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Debora Pörschmann (rechts) an ihrem Arbeitsplatz in der Lebenshilfe Ansbach

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Weniger Aufträge für Behinderten-Werkstätten wegen Corona

Werkstätten für behinderte Menschen haben es in der Coronakrise schwer. Einerseits bleiben Aufträge aus, andererseits sind gerade Werkstatt-Beschäftigte wegen ihrer Behinderung besonders gefährdet. Der Weg zu mehr Inklusion ist steinig.

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Von
  • Karin Goeckel

Debora Pörschmann ist froh: Sie kann wieder arbeiten. Den regelmäßigen Coronatest nimmt die 31-Jährige dafür gern in Kauf. Im ersten Lockdown war von der Politik ein Betretungsverbot für die Werkstätten verhängt worden. Nur systemrelevante Bereiche wie Wäschereien durften weiterarbeiten. Die Werkstatt der Lebenshilfe Ansbach war da keine Ausnahme. "Da ist mir und vielen anderen die Decke auf den Kopf gefallen", erinnert sich Debora Pörschmann. "Ich bin froh, dass ich arbeiten kann, nicht wie andere Arbeitsbereiche, Branchen, die seit Monaten daheim hocken".

Lebenshilfe-Werkstatt in Ansbach mit strengem Hygienekonzept

Debora Pörschmann ist gelernte Maschinenbauzeichnerin. Zusammen mit ihrem Team baut sie Messeinsätze für Wasserzähler. Die werden gebraucht, auch während der Corona-Pandemie. Damit die Beschäftigten zurück an ihren Arbeitsplatz können, hat die Ansbacher Lebenshilfe-Werkstatt strenge Hygienemaßnahmen umgesetzt. Die Gruppen arbeiten streng getrennt und wurden verkleinert. Eine Zusammenarbeit mit externen Kräften ist verboten, die Essenszeiten in der Kantine sind gestaffelt.

Verlierer: Cafés und Hotels, in denen Menschen mit Behinderung arbeiten

So viel Glück wie Debora Pörschmann haben nicht alle Beschäftigte in Werkstätten für behinderte Menschen. In einigen Branchen, in denen Werkstätten tätig sind, sind die Aufträge regelrecht eingebrochen. Schulkantinen oder Hotels, in denen Menschen mit Behinderung tätig sind, leiden enorm, aber auch Läden, die keine Produkte des täglichen Bedarfs verkaufen und nur eingeschränkt öffnen dürfen. Die Situation sei von Werkstatt zu Werkstatt unterschiedlich, sagt der Vorstandsvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM), Martin Berg. "Im Dienstleistungsbereich haben wir einen immens hohen Einbruch, und dort, wo wir mit einer Werkstatt einen Supermarkt betreiben, haben wir wahrscheinlich einen Auftragszuwachs", so Berg.

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Die Werkstatt der Lebenshilfe Ansbach öffnet zwei Wochen nach Ostern wieder für ihre Mitarbeiter. Diese mussten nach den Feiertagen zuerst in Quarantäne. Der Grund: Menschen mit Behinderung gehören zu den Corona-Risikopatienten.

Werkstätten müssen 2020 im Schnitt 25 Prozent Auftragsrückgang verkraften

Eine Blitzumfrage der BAG WfbM unter ihren Mitgliedswerkstätten ergab einen massiven Rückgang des Auftragsvolumens – im Oktober 2020 lag er bei 86 Prozent, im Februar 2021 bei 77 Prozent. Das jedoch sei nur eine Momentaufnahme gewesen, sagt Martin Berg, der Vorstandsvorsitzende. Er schätze, dass die Werkstätten in Deutschland 2020 im Schnitt 20 bis 25 Prozent weniger Aufträge verkraften mussten. Vor allem die Zeit des Betretungsverbots habe ihnen zugesetzt, so Berg, auch wenn das Mitarbeiterteam in den Werkstätten zusammen mit anderen Kräften versucht hätten, die Produktion so weit wie möglich am Laufen zu halten.

Betretungsverbot: Gehören Menschen mit Behinderung nicht zur Gemeinschaft?

Auch der Inklusionsgedanke leidet unter der Pandemie. Das Betretungsverbot im ersten Lockdown sei erlassen worden, um Menschen mit Behinderung vor einer Infektion zu schützen, erinnert sich Martin Berg.

"Vor dem Hintergrund der Inklusion, dass man eine Personengruppe einfach mal so mir nichts, dir nichts vom Arbeitsmarkt weggenommen hat, das hat uns schon sehr betroffen gemacht und auch die Menschen mit Behinderung sehr betroffen gemacht, dass sie irgendwie nicht zur Gemeinschaft gehören. Andere durften ja weiterhin arbeiten gehen." Martin Berg, Vorstandsvorsitzender BAG WfbM

Mit strengen Hygienekonzepten wollen die Werkstätten ein erneutes Betretungsverbot verhindern. Durch regelmäßige Tests und dem Beginn der Impfungen können viele Beschäftigte wieder zur Arbeit gehen, aber längst nicht alle. Im Februar 2021 waren laut einer Blitzumfrage der BAG WfbM rund 20 Prozent der Beschäftigten coronabedingt nicht in der Werkstatt.

Menschen mit Behinderung werden wegen Corona schneller arbeitslos

Auch auf dem ersten Arbeitsmarkt leiden Menschen mit Behinderung stärker als andere. Im Dezember stieg die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Schwerbehinderung in Bayern um 19,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, stellte das Inklusionsbarometer Arbeit der Aktion Mensch und des Handelsblatt Research Institutes fest. Knapp 24.700 Betroffene waren zu dem Zeitpunkt im Freistaat auf Arbeitsplatzsuche. Im Schnitt suchen Menschen mit Behinderung 113 Tage länger nach einer neuen Stelle als Arbeitnehmer ohne Behinderung. "Die rasant negative Entwicklung macht in kürzester Zeit die Erfolge der letzten vier Jahre zunichte", erklärte dazu der Institutsleiter Bert Rürup. Im öffentlichen Dienst in Bayern ist die Beschäftigungsquote von Menschen mit Behinderung seit 2011 kontinuierlich gesunken auf zuletzt 5,56 Prozent, hieß es in einem Bericht des Finanzministeriums vom Februar.

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Auftritte wie diesen eines inklusiven Chors gibt es bei der Werkstätten-Messe 2021 nur digital.

Leistungsschau Werkstätten-Messe 2021 nur digital

Für die Werkstätten wäre es ein Zeichen der Hoffnung, wenn wenigstens die Werkstätten-Messe in Nürnberg, die Leistungsschau der Werkstätten in Deutschland, ganz normal stattfinden könnte. Doch so wie viele andere Messen auch wird sie heuer nur digital durchgeführt. Heute und morgen stehen unter anderem 80 Fachvorträge zu Themen wie Teilhabe am Arbeitsleben und berufliche Bildung für Menschen mit Behinderung statt. Auftakt ist um 10.00 Uhr ein Livestream der Eröffnungsveranstaltung, zu der auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) erwartet wird. Höhepunkt ist die Verleihung des Exzellent-Preises für besonders herausragende Produkte und Projekte von Werkstätten.

💡 Wie viele Werkstätten gibt es?

Aktuell gibt es in Deutschland knapp 700 Werkstätten für Menschen mit Behinderung, die zum großen Teil in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) organisiert sind. In den fast 3.000 Betriebsstätten arbeiten 317.725 Menschen mit geistiger oder psychischer Behinderung. Sie übernehmen Aufträge aus der Industrie, betreiben Bauernhöfe, Restaurants und Cafés, brauen Bier oder fertigen hochwertige Produkte. In Bayern gibt es insgesamt 118 Werkstätten, in denen 39.785 Menschen mit Behinderung arbeiten. (Erklärt von Karin Goeckel, BR24 Mittelfranken)

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