Momo Heiß (li.) und Katharina Müller (r.) haben die Automaten mit "Kunst- und Kultur-Konserven" erfunden.
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Momo Heiß (li.) und Katharina Müller (r.) haben die Automaten mit "Kunst- und Kultur-Konserven" erfunden.

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Geschichten, Bilder und Retro-Spielzeug aus dem Automaten

Viele Museen sind noch geschlossen, doch Kunst gibt es in München nun auch auf der Straße: Seit ein paar Wochen stehen in einigen Stadtvierteln Automaten mit "Kunst- und Kultur-Konserven". Mit den Dosen sollen sich auch die Generationen näher kommen.

Über dieses Thema berichtete Mittags in Oberbayern am .

In einigen Stadtteilen von München stehen seit Kurzem rote Automaten mit bunten Dosen: Am Kiosk an der Haltestelle "Neuhausen" zum Beispiel, im Lehel vor dem "Onkel Emma" oder am Eingang zur Stadtbibliothek am Haderner Stern.

In den Automaten gibt's aber keine Gummibälle oder Kaugummis, sondern "Kunst- und Kultur-Konserven". Für nur einen Euro kann man sich eine Dose aus vier verschiedenen Kategorien ziehen – und damit interessante Gegenstände von früher, lustige Wörter oder Spiele und spannende Geschichten entdecken.

Es gibt aber noch eine weitere Besonderheit: Jeder kann selbst mitmachen und seine Erinnerungen oder Erlebnisse mit dem Gegenstand in der Dose mit anderen teilen.

Hinweis: Bitte das erste Bild anklicken, damit die Bildbeschreibung angezeigt wird.

Hinter dem Projekt stehen zwei Münchnerinnen: Momo Heiß, Erzählerin und Musikerin, und Katharina Müller, Künstlerin und Sozialpädagogin.

Jede Konserve ein eigener Kosmos

In ihrer "Machwerk"-Werkstatt am Rotkreuzplatz entstehen die Ideen und Dosen. Regelmäßig befüllen die beiden die Automaten mit neuen "Kulturkonserven" und fahren sie dann mit dem Lastenfahrrad in der ganzen Stadt aus. In jedem Automaten passen genau 100 Dosen, eingeteilt in vier verschiedene Kategorien.

"Da kann alles mögliche in der Dose drin sein: Ein Gegenstand, wie eine Süßigkeit von früher oder ein altes Bild. Es kann aber auch was zum Bauen drin sein, oder eine Geschichte mit einem zauberhaften Gegenstand. Jede Dose ist ein eigener Kosmos." Momo Heiß

Der Geruch von Freibad, Sommer und Pommes

Auch ich ziehe eine Dose aus einem Automaten. Der Inhalt: Ein Kreisel-Lutscher aus den 1970er- und 80er-Jahren (siehe Bild oben). Außerdem sind zwei Zettel dabei; auf einem wird erklärt, dass es sich hierbei um eine Retro-Süßigkeit handelt, auf dem zweiten sind zwei QR-Codes abgebildet.

Mit dem QR-Code oben können mit nur einem Klick Erinnerungen von anderen zu diesem Gegenstand abgerufen werden. So erzählt Gerti zum Beispiel: "Diesen Lutscher gab es bei uns auf dem Land im Freibad und da habe ich sofort wieder diese Geräusche gehört und den Geruch und dann die Pommes..."

Eine Dose für drei Generationen

Mit dem anderen QR-Code können selbst Erinnerungen oder Erlebnisse, die man mit einem gewissen Gegenstand verbindet, hochgeladen werden. So gibt es beispielsweise auch eine Dose mit alten und neuen Wörtern: Ältere Menschen können den Jüngeren sagen, was Wörter wie Schabernack bedeuten - und Jüngere bringen der älteren Generation angesagte Wörter aus der Jugendsprache bei.

Was könnte ein Wanka-Stanka sein?

Katharina Müller und Momo Heiß überlegen sich laufend neue Inhalte für die Konserven. Mittlerweile bekommen sie aber auch schon die ersten Wünsche zugeschickt. So ist gerade die bislang aufwändigste Dose entstanden: "Da ist in der Dose ein Zettel und darauf steht: 'Was könnte ein Wanka-Stanka sein?' Und dann findet man in der Dose einen halben Tischtennisball und ein bisschen Knete und eine Murmel. Und daraus kann man sich eine Wanka-Stanka machen", erzählt Momo Heiß.

Doch was ist das? Die Auflösung gibt's natürlich wieder über den QR-Code. Dort erfährt man unter anderem, dass es aus dem Russischen kommt und das Wort für ein Steh-auf-Männchen ist. "Die Idee kommt von Anne und Rolf, die selbst Dosen gezogen haben und ganz begeistern gewesen sind", so die beiden Gründerinnen.

Zu dem Männchen zum Selbstbasteln (siehe Bildergalerie unten) gibt's dann auch noch eine passende Geschichte, wo es darum geht, nach einem Schicksalsschlag wieder aufzustehen. Der Sinn dahinter ist auch, so Momo Heiß, dass die Figur, die man zum Beispiel auf das Fensterbrett stellt, Kraft gibt. "Sie soll zeigen, dass man sich über die Fähigkeit, immer wieder aufzustehen, Gedanken machen soll."

Idee aus der Pandemie entstanden

"Steh-auf-Männchen", das passt wirklich gut in diese Zeit. Die Pandemie setzt vielerorts aber auch Kreativität frei, wie bei Momo Heiß und Katharina Müller in München. Denn erst durch die geschlossenen Museen kam es dazu, dass die Automaten in der Stadt verteilt wurden. Zuvor gab es einen - und der stand in der Werkstatt.

Neben der generationenübergreifenden Idee hinter dem Projekt ist das Ziel der beiden Münchnerinnen auch, damit wieder Kunst und Kultur in den öffentlichen Raum bringen.

"Da haben wir gedacht, das wäre jetzt ein guter Zeitpunkt: Ein pandemietaugliches Kunstprojekt“. Katharina Müller.

Mittlerweile acht Automaten in München

In der Werkstatt von Katharina Müller und Momo Heiß gibt es derzeit 20 Automaten. Acht werden regelmäßig befüllt und dann mit dem Lastenfahrrad an ihre Standorte verteilt. Weitere acht warten noch darauf, auch endlich raus zu dürfen - denn sie stehen dann vor oder in Gebäuden, die derzeit noch wegen Corona geschlossen sind.

Ein Automat soll bald an Schulen verliehen werden, so der Plan. Und einen weiteren würden die beiden Frauen gerne an eine andere interessierte Stadt schicken.

Projekt wird von Kulturprogrammen gefördert

Das Projekt wird bis vorerst nächstes Jahr von zwei Kulturprogrammen gefördert und ist außerdem umweltschonend: Hinter jedem Automaten steht eine blaue Box für die benutzten Plastikdosen. Diese werden dann gespült, desinfiziert und wieder verwendet.

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