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Klagelieder für die NSU-Opfer | BR24

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© BR Cornelia Zetzsche

Esther Dischereit über ihr Projekt "Blumen für Otello"

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Klagelieder für die NSU-Opfer

Die Berliner Autorin Esther Dischereit schrieb Klagelieder für die Mordopfer des NSU. Eine moderne Antigone. Mit ihrem Buch „Blumen für Otello - Über die Verbrechen von Jena“ macht sie die Trauer öffentlich. Von Cornelia Zetzsche

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Verse der Trauer

„Ich kaufe ein in diesem Laden/ Milch und das weiße Brot/ das sie die Hochzeit nennen/ Mit dem Wechselgeld/ gab es manchmal eine Handvoll/ Pistazien …“

So beginnt die deutsch-jüdische Journalistin und Hörspiel-Autorin ihre Klagelieder, die sie den Opfern des NSU-Terrors widmet. Esther Dischereit schreibt von ihnen als Nachbarn: vom Mädchen mit den langen seidigen Haaren; dem kleinen Gauner; dem Kind, dessen Papa nicht mehr zurückkehrt; den Rosen am Grab.

„Dass hier jemand zwei Kinder hinterlässt, dass hier jemand eine Ehefrau und eine alte kranke Mutter hinterlässt, das hat mich interessiert! Jeder kann wissen, was es bedeutet, wenn eine Familie so einen Verlust zu beklagen hat. Und da habe ich mich angelehnt an das, was ich vorfand, aber doch ganz eigene Figuren geschaffen.“ (Esther Dischereit)

Ein Epitaph in zwei Sprachen

Esther Dischereit beobachtete den NSU-Prozess, anfangs auch im Gerichtssaal 101. Sie las Akten, Zeugen-Aussagen, Dokumente, Ermittlungen von Zielfahndern, um aus diesem hochexplosiven Stoff ein Libretto und poetische Verse zu machen, vielstimmig, in deutscher und türkischer Sprache, übersetzt von Saliah Yeniol.

„Für mich ging es damit um eine symbolische Wertschätzung.“ (Esther Dischereit)

Kunst als öffentliche Klage

Fünf Jahre dauerte der Prozess, in dem vor allem die Täter im Zentrum des öffentlichen Interesses standen. Esther Dischereit erinnert an die Opfer. Mit ihrem Buch „Blumen für Otello“ schreibt sie gegen das Vergessen, damit die Opfer nicht hinter den Karteikarten verschwinden. Dokumentationen informieren uns. Aber die Kunst, sagt sie, weckt unsere Empathie.

„Die Ermordeten sind ja nicht privat umgekommen, das wäre schlimm genug. Nein, sie sind umgekommen, während der Staat zugesehen hat. Und ich fand das eine ganz dringende Aufgabe, dass diese Trauer im öffentlichen Raum gehalten wird.“ (Esther Dischereit)

Esther Dischereit: „Blumen für Otello“, Deutsch und Türkisch, Übersetzung: Saliah Yeniol, Secession Verlag, 29,95