BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© picture alliance/imageBROKER/Simon Katzer
Bildrechte: picture alliance/imageBROKER/Simon Katzer

Rezeptoren, die als Eintritt für Covid-19 gelten, wurden besonders häufig in dem Teil der Nase gefunden, der für das Riechen verantwortlich ist.

7
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Coronavirus: Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn geklärt?

Besonders viele Menschen leiden am Verlust ihres Geruchs- und Geschmackssinns während einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus. Forscher glauben jetzt herausgefunden zu haben, woran das liegt.

7
Per Mail sharen
Von
  • Katrin Klaus
© BR24
Bildrechte: BR24

Und plötzlich riechen sie den Kaffee nicht mehr: Der Verlust des Geruchssinns ist eines der ersten Anzeichen für eine Corona-Infektion.

Wenn auf einmal das Essen nach nichts mehr schmeckt, könnte es ein Warnhinweis auf das Coronavirus sein: Tobias Welte, Mediziner der Klinik für Pneumologie der Medizinischen Hochschule Hannover, berichtet von drei ehemaligen Covid-19-Patienten, denen das Kochen untersagt wurde. Weil sie alles versalzen hatten. Und das sechs Wochen nach der offiziellen Gesundung. Bei manchen Patienten dauert es auch bis zu drei Monate, bis der vollständige Geruchs- und Geschmackssinn nach einer Covid-19-Erkrankung zurückkommt. Das liegt daran, dass die beschädigten Zellen Zeit brauchen, um zu heilen. Bei manchen geht das schneller, bei anderen langsamer.

Geruchsverlust häufiges Symptom

Doch warum ist der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn so typisch und ein so häufiges Symptom bei Covid-19 - gerade auch, wenn man keine anderen Symptome hat? Forscher der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore wollen darauf jetzt eine Antwort gefunden haben. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie heute im European Respiratory Journal. Dafür untersuchten sie Gewebeproben aus Nase und Rachen in verschiedenen Experimenten.

Virus dringt über Rezeptoren in Körper ein

Dabei fanden sie heraus, dass das Protein Angiotensin Converting Enzyme 2 (ACE2) besonders häufig in der Riechschleimhaut der Nase vorhanden ist. Die Riechschleimhaut ist für das Riechen verantwortlich und macht es erst möglich. Gleichzeitig gelten die ACE2-Rezeptoren als gern genutzte Eintrittspforte für das Coronavirus. Das Virus braucht die Rezeptoren, um die Zellen befallen zu können. Durch die beschädigten Zellen können wir nicht mehr (gut) riechen.

Covid-19 anders als andere Atemwegserkrankungen

Was Professor Andrew P. Lane, einen der Studienleiter, besonders interessierte, war die Tatsache, dass wir bei anderen Atemwegserkrankungen den Geruchs- oder Geschmackssinn verlieren, weil die Atemwege verstopft oder blockiert werden. Der Nasengang schwillt an und die Luft kann nicht mehr so gut zirkulieren. Das ist bei Covid-19 nicht der Fall.

Gewebeproben aus Nase und Rachen

Die Forscher entfernten Gewebe aus der Nase von 23 Patienten während kleinerer chirurgischer Eingriffe, die zur Behandlung von Tumoren oder einer chronischen Rhinosinusitis (eine gleichzeitige Entzündung der Nasenschleimhaut und der Schleimhaut der Nasennebenhöhlen) dienten. Bei sieben weiteren Patienten entfernten sie Gewebe durch eine Biopsie aus der Luftröhre. Keiner von den Patienten wurde positiv auf das Coronavirus getestet. Im Labor untersuchten die Forscher die Gewebeproben mit Fluoreszenzmarkern, um das Vorhandensein der ACE2-Rezeptoren unter dem Mikroskop sichtbar zu machen. Außerdem konnten sie so die Häufigkeit von ACE2 in verschiedenen Zelltypen und verschiedenen Teilen der Nase und des Rachens miteinander vergleichen.

Häufigkeit von ACE2-Rezeptoren

Die mit Abstand meisten ACE2-Rezeptoren fanden die Forscher in den Zellen der Riechschleimhaut - genau jener Stelle in der Nasenschleimhaut, an der sich die Sinneszellen des Geruchssinns befinden. Dort wurden die ACE2-Proteine zwischen 200- und 700-mal häufiger gefunden als in anderen Teilen von Nase und Rachen. Diese Häufigkeit trat bei allen Proben auf, egal, weswegen der Patient behandelt wurde. Nicht gefunden wurden ACE2-Rezeptoren hingegen in den olfaktorischen Neuronen, also denjenigen Nervenzellen, die Geruchssignale an das Gehirn weiterleiten.

Riechschleimhaut einfach für Viren zu erreichen

Wenn die ACE2-Rezeptoren besonders viele Türen für das Coronavirus öffnen können, erklärt sich, warum der Geruchssinn bei vielen Patienten ausfällt. Die beschädigten Zellen können nicht mehr richtig arbeiten und von dort verbreitet sich das Coronavirus im Körper. Die Riechschleimhaut ist nicht besonders versteckt im Körper, einfach für Viren zu erreichen - das könnte auch erklären, warum man sich so leicht mit Covid-19 anstecken kann.

Professor Lane und sein Team wollen noch weitere Experimente durchführen, um ihre Erkenntnisse zu untermauern. So hoffen sie, eine antivirale Therapiemöglichkeit finden zu können, die direkt über die Nase verabreicht werden kann.

Bis zu 80 Prozent mit Geruchsverlust

Nach Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover ist der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns das einzig sichere Symptom, bei dem man davon ausgehen kann, dass man infiziert ist. Alle anderen Symptome wie Fieber oder Husten treten auch bei anderen Krankheiten auf. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine neue Studie an der die Uniklinik Erlangen beteiligt ist. Dabei wurden Fragebögen von 40.000 Patienten weltweit ausgewertet. Das Ergebnis: Bis zu 80 Prozent der Patienten leiden am Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn. Professorin Jessica Freiherr vom Uniklinikum Erlangen rät daher jedem, der nicht mehr gut riechen oder schmecken kann, zum Arzt zu gehen.

Salzig häufiger betroffen als süß

Welte führt an, dass sich sogar Umfang sowie Art und Weise des Verlusts von Geruchs- und Geschmackssinn unterscheiden. Seiner Erfahrung nach sind die Geschmacksrichtungen sauer und salzig häufiger betroffen als beispielsweise süß. Seine Patienten könnten Schokolade schmecken, eine Tomate aber nicht. Trotz der Tatsache, dass der Verlust über die Erkrankung hinaus anhält, geht man aber davon aus, dass sich die Zellen erholen und alle Sinne wieder zurückkehren.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!