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Jugendliche raucht einen Joint.
© picture-alliance / BSIP/SGO

Autoren

Georgia Tscharke
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Jugendliche raucht einen Joint.

Offenbar reichen schon ein bis zwei Joints, damit bei Jugendlichen in einigen Hirnarealen die graue Substanz zunimmt. Es ließen sich leichte Defizite im logischen Denken und in der Motorik feststellen. Das haben Forscher der University of Vermont, Burlington, im Januar 2019 im Fachblatt "Journal of Neuroscience" beschrieben.

Cannabis erhöht graue Hirnsubstanz

Die Methode der beiden Forscher Catherine Orr und Hugh Garavan ist anders als die bisherigen. Sie haben nicht erwachsene Cannabis-Konsumenten untersucht, die regelmäßig einen Joint rauchen. Stattdessen haben sie sich über das Projekt IMAGEN insgesamt 46 Jugendliche aus verschiedenen Ländern Europas ausgesucht, die selbst angeben, erst ein- oder zweimal Cannabis probiert zu haben.

Zu der Gruppe der 46 Teenager gibt es eine gleich große Kontrollgruppe, die behauptet, noch nie Cannabis ausprobiert zu haben. Die Wissenschaftler haben die Hirnscans der Jugendlichen über mehrere Jahre verglichen und entdeckt, dass das Volumen an grauer Hirnsubstanz bei den Cannabiskonsumenten leicht erhöht ist, vor allem im Bereich des Hippocampus und des Kleinhirns, wo die Rezeptoren für Cannabis sitzen. In diesen Hirnregionen werden Informationen gespeichert und Emotionen verarbeitet.

Logisches Denken und Motorik beeinträchtigt

Die Frage ist nun, warum sich der Anteil an grauer Hirnmasse erhöht? Garavans Erklärung: Etwa im Alter von 14 Jahren verändert sich das jugendliche Gehirn stark, es wird effizienter. Verknüpfungen zu verschiedenen Hirnarealen werden neu strukturiert und optimiert. Durch den Cannabiskonsum erhöht sich die graue Gehirnmasse an bestimmten Stellen und der natürlich ablaufende Ausdünnungsprozess ist gestört. Sein Fazit: Das könnte im späteren Leben zu Angststörungen, Beeinträchtigungen im logischen Denken und der motorischen Geschicklichkeit führen. Das sind Entwicklungen, die auch bei regelmäßigen Cannabis-Konsumenten bekannt sind.

Kritik an der Methodik der Studie

Hier setzt die Kritik an der Studie an: Derek Hill, Experte für bildgebende Verfahren am University College London, gibt zu bedenken, dass es eine Standardmethode gibt, um zu untersuchen, wie sich Drogen auf das Gehirn auswirken. Sie sieht vor, Menschen Drogen in kontrollierten Mengen zu verabreichen und vorher und nachher Hirnscans durchzuführen. Dies verbietet sich bei Jugendlichen allerdings aus ethischen Gründen.

Kausaler Zusammenhang nicht eindeutig

Auch Eva Hoch, Leiterin der Forschungsgruppe Cannabinoide am Universitätsklinikum München (LMU) sieht weiteren Forschungsbedarf. "Die Frage nach einem kausalen Zusammenhang zwischen den sehr geringen Dosen des Cannabiskonsums und den beobachteten Effekten sollte mit Vorsicht beantwortet werden", kommentiert sie. Es sei sinnvoll, bei einer Wiederholung der Studie den Cannabiskonsum der Jugendlichen nicht allein anhand von Selbstaussagen zu ermitteln. Außerdem wäre es wichtig zu wissen, wie hoch die Konzentration der psychoaktiven Substanz Tetrahydrocannabinol (THC) in den konsumierten Joints war, denn diese kann stark variieren.

Geringe THC-Mengen schaden dem jugendlichen Gehirn

Noch ein Punkt ist offen und auf den weist Garavan selbst hin: Bei den ein- bis zweimaligen Cannabiskonsumenten sind nur geringe Abweichungen von sechs Prozent im Vergleich zu einer normalen Gehirnstruktur zu finden. Und auch innerhalb der Testgruppe finden sich Varianzen. Das könnte darauf hindeuten, dass manche Jugendliche anfälliger für diese Substanzen sind als andere. Schon geringe THC-Mengen beeinträchtigen bei ihnen die Architektur des Gehirns.

Was ist das Projekt IMAGEN?

Psychiater, Psychologen und Hirnforscher untersuchen hauptsächlich Hirnerkrankungen und seelische Leiden von Kindern und Jugendlichen. Bei rund 2.400 Jugendlichen aus Irland, England, Frankreich und Deutschland werden Gehirnscans und neurologische Untersuchungen im Alter von 14, 16, 19 Jahren und im jungen Erwachsenenalter gemacht und diese miteinander verglichen.