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© Martin Sigmund/Theater Regesburg
Bildrechte: Martin Sigmund/Theater Regesburg

Der Vetter aus Dingsda

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Zwischen Fress - und Dauerwelle: "Der Vetter aus Dingda"

Eduard Künnekes Erfolgsoperette kommt in Regensburg als Fünfziger-Jahre-Satire heraus: Blümchen-Gardinen, Lockenwickler und Buttercreme-Torte sind die Orientierungspunkte. Ein unterhaltsamer Spaß. Nachtkritik von Peter Juingblut.

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Operette geht gar nicht, sagen sich ja nicht gerade wenige Zuschauer, und denken dabei an betuliche Komödienfilme aus den muffigen fünfziger und sechziger Jahren, als Peter Alexander und Willy Millowitsch das deutsche Humor-Niveau bestimmten. Gelacht wurde damals nicht über Witze, sondern über Nudelhölzer, alles andere hatten die Deutschen in der NS-Zeit verlernt.

Lederhosen, Hornbrillen, Kittel und Lockenwickler

Auch Eduard Künnekes Erfolgsoperette "Der Vetter aus Dingsda" wurde in diesem klamaukig-unsäglichen Stil verfilmt, zwei Mal sogar, 1953 mit Gunther Philipp und Grete Weiser, 1970 mit Willy Millowitsch und Brigitte Mira. Am Theater Regensburg war das Stück jetzt als Satire auf diese Art Filmklamotte zu sehen, herrlich authentisch ausgestattet von der Kostüm- und Bühnenbildnerin Dietlind Konold. Vermutlich hat sie sich ein halbes Jahr mit sämtlichen verfügbaren Heimat- und Pauker-Filmen in ihrer Wohnung eingeschlossen, so detailtreu waren die gepunkteten Petticoat-Röcke, die braunen Sandalen, die Lederhosen, Hornbrillen, Kittel und Lockenwickler-Frisuren.

Schwule Putzkräfte mit rosa Wedeln

Nur die beiden schwulen männlichen Putzkräfte, die mit rosaroten Staubwedeln durchs Haus fächeln und mit gespreizten Fingern den Garten bewässern, die wären in den Fünfzigern in keinem Operettenfilm aufgetreten, weil sich das Publikum damals Homosexuelle genau so vorstellte. Regisseur Aron Stiehl verlegte den "Vetter aus Dingsda" also in eine längst untergegangene Heinz-Erhardt-Welt samt Gartenstühlen, Ententeich und Salatbeet.

Der Hund heißt "Wotan"

Mutti war immer in der Küche beschäftigt, Vati vertilgte Schnitzel und Bild-Zeitung, die Jungs träumten von einer Vespa, die Mädchen seufzten dem Mond hinterher, und der Haus- und Hofhund heißt natürlich "Wotan", wie überhaupt Richard Wagner im damaligen Spießbürgertum in hohen Ehren gehalten wurde. Deshalb fährt auch ein Schwan über die Bühne wie im "Lohengrin" und das Orchester lässt ein paar Takte das entsprechende Vorspiel erklingen. Alle, die als Kind in kurzen Lederhosen herumgelaufen sind, bei Tisch nicht zappeln durften und keine anderen Blumen als Nelken kannten, wissen, wovon die Rede ist.

Menschenfresser und Orang-Utan

Und der Wahnsinn wurde noch gesteigert, denn bei Eduard Künneke ist das "Dingsda" ja nichts anderes als Batavia, heute besser bekannt als Indonesien. Solche fernen Gegenden wurden im Nachkriegsdeutschland gern mit Menschenfressern, Baströckchen und Orang-Utans in Verbindung gebracht - weshalb all das in der Regensburger Inszenierung auch aufgefahren wurde. Auch das "Dschungelbuch" war ja bizarr kolonialistisch gemeint. Insgesamt rührte Aron Stiehl also eine Operetten-Alptraum-Satire an, die ständig Angst und Schrecken verbreitete, nämlich darüber, was hierzulande mal als lustig galt. Und das wiederum war höchst amüsant, nicht nur wegen der liebevollen Ausstattung, sondern auch wegen der meisterhaften Bewegungsregie, die immer wieder ins Absurde kippte.

Leben mit Buttercremetorte und TV

Am Ende sitzen alle um eine monströse Buttercreme-Torte herum, einschließlich eines echten Hundes, und machen sich auf ein Leben vor dem Fernseher gefasst. Da allerdings, und das ist der einzige Anachronismus der Premiere, lief 1954 noch nicht das "Wunder von Bern", weil es Fußballübertragungen damals nur im Radio gab. Aber der Fernseher, der in Regensburg auf der Bühne stand, konnte sich dafür selbständig fortbewegen. Unter den Solisten waren es vor allem Michael Heuberger und Ruth Müller, die als schrulliges, wohlanständiges Ehepaar der Fresswellen-Zeit für beste Unterhaltung sorgten: Da wird mancher Zuschauer Oma und Opa erkannt haben, als die noch wesentlich jünger waren.

Entenquaken im Orchester

Auch die weißrussische Sopranistin Anna Pisareva und Martina Fender als heiratssüchtige Backfische waren bestens gelaunt und disponiert. Weniger überzeugend wirkte Matthias Laferi als Liebhaber August Kuhbrot, er war stimmlich wie schauspielerisch arg farblos. Dagegen brillierte der Österreicher Angelo Pollak mit einer schmähtriefenden Dialekt-Einlage. Der ungarische Dirigent Levente Török schaffte es, das Orchester nicht nur launig aufspielen zu lasse, sondern es auch schauspielerisch einzusetzen, einschließlich Entenquaken. Großartig, dass bei diesem schrägen Sound alle Musiker mitgemacht haben! Als Satire hat die Operette also auf jeden Fall eine Chance. 


Wieder am 1. und 11. November, sowie viele weitere Termine.

© MARTIN SIGMUND

Der Vetter aus Dingsda

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