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Lieferando-Boom: Mitarbeiter-Schutz in der Kritik | BR24

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Lieferando-Fahrer schaut auf sein Handy.

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    Lieferando-Boom: Mitarbeiter-Schutz in der Kritik

    Marktführer und quasi Monopolist: durch die Corona-Krise boomt das Geschäft beim Lieferdienst Lieferando. Doch die Mitarbeiter strampeln hart für ihr Geld. Und der Boom bringt noch weitere Probleme mit sich.

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    Von
    • Johannes Lenz
    • Caroline Sophie Hofmann

    Während viele Innenstädte in der Corona-Pandemie wie leergefegt sind, ist für Elmar Ewaldt Rushhour. Der 51-Jährige arbeitet als Fahrer für Lieferando in Nürnberg. Zu Beginn seiner Schicht holt er ein Elektro-Fahrrad an einem Fahrradsammelplatz ab - ein sogenannter Hub. Rund 20 Prozent der Fahrerinnen und Fahrer nutzen ein gestelltes Elektrofahrrad von Lieferando.

    In nachfragestarken Regionen soll laut Unternehmen für Beschäftige ein Stundenlohn von bis zu 18,50 Euro inklusive variabler Komponenten und Trinkgeld möglich sein. Wie realistisch dieser Lohn ist und wie Elmar Ewaldt um seinen Stundenlohn kämpft, sehen Sie hier in unser Doku "Kontrovers - Die Story".

    Am Hub geht es weiter: Hier stehen Elektro-Fahrräder einsatzbereit für die Mitarbeiter.

    "Ich checke schon jedes Fahrrad darauf ab: Geht die Bremse, geht die Klingel, ist der Akku geladen, sind die Reifen halbwegs gerade? Das sind die vier Basics. Da muss ich mich schon selber drum kümmern." Elmar Ewaldt, Lieferando-Fahrer

    Elmar Ewaldt schaut sich die Fahrräder immer genau an, bevor er eines auswählt, das ihm am sichersten erscheint.

    Arbeitsunfälle verhindern durch Kontrollen

    Insgesamt fahren rund 5.000 Fahrerinnen und Fahrer in orangefarbenen Uniformen durch deutsche Städte. Tendenz steigend. Lieferando suche aktuell 1.000 weitere Rider, so der Konzern.

    Zwar sind alle sogenannten Rider durch das Unternehmen Lieferando dazu angewiesen, ihr Rad zu jedem Schichtbeginn zu prüfen, doch der Lieferdienst gibt auch an, die Fahrräder seien in angemessenem Zustand und würden professionell und regelmäßig geprüft.

    Diese Prüfung findet in den Fahrradstellplätzen statt und sogenannte Hub-Aids kümmern sich darum, dass die Fahrräder letztendlich verkehrssicher ausgegeben werden. "Die sind aber nicht qualifiziert", kritisieren die Lieferando-Betriebsräte Philipp Schurk und Chayan Díaz Fuentes. Wegen diverser Mängel wie kaputten Tretlagern und nicht verschraubten Radnaben sei es zuletzt vermehrt zu Arbeitsunfällen gekommen – so der Vorwurf der Betriebsräte. Beide möchten die Arbeit der Hub-Aids deswegen regelmäßig kontrollieren. Unangekündigte Betriebsbegehungen stehen ihnen per Arbeitsschutzgesetz zu.

    Doch beim Versuch einer Begehung wird den Betriebsräten der Zutritt von einem Hub-Mitarbeiter zunächst verweigert. Erst nachdem sie rechtliche Schritte androhen, dürfen sie nach etwa einer halben Stunde doch eintreten. Von einer Begehung ohne Ankündigung kann nun nicht mehr die Rede sein.

    Wir konfrontieren Lieferando mit dem Vorwurf, betriebliche Mitbestimmung zu behindern. Mitgründer Jörg Gerbig räumt ein: Es gebe durchaus Nachholbedarf:

    "Klar, wir wachsen sehr stark und da kann es auch mal zu Sachen kommen, wo wir vielleicht nachbessern müssen. Aber wir sind durchaus gewillt, hier beste Bedingungen für unsere Mitarbeiter und Fahrer zu bereiten." Jörg Gerbig, COO Lieferando.de

    Jan Seidl, der als Beamter der Gewerbeaufsicht regelmäßig Unternehmen überprüft, sieht allgemein große Entwicklungsdefizite beim Arbeitsschutz in Plattform-Unternehmen:

    "Ich kann es mir daher erklären, dass Unternehmen schnell wachsen in diesem Segment und die Umsetzung eines Arbeitsschutz-Managements nicht genauso schnell wachsen wie das Unternehmen an sich. Und da wird oft der Arbeitsschutz aus dem Blick verloren. Was aber ein zentraler Fehler von Arbeitsplattformen ist." Jan Seidl, DBB Beamtenbund und Tarifunion

    Betriebsräte aufbauen bleibt problematisch

    Elmar Ewaldts erste Fahrt an diesem Novembertag in Nürnberg führt ihn zu einer Fast-Food-Kette. Dabei stellt er fest: die Handyhalterung am Lenker lässt sich nicht richtig befestigen und macht die Navigation an diesem Tag umso schwieriger.

    Für sicherheitstechnische und diverse weitere Probleme der Beschäftigen setzt sich Ewaldt seit Monaten für einen Betriebsrat in seiner Stadt Nürnberg ein. Bisher gibt es Betriebsräte in nur vier Lieferando-Städten: Berlin, Köln, Stuttgart und Frankfurt. Neugründungen scheinen schwierig.

    "Wir mussten in Frankfurt über zwei Instanzen klagen, um Mitarbeiterlisten zu bekommen, die die Voraussetzungen sind für die Durchführung von Betriebsratswahlen. Erst als wir mit der Vollstreckungsklage gedroht haben, hat man uns diese Mitarbeiterlisten überstellt." Philipp Schurk, Betriebsrat Frankfurt

    In Frankfurt stellte das Gericht "nicht kooperatives Verhalten des Arbeitgebers" fest. Lieferando wollte Mitarbeiterlisten, die Voraussetzung für die Durchführung einer Betriebsratswahl sind, nicht an den Wahlvorstand weitergeben. Selbiger Sachverhalt in Köln.

    Mitgründer Jörg Gerbig räumt ein, dass es hier durchaus Nachholbedarf gäbe. Grundsätzlich begrüße er aber die Mitbestimmung der Mitarbeiter.

    "Klar, wir wachsen sehr stark und da kann es auch mal zu Sachen kommen, wo wir vielleicht nachbessern müssen. Aber wir sind durchaus gewillt, hier beste Bedingungen für unsere Mitarbeiter und Fahrer zu bereiten." Jörg Gerbig, COO Lieferando.de

    Auf Anfrage des BR-Politikmagazins Kontrovers bei weiteren Lieferando-Betriebsräten geben alle an: Die Zusammenarbeit mit Lieferando sei problematisch.

    Schichtende: knapp über dem Mindestlohn

    Nach Angaben des Unternehmens sind alle Fahrerinnen und Fahrer sozialversicherungspflichtig beschäftigt und festangestellt. Doch Gewerkschaften kritisieren, dass die allermeisten der Fahrerinnen und Fahrer nur befristete Einjahresverträge erhielten oder Minijobber seien.

    Am Ende seiner Schicht hat Elmar Ewaldt 36 Kilometer zurückgelegt und zehn Aufträge ausgefahren. Lieferando gibt an, dass die Fahrerinnen und Fahrer mehr als zwölf Euro pro Stunde im deutschlandweiten Durchschnitt verdienen inklusive variabler Komponenten - in nachfragestarken Regionen inklusive Trinkgeld sogar bis zu 18,50 Euro pro Stunde. Davon ist Ewaldt nach seiner Schicht weit entfernt. Inklusive Trinkgeld sind an diesem Tag etwa elf Euro pro Stunde zusammengekommen.

    "Selbst, wenn es besser gelaufen wäre mit dem Trinkgeld, dann hätte ich vielleicht 13 Euro pro Stunde, und nicht mal das ist es geworden. Das ist eben knapp über dem Mindestlohn und dafür, dass man den ganzen Tag auf Achse ist: reichlich wenig." Elmar Ewaldt, Lieferando-Fahrer

    Bonus-Zahlungen sollen die Riderinnen und Rider dazu motivieren, mehr Fahrten auszuliefern. Die Boni sind daher gestaffelt: 25 Cent pro Stunde gibt es mehr ab der 26. Lieferung, ab der 100. Lieferung gibt es einen Euro und ab der 200. Lieferung gibt es zwei Euro pro Stunde mehr.

    Doch die meisten von Elmar Kolleginnen und Kollegen arbeiten als Minijobber und kommen nie auf so viele Fahrten. Denn am Monatsende werden sie wieder auf 0 gesetzt.

    Bis Elmar in diesem Monat 100 Lieferungen ausgefahren hat, wird er nicht von nennenswerten Boni profitieren. Um das zu ändern, will sich Elmar in Zukunft als Betriebsrat für einen höheren Basislohn stark machen und sich für die Interessen seiner Kolleginnen und Kollegen einsetzen. Das ist seine Motivation, den Job weiterzumachen. Er hofft, dass von dem Erfolg des Krisen-Gewinners Lieferando am Ende auch die Rider mehr profitieren.

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