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Bildrechte: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Keita Iijima

In Stille und mit Gebeten und Blumen haben die Menschen in Japan der Opfer der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe vor zehn Jahren gedacht. Mindestens 20.000 Menschen starben, mehr als hunderttausend wurden obdachlos.

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10 Jahre Fukushima: Japan trauert - und hält an Kernkraft fest

Es war die schwerste Reaktorkatastrophe seit Tschernobyl: Am 11. März 2011 begann im Atomkraftwerk von Fukushima nach einem Erdbeben und dem folgenden Tsunami die Kernschmelze in drei Blöcken. Trotzdem bleibt Japan der Atomkraft treu. Warum?

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Von
  • Weltspiegel Digital
  • Veronika Beer
  • Kathrin Erdmann

Eigentlich bedeutet Fukushima "Insel des Glücks". Die Region im Nordosten Japans bietet eine wunderschöne Natur mit den besten Pfirsichen und Erdbeeren des Landes. Doch im kollektiven Gedächtnis steht Fukushima für die Reaktorkatastrophe vom 11. März 2011, die schwerste seit Tschernobyl 1986. Ein Seebeben, ein Tsunami und drei Kernschmelzen erschütterten Japan und die gesamte Welt.

Deutschland tritt aus Kernenergie aus – Japan bleibt bei Atomkraft

Durch die Nuklearkatastrophe wuchs überall der Widerstand gegen Atomkraft. Fukushima war für Deutschland der Anlass, den Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022 einzuleiten.

Ganz anders in Japan: Zwar wurden 2011 alle 54 Reaktoren vom Netz genommen. Das Land will sich von der Kohle verabschieden und unter anderem auf Wasserstoff setzen. Doch inzwischen sind neun Reaktoren schon wieder am Netz.

Erneuerbare Energien als Symbol für Fukushima

Der Anteil der Kernenergie soll in den kommenden Jahren auf 20 Prozent angehoben werden. Im Herbst genehmigten die Behörden erstmals ein AKW in der damals vom Tsunami betroffenen Region. Schon im kommenden Jahr könnte das Kernkraftwerk von Onagawa wieder ans Netz gehen.

Nur Fukushima selbst wird zum Symbol für Aufbruch und Umweltschutz. Bis 2040 soll der Energiebedarf zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien kommen. Auch bei der Technologie will Fukushima Vorreiter werden – all das lässt sich die Regierung viele Milliarden Yen kosten.

Viele Japaner sind gegen Atomkraft

Dabei sind in Japan laut Umfrage viele Menschen gegen die Kernkraft. Der Widerstand ist oft leise und verhalten – doch selbst die lauten Proteste finden kaum Gehör. Die Verbindung zwischen der Politik und den Energiebetreibern ist eng und wird in Japan oft als Dorf bezeichnet, als eine geschlossene Gemeinschaft.

"Dass Japan nach wie vor an der Atomenergie festhält, liegt an den Überresten des sogenannten nuklearen Dorfes, also der Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft. Keiner will auf seine Privilegien verzichten. Dabei lohnt sich Kernenergie nicht mehr, denn die Kosten für ein neues Atomkraftwerk sind heute höher als früher." Naoto Kan, zum Zeitpunkt der Katastrophe von Fukushima japanischer Premierminister

Früherer Premier: "Nichts aus Reaktorkatastrophe gelernt"

Japan habe nichts aus der Reaktorkatastrophe gelernt, sagt auch Kans Kollege, der frühere japanische Premierminister Junichiro Koizumi. Sein Sohn ist aktuell Umweltminister.

"Von 2011 bis 2013 waren nur zwei von 54 Reaktoren am Netz, dann bis 2018 kein einziger. In dieser Zeit ohne Atomkraft gab es im ganzen Land keinen einzigen Stromausfall. Japan hatte sozusagen damals gezeigt, das es auch ohne Atomenergie genug Strom produziert." Junichiro Koizumi, früherer japanischer Premierminister

In die Zukunft geblickt, vertrauen Kan und Koizumi jedoch auf ihre Landsleute. Damit sich eine Katastrophe wie Fukushima nicht wiederholt.

Rückblick: Tsunami mit bis zu 15 Meter hoher Wand

Die Katastrophe von 2011 hatte ihren Ausgang im schwersten je gemessenen Seebeben Japans, dem nach der Region benannten Tohoku-Beben. Mit einer Stärke von 9,0 gehörte es zu den fünf stärksten jemals gemessenen Beben. In seiner Folge bildete sich ein Tsunami mit mehreren zehn bis 15 Meter hohen Wellen, die die Schutzmauern des Kraftwerks überwanden und den Atommeiler fluteten.

"Das war eine schwarze Wand, keine Wellen, sondern eine schwarze, solide Mauer, die auf uns zukam." Der Augenzeuge Juichiro Konno, der in den Fluten seinen Bruder verlor

Durch die Flutwelle starben an der Ostküste von Honshu offiziell 18.537 Menschen; mehr als 2.600 von ihnen wurden nie gefunden. Fast eine halbe Million Menschen musste in Notunterkünften unterkommen. 375.000 Gebäude wurden ganz oder zum Teil zerstört.

Radioaktives Material kontaminiert Luft, Boden, Wasser und Nahrung

In drei der sechs Reaktorblöcke von Fukushima kam es zu Kernschmelzen. Eine atomare Explosion wie in Tschernobyl blieb aber aus. Große Mengen radioaktiven Materials wurden freigesetzt und kontaminierten Luft, Böden, Wasser und Nahrungsmittel der Umgebung.

Rund 170.000 Bewohner wurden in den folgenden Tagen aus den betroffenen Gebieten umquartiert. Untersuchungen zufolge kommt es unter den Umgesiedelten etwa fünfmal häufiger zu psychischen Störungen als im japanischen Landesdurchschnitt. Unter den betroffenen Senioren stieg die Sterblichkeit in den ersten drei Monaten um das Dreifache. Hunderttausende zurückgelassene Tiere aus landwirtschaftlichen Betrieben verendeten.

Geschätzt 10.000 weitere Tote durch Folgen der Atomkatastrophe

Die Zahl der Toten im havarierten Kraftwerk sowie durch die Evakuierung oder ihre Folgen wird auf etwa 600 beziffert. Insgesamt wird langfristig mit bis zu 10.000 Toten durch die Atomkatastrophe und ihre Folgeerkrankungen gerechnet.

"Die Suizidraten sind gestiegen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind deutlich gestiegen, die Lebenserwartung von alten Personen ist dramatisch zurückgegangen unter den Evakuierten. Die psychische Gesundheit hat sich verschlechtert." Florian Gering, beim Bundesamt für Strahlenschutz für den Katastrophenschutz zuständig

Schätzungen zufolge dürften die Entsorgungsarbeiten 30 bis 40 Jahre dauern. Die Folgekosten der Katastrophe werden mittlerweile auf umgerechnet bis zu 500 Milliarden Euro beziffert.

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