächen für Sojapflanzen gefunden werden müssen.

Nur etwa sieben Prozent der weltweiten Sojaernte werden zur Herstellung von menschlichen Lebensmitteln eingesetzt, zum Beispiel für Sojadrinks, Sojasauce und Tofu. Außer in klassisch "veganen" Lebensmitteln wird Soja aber auch in vielen Backwaren, in Margarine und als Bratöl verwendet. Weitere sechs Prozent werden für die Herstellung von Biodiesel eingesetzt.

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Nur ein kleiner Teil des Sojas geht in die Herstellung von Lebensmitteln.

Fleischproduktion ist ineffizient

Die Verwendung von Soja als Futtermittel wirft jedoch noch ein anderes Problem auf: Sie ist ineffizient. Anders gesagt: Wenn Soja direkt verarbeitet wird, können dadurch viel mehr Menschen satt werden, als wenn es an Tiere verfüttert wird. Denn das Tier braucht die Energie, die in Soja und anderem Getreide enthalten ist, für den eigenen Stoffwechsel, um sich zu bewegen und um Gewebe aufzubauen. Und ein bedeutender Teil dieses Gewebes ist nicht essbar, liefert also kein Fleisch für die menschliche Ernährung. Einer Studie der Universität Manitoba in Kanada zufolge werden insgesamt nur etwa vier Prozent (Rind) bis zwanzig Prozent (Huhn) der Proteine in Getreide und Hülsenfrüchten (darunter auch Soja), die an Tiere verfüttert werden, am Ende in essbare Proteine und Fette verwandelt.

Für die Jahre bis 2050 sagt die FAO – die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen – übrigens noch einmal einen Anstieg der weltweiten Fleischproduktion um 76 Prozent und des weltweiten Sojaanbaus um 45 Prozent voraus. Wenn sich das Essensverhalten also nicht radikal ändert, wird das Problem weiter zunehmen.

Woher kommt das Soja in Soja-Lebensmitteln?

Wie bereits gesagt: Nur ein sehr kleiner Teil der weltweiten Sojaernte wird für Soja-Lebensmittel verwendet. Doch tragen auch diese zur Abholzung des Regenwaldes bei? Eher nicht. Eindeutig beantworten lässt sich die Frage nicht, da es kaum wissenschaftlichen Untersuchungen zu den Produktionsketten der Soja-Lebensmittel-Hersteller auf dem deutschen Markt gibt.

Vieles deutet aber darauf hin, dass der Großteil des Sojas, das in Vegan-Produkten verwendet wird, nicht aus Abholzung stammt. Denn ein Großteil des Sojas, das in Nord- und Südamerika angebaut wird, ist genverändertes Soja. Und Lebensmittel, die mehr als 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Bestandteile enthalten, müssen in Europa klar als solche ausgewiesen werden. Gerade für die Hersteller von veganen Produkten sind die Sojabohnen aus Südamerika deshalb keine attraktive Option. Viele der Hersteller führen außerdem das EU-Bio-Siegel; in diesem Fall darf gar keine Gentechnik verwendet werden.

Ein weiterer Anhaltspunkt: Die Vegan-Bloggerin Sabrina Kley hat für ihren "Niemblog" viele Anbieter von veganen Soja-Lebensmitteln in Deutschland zur Herkunft des Sojas befragt. Das Ergebnis: Nur vier der über 30 Hersteller konnten die Herkunft ihrer Sojabohnen nicht genau zurückverfolgen oder bezogen Bohnen aus Südamerika. Die komplette Liste lässt sich hier einsehen.

Kleys Ergebnisse decken sich mit denen der Stiftung Warentest, die vergangenes Jahr 15 der beliebtesten deutschen Soja-Drinks geprüft hat. Zwölf der Soja-Drinks trugen das offizielle EU-Biosiegel, sie dürfen also kein gentechnisch verändertes Soja aus Südamerika enthalten. Bis auf einen Hersteller (Drinho) machten alle klare Angaben dazu, woher sie ihr Soja bezogen: entweder aus Europa oder aus Bioanbau in Kanada. Zweifel am angegebenen Herkunftsland hatten die Prüfer bei keinem der Drinks.

Fazit: Es ist richtig, dass der Sojaanbau weltweit zunimmt und dies zur Zerstörung des Regenwaldes und anderer wichtiger Ökosysteme beiträgt. Verantwortlich dafür ist allerdings nicht die Zunahme von veganen Lebensmitteln – sondern der weltweit steigende Fleischkonsum. Denn der Großteil der Sojaernte fließt in die Herstellung von Sojaschrot, der wiederum vor allem als Futtermittel für Tiere eingesetzt wird. Je nach Untersuchung endet bis zu 90 Prozent der Sojaernte in Futtertrögen. Hinzu kommt, dass bei der Herstellung von Fleisch (Tierhaltung) sehr viel mehr Protein verschwendet wird als beim Anbau von Soja für Lebensmittel. Und: Die meisten Hersteller von Soja-Lebensmitteln achten darauf, dass ihr Soja nicht aus Regenwaldgebieten stammt.

#fragBR24💡 Was wäre, wenn sich jeder vegan ernähren würde?

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