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Ein trauriges Kind steht vor einer geöffneten Zimmertür und hält einen Teddy in den Händen (Illustration)

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    Wurde bei den Zeugen Jehovas Missbrauch vertuscht?

    Missbrauch innerhalb der Familie, kaum Hilfe aus der Gemeinschaft: Was steckt hinter solchen Schilderungen von Mitgliedern der Zeugen Jehovas? Die Recherchen des BR-Politikmagazins Kontrovers stoßen auf eine Paralleljustiz unter dem Mantel der Bibel.

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    Von
    • Anna Feininger
    • Alexander Loos
    • Rebecca Reinhard

    Berichte über sexuellen Missbrauch in Glaubensgemeinschaften häufen sich in den vergangenen Jahren. Aus dem Ausland werden auch bei den Zeugen Jehovas immer mehr Fälle bekannt. Doch wie ist es in Deutschland? Innerhalb einer BR-Recherche melden sich innerhalb von 24 Stunden an die 20 Betroffene über ein Internetforum für ehemalige Zeugen. Darunter eine Frau, die mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen bereit ist - auch wenn sie glaubt, dass das für sie den Ausschluss aus der Gemeinschaft bedeuten könnte.

    Sie nennt sich Manuela, ist 40 Jahre alt und in einer Versammlung der Zeugen Jehovas am Tegernsee aufgewachsen. Inzwischen lebt sie zwar an der Nordsee, ist aber zu Beginn des Drehs noch immer offiziell Mitglied der Zeugen Jehovas. Doch sie zweifelt inzwischen. Denn sie sei als Jugendliche missbraucht worden und könne bis heute nicht fassen, wie die Gemeinschaft damit umgegangen sei.

    Gemeinschaft durch Abgrenzung: Die Struktur der Zeugen Jehovas

    Zeugen Jehovas treffen sich in kleinen Gemeinden: den Versammlungen. Näherer Kontakt nach außen, zu sogenannten Weltmenschen, ist unerwünscht. Denn die Zeugen Jehovas glauben, dass bei der Schlacht von Harmagedon alle Menschen sterben werden und nur die Zeugen Jehovas überleben werden. Entscheidet sich also jemand, die Versammlung zu verlassen oder wird ausgeschlossen, brechen Freunde und Familie innerhalb der Gemeinschaft den Kontakt meistens ab. Deswegen ist es für Außenstehende oftmals schwierig, Einblicke in die Gemeinschaften zu erhalten.

    Manuelas Anschuldigungen

    Manuela erzählt den Reportern des BR-Politikmagazins Kontrovers, dass sie als Kind von ihrem Vater missbraucht worden sei. Immer wieder soll er die damals Heranwachsende berührt und belästigt haben. Ihre Schwester soll er sogar vergewaltigt haben, erzählt Manuela. Als sie sich ihrer Mutter anvertraute, habe ihr Vater jedoch alles geleugnet.

    Deswegen suchte Manuela Hilfe in der Versammlung der Zeugen Jehovas: Bei Konflikten innerhalb einer Gemeinschaft der Zeugen Jehovas sind sogenannte Älteste - immer männliche Zeugen Jehovas - Ansprechpartner und Entscheidungsträger in allen Lebenslagen. Manuela erzählt, sie habe sich an den Ältesten ihres Vertrauens gewandt. Doch passiert sei nichts, da der Vater die Vorfälle leugnete und es keine Zeugen gab.

    Umgang mit Konflikten bei den Zeugen Jehovas

    Streitet ein Beschuldigter Anschuldigungen - wie etwa jene von Manuela - ab, braucht es mindestens zwei Zeugen, damit mögliche Konsequenzen gezogen werden können. Der genaue Ablauf zum Umgang mit Konflikten innerhalb der Gemeinschaft ist im sogenannten Ältestenbuch geregelt.

    Gilt ein Vorfall als bewiesen, wird ein sogenanntes Rechtskomitee gebildet: Dieses besteht aus drei Ältesten, die den Beschuldigten - und gegebenenfalls auch die Betroffenen - anhören und anschließend eine Entscheidung treffen. Bereut der Beschuldigte den Vorfall nicht, wird er aus der Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen. Wenn er Reue zeigt, darf er bleiben.

    Wenn es jedoch keine Zeugen gibt, wird kein Rechtskomitee gebildet und ein möglicher Fall auch nicht verhandelt. Die Zeugen Jehovas glauben daran, dass in dem Fall Jehova entsprechende Entscheidungen treffen wird.

    Dass Manuela sich mit ihrer Geschichte nun an die Öffentlichkeit wendet, könnte für sie den Ausschluss aus der Gemeinschaft mit sich führen, glaubt sie. Doch: Wenn Manuelas Vorwürfe stimmen, würde es bedeuten, dass die Zeugen Jehovas nichts getan haben, um sie zu schützen.

    Haltung der Zeugen Jehovas zum Thema Missbrauch

    Dabei zeigen die Recherchen des BR-Politikmagazins Kontrovers, dass die Zeugen Jehovas sich durchaus schon lange mit dem Thema Missbrauch befassen. Allein im Regelwerk der Ältesten umfasst das Thema ein ganzes Kapitel. "Jehovas Zeugen verabscheuen sexuellen Kindesmissbrauch," heißt es dort unter anderem. Inzwischen stünde es betroffenen Mitgliedern sogar frei, Hilfe bei der Polizei zu suchen.

    Aber es gibt auch Leitfäden, die sich an Jugendliche wenden und sie anweisen, wie sie sexuellem Missbrauch vorbeugen können. Dort heißt es unter anderem: "Sende keine falschen Signale. Flirte nicht und ziehe nichts aufreizendes an, du könntest sonst den Eindruck erwecken, du wärst auf ein sexuelles Abenteuer aus oder hättest zumindest nichts dagegen."

    Missbrauch im Zwiespalt zweier Systeme

    Wird Opfern sexuellen Missbrauchs innerhalb der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas also sogar eine Mitschuld gegeben? Udo Obermayer war jahrzehntelang Ältester in einer Versammlung der Zeugen Jehovas. Warum wird das Thema Missbrauch bei den Zeugen Jehovas zwar scheinbar durchaus thematisiert, gleichzeitig aber offenbar kaum zur Anzeige gebracht? Er erzählt, dass das Glaubenssystem der Zeugen Jehovas damit zu tun hat.

    "Wenn man wirklich glaubt, dass Gott in Kürze alle Menschen vernichtet und keiner überlebt, außer die Zeugen Jehovas: Warum sollte man dann zu einer Institution gehen, die zur Vernichtung bestimmt ist?" Udo Obermayer, ehemaliger Zeuge Jehovas

    An Rechtskomitees musste der ehemalige Älteste nie teilnehmen. Er kritisiert aber, dass die Mitglieder nicht ausreichend juristisch oder psychologisch geschult seien. Inzwischen ist Udo Obermayer bei den Zeugen Jehovas ausgetreten und hat einen Hilfeverein für ehemalige Zeugen gegründet.

    Manuela zieht Konsequenzen

    Auch Manuela hat sich von den Zeugen Jehovas gelöst und ist aus der Gemeinschaft ausgetreten. Für sie ein Neuanfang, wie sie den Kontrovers-Reportern berichtet.

    "Bei mir hat es sich angefühlt, als wie wenn die Fessel auf einmal aufgeht. Ich atme durch, setz mich gerade hin und denke mir: Ja, und jetzt blühe ich auf. Mir geht’s besser." Manuela, ehemalige Zeugin Jehovas

    Mittlerweile befasst sich im Auftrag der Bundesregierung die Aufklärungskommission für sexuellen Kindesmissbrauch mit Fällen bei den Zeugen Jehovas. Manuela hofft, dass auch andere Betroffene dadurch den Mut finden, Hilfe außerhalb des Systems der Zeugen Jehovas zu suchen.

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