Unternehmer Thomas Kuehn mit einer Hand voll Fliegenlarven

Unternehmer Thomas Kuehn mit einer Hand voll Fliegenlarven

Bildrechte: BR / Kontrovers 2022
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    Mit Fliegenlarven gegen den Klimawandel – die Zukunft?

    Mit Fliegenlarven gegen den Klimawandel – die Zukunft?

    Wie kann man den Klimawandel abbremsen? Die Kontrovers Story hat Menschen aus Bayern begleitet, die mit ihren Erfindungen den Klimawandel abmildern wollen. Doch bis ihre Ideen marktreif sind und Abnehmer finden, ist es ein harter Weg.

    Kaum eine Herausforderung ist so schwer, wie den Klimawandel aufzuhalten. Und doch versuchen sich viele an dem Problem. Monatelang hat das BR-Politikmagazin Kontrovers für die Kontrovers Story nach Erfindungen gesucht, die genau das schaffen wollen. Doch viele Ideen sind nur vermeintlich nachhaltig – oder schlicht noch nicht vorzeigbar. Innovative Ideen zu verkaufen – und dann auch noch umweltfreundlich: Das ist nicht leicht.

    Trotzdem: Drei Menschen aus Bayern wollen es schaffen und die Landwirtschaft, Bau- und Mobilitätsbranche für die Zukunft rüsten und nachhaltiger gestalten: mit Recycling-Beton, Elektro-Transportern und Futtermitteln aus Insektenlarven. Wenn ihre Ideen Erfolg haben sollten, kann das einen großen Fortschritt bedeuten. Thomas Kuehn ist einer von ihnen: Er will zur Landwirtschaft der Zukunft beitragen.

    Challenge: Landwirtschaft klimafreundlicher machen

    Gemeinsam mit seinem Kollegen Wolfgang Westermeier hat Kuehn das Unternehmen FarmInsect gegründet: "Wir haben beide Kinder und wir wollten etwas tun für die folgenden Generationen", sagt der Unternehmer. Seine Idee: Er will die Landwirtschaft mithilfe einer Fliegenlarve klimafreundlicher machen.

    Die Larven der Schwarzen Soldatenfliege sollen das neue Protein-Futter für Fische, Hühner und Schweine werden. Bislang wird hierfür vor allem Soja aus Amerika genutzt, oder Fischmehl. Doch beides birgt Nachteile für das Klima: Für den Soja-Anbau wird häufig Regenwald abgeholzt und das Futter muss aus Amerika importiert werden. Bei der Fischmehlproduktion kann Überfischung drohen. Insekten hingegen können vor Ort gezüchtet werden und fressen Reststoffe wie etwa Gras oder Kartoffelschalen.

    Sind Fliegenlarven das Futtermittel der Zukunft?

    Seit 2017 sind sie als Fischfutter und seit 2021 als Futter für Schweine und Geflügel in der EU zugelassen. Darum verkauft FarmInsect Anlagen, mit denen Landwirte die Larven selbst züchten können. Genau darum soll es heute gehen. Landwirte aus Niederbayern besuchen den Produktionsstandort bei Mühldorf. Sie haben Interesse an der Anlage. Für Kuehn und sein Team geht es um viel Geld: eine halbe Million Euro aufwärts. Kuehn ist aufgeregt: "Es ist manchmal sicher eine Herausforderung, aber wenn es leicht wäre, könnte es jeder machen."

    Die Kontrovers Story: Insektenfutter, Elektrosprinter, Recycling-Beton: Ideen fürs Klima?

    Larven als Alternative zu Weizen und Soja?

    Sebastian Pauli hat einen Geflügelbetrieb im bayerischen Wald. Er ist einer der Landwirte, die sich heute die Larvenzuchtanlagen von Thomas Kuehn zeigen lassen. Ein Grund, warum er sich für das Futtermittel interessiert: die steigenden Preise. "Die haben sich verdoppelt, grob gesagt. Nicht ganz, aber fast," so Pauli. "Beim Weizen letztes Jahr um die Zeit war man bei 23 Euro für 100 Kilo. Heute sind wir bei knapp 40 Euro. Beim gentechnikfreien Soja noch krasser."

    Können sich die Landwirte vorstellen, für ihr Futtermittel unter die Larvenzüchter zu gehen?

    Larvenzucht: So funktionieren die Anlagen

    Dafür geht es für die Landwirte zunächst in die Klimakammer. 30 Grad heiß ist es hier, und feucht. So können die Larven optimal wachsen. Sieben Tage lang fressen und wachsen die Junglarven. Nach etwa sieben Tagen können sie an Fische, Schweine oder Hühner verfüttert werden – lebendig oder als Pellets.

    Pauli traut sich, und greift vorsichtig in eine der Kisten, in denen sich die Larven winden: "Boah, eklig ohne Ende!" Ob Unternehmer Kuehn ihn trotzdem davon überzeugen kann, in Zukunft auf Insekten als Futtermittel zu setzen?

    Landwirte sind noch nicht überzeugt

    Nach zwei Stunden ist die Tour durch den Produktionsstandort bei Mühldorf vorbei. "Insgesamt ist es gut gelaufen. Es gab viele interessierte Fragen, viele Nachfragen. Ich glaub, das Interesse ist da", meint Kuehn im Anschluss.

    Doch Landwirt Pauli ist noch zurückhaltend: "Einerseits die Investitionskosten, die sind durchaus, wenn man runterrechnet auf Tonne Larven, schon noch in einem Bereich, der höher ist als normale Futtermittel." Er hat noch einige Fragen, die er erst klären möchte. Heute konnte Kuehn ihn also nicht überzeugen. Trotzdem glaubt er an seine Idee für das Klima: "Das ist der Reiz dabei, dass man sagt: Wir haben ein tolles Produkt, aber das ist größer und umfangreicher, und dadurch dauert es länger." In den ersten zwei Jahren seit der Gründung konnte Kuehns Unternehmen sieben Anlagen bereits verkaufen.

    Die Kontrovers Story läuft heute Abend um 21.15 Uhr im BR-Fernsehen. Die Langversion mit allen drei Innovationen für das Klima können Sie schon jetzt im BR24-YouTube-Kanal oder im eingebundenen Video ansehen.

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