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Medizinischer Fortschritt Lymphchirurgie – neue Hoffnung für Patienten

Das Lymphödem ist eine chronische Erkrankung, die in der Medizin lange stiefmütterlich behandelt wurde. Neue OP-Verfahren und Diagnosemethoden können das Leiden in früher scheinbar hoffnungslosen Fällen lindern.

Von: Florian Heinhold

Stand: 14.10.2019

Für Carsten Wolf grenzt es an ein Wunder, dass er heute unbeschwert durch die Stadt spazieren kann. Er leidet an einem Lymphödem, einer chronischen Erkrankung, die zu extremen Schwellungen durch Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe führen kann. Sein linkes Bein war über Jahre fast doppelt so dick wie sein rechtes.

"Ich habe das 25 Jahre lang mit mir herumgetragen. Die Folge: Probleme mit den Gelenken – Sprunggelenk, Kniegelenk, Hüfte. Man kann nicht lange sitzen oder stehen, das Treppensteigen fällt einem schwer. Die Therapien brachten nichts mehr, auch die Kuren nicht. An diesem Punkt bin ich in ein Loch gefallen."

Carsten Wolf, Patient

Für die Betroffenen bedeutet die Erkrankung oft einen extremen Leidensweg. Carsten Wolf war Hubschrauberpilot, sein Beruf eine Leidenschaft. Doch aufgrund der immer weiter fortschreitenden Schwellung im Bein verlor er seine Flugerlaubnis und musste seinen Job an den Nagel hängen.

Primäre und sekundäre Lymphödeme

Wie ihm geht es rund 120.000 Menschen in Deutschland. Das chronische Leiden kann angeboren sein oder in der frühen Entwicklung sporadisch auftreten. In solchen Fällen spricht man von einem primären Lymphödem.

Doch auch nach Operationen, Verletzungen oder Infektionskrankheiten kann es zu einem sogenannten sekundären Lymphödem kommen. Meist sind Arme oder Beine betroffen. Aber auch im Genitalbereich treten Ödeme auf. Im Extremfall spricht man von Elephantiasis. 

Die Lymphe ist ein wichtiger Teil unseres Immunsystems. Wasser und Proteine werden durch die Lymphbahnen zu den Lymphknoten transportiert, dort gefiltert, von Giftstoffen gereinigt und in den Blutkreislauf zurückgespeist. Kommt es zu einer Blockade im Lymphsystem, lagert sich die Lymphflüssigkeit im Gewebe ab.

Supermikrochirurgie – neue Chancen in der Therapie

Unter dem OP-Mikroskop schließen die Ärzte die winzigen Lymphgefäße an kleine Venen an.

Einer Patientin aus Regensburg mussten vor 14 Jahren infolge einer Krebserkrankung Lymphknoten entfernt werden. Seitdem leidet sie unter einem Lymphödem im rechten Bein. Gerade für Frauen ist die Erkrankung oft auch eine extreme psychische Belastung. "Ich sage immer: diese abscheuliche Keule", erzählt sie uns in ihrem Krankenhausbett: "Ich gehe viel schwimmen. Das ist natürlich auch im Schwimmbad ein Problem, wenn man ein dickes und ein dünnes Bein hat. Die Leute schauen einen an."

Weil konservative Therapien nicht halfen, unterzieht sie sich einer Operation. Ihr Operateur am Uniklinikum Regensburg ist Dr. Christian Taeger, ein Spezialist für solche mirkochirurgischen OPs. Er beklagt, dass die heutigen Therapie-Möglichkeiten sogar unter vielen Ärzten noch zu wenig bekannt sind.

"Es ist eine landläufige Meinung, dass es für solche Fälle keine operativen Therapien gibt. Viele Patienten sind nicht nur überrascht, sondern direkt verärgert, dass sie nie über die Möglichkeiten informiert worden sind, die wir heute in der modernen Mikrochirurgie haben."

PD Dr. med. Christian Taeger, Uniklinikum Regensburg

Bei der Patientin wird eine sogenannte lymphovenöse Anastomose durchgeführt. Die Ärzte wollen den Fluss in den blockierten Lymphbahnen wiederherstellen. Mit der Spezialkamera "Spycam" machen die Chirurgen im OP die Lymphgefäße sichtbar. Zuvor hat die Patientin ein Kontrastmittel gespritzt bekommen. Die Schwierigkeit: Lymphgefäße haben meist einen Umfang von weniger als einem Millimeter.

Unter dem OP-Mikroskop schließen die Ärzte mit filigranen Instrumenten die winzigen Lymphgefäße an kleine Venen an. Ein Verfahren, das in Deutschland nur in wenigen spezialisierten Zentren angeboten wird. So kann die Lymphflüssigkeit wieder zirkulieren, die Schwellung zurückgehen. Gesundheit! ist dabei, als die Chirurgen um Dr. Christian Taeger der Patientin insgesamt vier sogenannte Anastomosen setzen.

Drei Tage nach der OP ist das betroffene Bein schon deutlich abgeschwollen. Die Patientin zeigt sich glücklich über das Ergebnis.

Die lymphovenöse Anastomose ist nicht die einzige OP-Methode in der Lymphchirurgie. Auch eine Lymphknotentransplantation kann zu einer Verbesserung der Symptome führen. Doch solche Eingriffe sind immer das letzte Mittel in der Therapie.

Konservative Therapie

Konservative Therapie, das heißt vor allem Lymphdrainage. Die ist auch in der OP-Nachsorge wichtig. Durch kreisende Bewegungen wird der Lymphfluss mechanisch stimuliert. Kompressionsverbände und Stützstrümpfe sollen das Anschwellen der Extremitäten bremsen. Auch die Aufklärung der Patienten und Bewegungstherapien sind in der Behandlung unverzichtbar.

Am Uniklinikum Regensburg können die Ärzte mit Hilfe einer speziellen 3D-Kamera erkrankte Beine exakt vermessen und den Erfolg der verschiedenen konservativen und chirurgischen Maßnahmen errechnen – also um wie viele Liter Gewebeflüssigkeit das Bein-Volumen schrumpft.

Neues Leben nach der OP

Oft lassen sich Lymphödeme mit einer konservativen Therapie unter Kontrolle halten, ohne dass das Leben der Patienten nur noch von der Krankheit dominiert wird. Auch die Lymphchirurgie führt nicht zu einer völligen Heilung. Aber sie kann das Leiden deutlich lindern – gerade bei Patienten, die kaum noch Hoffnung hatten.


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