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Joe Sacco und seine Comic-Reportage "Wir gehören dem Land" | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bild: Joe Sacco / Edition Moderne

In seinem neuen Buch "Wir gehören dem Land" erzählt der amerikanische Comic-Reporter Joe Sacco von den Dene, der indigenen Bevölkerung in den Nord-West-Territorien Kanadas. Im 20. Jahrhundert wurden die Stämme massiv unterdrückt.

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Joe Sacco und seine Comic-Reportage "Wir gehören dem Land"

Die Dene gehören zu den First Nations in Kanada und leben in den Nord-West-Territorien. Im 20. Jahrhundert sollten sie, auf Anweisung der Regierung, auf brutale Weise assimiliert werden. Joe Sacco erzählt vom Leid dieses indigenen Volkes in Kanada.

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Joe Sacco, Jahrgang 1960, ist Comic-Reporter und lebt in Portland, im US-Bundesstaat Oregon. Immer wieder ist er in Regionen unterwegs, die von großen Konflikten erschüttert wurden und werden, darunter Palästina, der Gaza-Streifen oder auch Bosnien-Herzegowina. Über seine Begegnungen mit den Menschen - und ebenso über die Geschichte und Gegenwart, mit denen diese konfrontiert werden - zeichnet Joe Sacco große Reportage-Bücher. Sein neuer Band "Wir gehören dem Land" widmet sich den Dene in den kanadischen Nord-West-Territorien und damit der indigenen Bevölkerung im Land. Vier Jahre lang hat Sacco recherchiert, geschrieben und gezeichnet. Ein Gespräch über Ausbeutung, Leid und die Hoffnung auf eine junge Generation.

Niels Beintker: Warum wollten Sie uns gerne in den Norden Kanadas entführen und von den Dene erzählen?

Joe Sacco: Ursprünglich wollte ich ein Buch über den Klimawandel schreiben und zeichnen. Nicht so direkt, mehr im Hintergrund einer Geschichte. Ich habe überlegt, wer ist zuerst betroffen vom Abbau von Bodenschätzen? Das ist die indigene Bevölkerung. Ich dachte, Kanada wäre ein guter Ausgangspunkt. Ich wollte Angehörige der First Nations kennenlernen und erfahren, was mit ihnen geschehen ist. Nachdem ich ein paar Wochen dort gewesen bin, war klar, die Geschichte wird größer und sie wird sich mehr dem Kolonialismus widmen. Das hängt eng mit der Gewinnung von Rohstoffen zusammen. Es war nicht die einfache Art von Geschichte, die ich zu finden hoffte: Angehörige der indigenen Völker versuchen ihr Land vor denen zu schützen, die es ausbeuten wollen. Es war weitaus mehr.

Das Leben der Dene hat sich im 20. Jahrhundert völlig verändert. Die kanadische Regierung hat das Volk – und mit ihm viele andere – kolonialisiert. Die Stämme, viele von ihnen Jäger, besitzen nicht mehr ihre ursprüngliche Lebensweise und damit ihre Kultur. Bodenschätze spielen eine wichtige Rolle dabei, ebenso Gas und Öl – Sie zeigen etwa, was beim Fracking passiert. Inwiefern sind die Dene Opfer der Bodenschätze, die auf ihrem Land zu finden sind?

Es gibt viele Beispiele, die das verdeutlichen können. Das gilt ja für alle Menschen, die da leben, wo es Bodenschätze gibt. Jemand kommt, beutet das Land aus und damit eben auch die, die auf ihm zu Hause sind. Bei den Dene war es so: Die kanadische Regierung hat sie von ihrem eigenen Land vertrieben. Sie wollte die indigene Bevölkerung kontrollieren. Und den Angehörigen der Stämme blieben in der Folge allein Jobs in der Öl- und Gasindustrie. Sie wurden Lohnarbeiter, sie konnten nicht länger auf die Weise auf ihrem Land leben, wie sie das kannten. Sie waren plötzlich abhängig von einer instabilen Industrie. Im Augenblick sind die Preise für Öl und Gas sehr niedrig. Die Folge: Es gibt keine Arbeit.

Man kann nicht pauschal sagen, alle indigenen Völker seien gegen den Abbau der Ressourcen. Sie alle wollen gute Verwalter ihres Landes sein. Manche denken, die Bodenschätze könnten ihnen zugutekommen. Das führt zu der Frage, ob sie den Abbau selbst kontrollieren können – und ob sie den Gewinn erhalten. Es hängt davon ab, ob ihnen das Land gehört oder nicht. Das ist auch eine entscheidende politische Frage.

© Joe Sacco / Edition Moderne

Durch den Abbau von Rohstoffen wird das Land der Dene im Norden Kanadas vielfach zerstört.

Mit dieser Frage beschäftigen Sie sich auch in ihrer großen gezeichneten Reportage: Die kanadische Regierung hat einige Verträge mit den Ureinwohnern geschlossen, zum Beispiel – im frühen 20. Jahrhundert – Vertrag Nummer 2 und Nummer 11. Die Angehörigen der Dene sollten jedes Jahr ein paar Dollar und einige Werkzeuge bekommen. Inwiefern wurde damit ihre ursprüngliche Kultur zerstört?

Die Angehörigen der indigenen Völker würden sagen: Das sind Freundschaftsverträge. Sie glauben nicht wirklich, dass sie ihr Land in andere Hände geben. Sie haben ein anderes Rechtsverständnis als die Europäer. Die Dene haben niemals gedacht, dass das Land ihnen gehört. Sie sind der Überzeugung, sie sind ein Teil des Landes – sie gehören dem Land. Dass sie einen Vertrag unterschreiben, der ihnen jedes Jahr ein Fischernetz und ein paar Dollar zusichert, bedeutet für sie nicht, dass sie die Rechte am Land übergeben. Sie betrachten das Land nicht in diesem Sinn. Aus Sicht der kanadischen Regierung besiegeln die Verträge das Schicksal derer, die sie unterzeichnet haben. Die indigene Bevölkerung denkt völlig anders über diese Verträge. Für sie waren das Freundschaftsverträge.

Es geht nicht nur um die Ausbeutung der Bodenschätze. Im Mittelpunkt Ihres Buches „Wir gehören dem Land“ erzählen Sie von den vielen Dene, die kirchliche Internate besuchen mussten, weit entfernt von zu Hause. Tausende Kinder wurden von den staatlichen Behörden in diese Schulen gebracht. Dort wurden sie auf vielfältige Weise Opfer von Gewalt. Sie zeigen das am Beispiel der Lebensgeschichte der Anwältin Valerie Conrad und vieler anderer. Was ist in diesen Internaten passiert?

Das ist ein ganz wichtiges Kapitel in der Geschichte Kanadas: der Versuch, die indigene Bevölkerung von ihrer ursprünglichen Kultur abzuschneiden und sie zur Assimilation in die weiße Gesellschaft zu zwingen. Sie sollten christianisiert werden. Die Kinder wurden aus den Familien gerissen und in die weit entfernten Schulen gebracht. Dort wurde ihnen verboten, ihre Sprache zu sprechen. Sie sollten sich wie Europäer verhalten, was den Dene und überhaupt der indigenen Bevölkerung wiederum fremd war. Auf diese Weise versuchte die kanadische Regierung, die Bindungen der Dene zu ihrem Land zu zerschneiden. Als die Kinder zurück in ihre Gemeinschaften kamen, konnten sie zum Teil nicht mehr mit ihren Großeltern und Eltern kommunizieren. Auf diese Weise hat man die Dene von dem abgeschnitten, was sie stark macht: von ihrem Land. Dieses System hat der Regierung geholfen, die Menschen zu manipulieren, sie zu brechen. Sie konnten sich nicht wehren gegen das, was mit ihnen gemacht wurde.

Eine Folge dieser brutalen Politik ist auch eine leider weit verbreitete Alkohol-Abhängigkeit, wie Sie zeigen…

Man muss das im Kontext des Kolonialismus betrachten. Die Alkoholabhängigkeit ist eine Folge des Kolonialismus. Die Gemeinschaften waren sehr stark, sie haben ihr Leben selbst geregelt. Wenn man den Menschen nun das Land nimmt – und die Gemeinschaft – treiben sie dahin. Das gab es auch in westlichen Gesellschaften. Im Fall der Dene ist das noch ausgeprägter.

© Joe Sacco / Edition Moderne

Für die indigene Gemeinschaft der Dene ist Alkoholabhängigkeit ein ernstes Problem. Joe Sacco spricht von einer Folge des Kolonialismus.

Paul Andrews, einer der vielen Menschen, die Sie getroffen haben, sagt: „Sie – die Weißen – wollten uns die Persönlichkeit nehmen.“ Valerie Conrad, heute Anwältin, spricht von einem Schandfleck in der Geschichte Kanadas. Es gab eine Kommission für Wahrheit und Vergebung, sie sprach mit Blick auf das, was den Dene angetan wurde, von einem kulturellen Genozid und machte die kanadische Regierung und die Kirchen verantwortlich. Was waren die Konsequenzen dieser Suche nach Wahrheit und Vergebung?

Das ist ambivalent. Einerseits ist es sehr begrüßenswert, dass sich eine Gesellschaft und auch eine Regierung auf diese Weise mit ihren Vergehen auseinandersetzt. Ein Gericht sprach den unmittelbar Betroffenen eine finanzielle Entschädigung zu. Ich thematisiere das auch in meinem Buch: Manche Menschen waren durch dieses Internats-System innerlich zerstört. Sie wurden alkoholabhängig. Als sie nun Geld bekommen haben – und das hat mir einer meiner Gesprächspartner erzählt – haben sich einige zu Tode getrunken. Für viele, die zum Opfer dieser Schulpolitik geworden sind, war es schwer, über das Erlebte zu sprechen. In manchen Fällen war es aber dringend notwendig. Die Folgen ziehen sich über mehrere Generationen. Ich bin mir nicht sicher, ob es der beste Weg ist, den Betroffenen Geld zu geben, das Problem ist damit ja nicht gelöst. In manchen Fällen ist es sicher eine Hilfe. Aber die Situation ist noch immer da. Die Probleme, die mit diesem System entstanden sind, bestimmen die weitere Geschichte.

Die Dene haben ihre ursprüngliche Lebensweise verloren. Sie sind keine Nomaden mehr. Sie leben in Dörfern. Sie haben keine Hundeschlitten mehr, sie haben Schneemobile. Und sie bauen keine Boote mehr, jedes Jahr aufs Neue – ein altes Ritual. Unter den vielen Menschen, die Sie getroffen haben und von denen Sie erzählen, sind auch jüngere, wie Eugene Boulanger, der als Jugendlicher im Gefängnis saß. Er hat für sich die Kultur seiner Vorfahren wiederentdeckt, will die alten Traditionen in sein Leben integrieren, zum Beispiel geht er jagen. Welche Rolle spielen junge Menschen wie er?

Es gibt eine kleine Gruppe von Menschen, die fühlen: Ihre Eltern haben so viel verloren, durch die Verschleppung in die Internate. Sie versuchen zurück zu blicken und sich am ursprünglichen Denken der Dene zu orientieren. Und sie blicken kritisch auf die westliche Kultur. Sie versuchen, sich mit dem Land zu verbinden und ebenso mit einer Kultur, die durch die kanadische Regierung absichtlich zerstört wurde. Es war großartig, mit diesen Menschen zu sprechen. Ihnen ist sehr bewusst, wie groß dieser Konflikt ist. Und zugleich sind sie sehr entschlossen. Das macht mir Hoffnung bei der ganzen Geschichte.

Sie zeichnen, was Sie sehen und hören. Wir sehen die Bilder und den Text, die vielen Geschichten. Und wir können Sie sehen, wie in allen Ihren graphischen Reportagen. Sie zeichnen sich stets selbst und begründen das mit der Transparenz. Wir sollen immer auch sehen, wie die große Reportage entstanden ist. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Darüber lässt sich gerade am Beispiel der Geschichten über die indigene Bevölkerung gut nachdenken. Ich komme aus der westlichen Gesellschaft und gehe in eine andere Welt. Und das mache ich immer mit meiner Weltsicht, mit meinen Prägungen. Wenn du eine andere Kultur erkundest, solltest du auch immer über deine eigene Rolle reflektieren. Im Fall meiner Reportage über die Dene wollte ich meinen Leserinnen und Lesern ganz klar machen, dass ich eine sehr westlich geprägte Perspektive habe. Ich habe nie in der Art und Weise wie die Dene das Land betrachtet. Für uns aus dem Westen bedeutet Land vor allem Eigentum – nicht so in einer anderen Kultur. Für mich war das ein gewaltiger Lernprozess. Ich will nicht wie der allwissende Experte auftreten, der die Dinge objektiv betrachtet. Ich gehöre nicht zur indigenen Bevölkerung und bin nicht der halb-göttliche Journalist, der alles weiß. Ich bin ein Mensch und fühle mich in der Natur nicht immer wohl. (lacht) Schnee und Kälte sind nicht unbedingt das Klima, das ich liebe. Und all das sollen meine Leserinnen und Leser wissen.

Joe Saccos Reportage "Wir gehören dem Land" ist - in der Übersetzung von Christoph Schuler ist in der Edition Moderne erschienen.

© Edition Moderne

Cover von "Wir gehören dem Land" von Joe Sacco

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