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Über die Schadstoffbelastung der Luft wird heftig diskutiert. Kann man an den Abgasen in unseren Städten sterben? #fragBR24
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Über die Schadstoffbelastung der Luft wird heftig diskutiert. Kann man an den Abgasen in unseren Städten sterben? #fragBR24

Eine Hochrechnung, die aufschrecken lässt: Etwa 43.000 Menschen seien 2015 in Deutschland vorzeitig wegen verpesteter Luft durch Feinstaub und Ozon gestorben, davon 13.000 Menschen durch Emissionen im Straßenverkehr. Diese Hochrechnung veröffentlichte die Forschungsorganisation ICCT. Auch BR24 berichtete darüber.

Das Thema führt zu heftigen Diskussionen. Tenor: Die Studie enthalte methodische Mängel und derartige Kritik an Dieselemissionen sei irreführend. So kritisieren Leser auf der Facebook-Seite von BR24:

Kommentare von Usern der BR24-Facebook-Seite

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Was ist nun dran an den Behauptungen zu den Abgastoten - und der Kritik daran? Führt Feinstaub zu Toten?

Vorzeitige Todesfälle durch Feinstaub nicht direkt nachweisbar

Zur Methodik der ICCT-Hochrechnung: Statistiker stellen das Konzept der "Anzahl vorzeitiger Todesfälle", wie es ICCT anwendet, grundsätzlich infrage. Weil Menschenversuche mit Feinstaub sich verbieten, beruhen alle Ursache-Wirkungs-Aussagen auf Annahmen und Durchschnittsberechnungen. Durch Vergleich von Sterbestatistiken versuchen Medizinstatistiker, die Anzahl der vorzeitig Verstorbenen zu errechnen und einen plausiblen Grund dafür zu finden.

Das Problem mit solchen Modellrechnungen: Eine Aussage über die durchschnittlich verlorenen Lebensjahre pro Person ist mit den vorhandenen Statistiken möglich, eine Aussage über die Zahl vorzeitiger Todesfälle durch Feinstaub jedoch nicht. Schon weil es unmöglich ist zu sagen, wie lange eine Person gelebt hätte, führt die Schätzunsicherheit zu unpräzisen Aussagen über "vorzeitige Todesfälle". Fazit: Das Vorgehen einer solchen Hochrechnung wird methodisch angegriffen, etwa von Arbeitsmedizinern, Statistikern und Ökonomen.

Der Zusammenhang zwischen Dieselabgasen und Krankheit

Die Modellrechnung des ICCT setzt voraus, dass Dieselabgase tatsächlich eine Ursache von Krankheit sind. Aber auch hier ist bei der Interpretation von statistischen Modellrechnungen wie vom ICCT Vorsicht geboten. Dieselmotoren erzeugen Stickstoffdioxid. Ob und wie langfristiger Kontakt mit diesem ätzenden Reizgas zu Krankheiten führt, die auch tödlich ausgehen können, ist wissenschaftlich nicht abschließend erforscht. So heißt es im Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestags zum Abgas-Skandal: "Epidemiologisch ist ein Zusammenhang zwischen Todesfällen und bestimmten NO2-Expositionen im Sinne einer adäquaten Kausalität nicht erwiesen."

Im Kern geht die wissenschaftliche Debatte darüber, ob Auswertungen der Bevölkerungsstatistik (wie die des ICCT) zur Verbreitung von Krankheiten auch eindeutige Aussagen zulassen, wie giftig ein Stoff im Einzelfall tatsächlich ist, wenn man ihn isoliert.

Stickoxid-Emissionen seit 1990 halbiert

Unbestritten ist, dass sich seit 1990 die Stickoxid-Emissionen in Deutschland auch durch technischen Fortschritt halbierten. Trotzdem ist es sinnvoll, auf die Stickoxid-Werte im Straßenverkehr zu schauen. Wo viel gefahren wird, da ist auch viel Stickstoffdioxid. Und wo viel Stickstoffdioxid ist, da sind auch viele Feinstäube. Die entstehen etwa im Straßenverkehr durch Abrieb von Reifen oder Bremsscheiben.

Können Feinstäube die Ursache für Krankheiten sein ?

Dass diese Partikel Krankheiten verursachen können, darauf gibt es Hinweise. Wissenschaftlichen Modellrechnungen zufolge

gelten zwei Zusammenhänge:

1. Je mehr Feinstaub Menschen ausgesetzt sind, desto mehr Lebensjahre mit eingeschränkter Gesundheit drohen ihnen wahrscheinlich.

2. Steigt die Feinstaubkonzentration, steigt auch die Zahl tödlich verlaufender Leiden wie zum Beispiel Lungenkrebs oder Herz-Kreislauferkrankungen.

Wissenschaftliche Hinweise dazu hat die deutsche pneumologische Gesellschaft zusammengefasst.

Es sei zu beachten, schreiben die Autoren, dass die statistischen Zusammenhänge, die zwischen Luftschadstoffen und gesundheitlichen Ergebnissen gefunden werden, keine direkten Aussagen über deren ursächliche Beziehungen ermöglichen.

Feinstaub begünstigt tödliche Erkrankungen

Fazit: Todesfälle durch Feinstaub sind zwar direkt nicht nachweisbar. Aber als gesichert kann gelten: Überall dort, wo sich besonders viel Feinstaub in der Luft konzentriert, ist die Zahl tödlich verlaufender Erkrankungen erhöht. Dieser Befund gilt unabhängig von möglichen methodischen Mängeln bei sogenannten Vorzeitige-Todesfälle-Studien, wie sie das ICCT vorlegte.