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Schlimmer als Karies Kreidezähne sind Volkskrankheit bei Kindern

Ein Drittel aller 12-Jährigen in Deutschland ist betroffen von der Schmelzbildungsstörung Kreidezähne. Die Zähne kommen porös aus dem Kiefer. Niemand kennt die Ursache der Krankheit, doch die Mediziner haben einen Verdacht.

Von: Kathrin Wiewe

Stand: 23.09.2019

Für die Eltern ist es ein Schock: Das Milchzahngebiss der Kinder ist strahlendweiß und makellos. Doch brechen die bleibenden Zähne durch, sind sie karamellfarben und porös.

Zahnschmelz nur ein Zehntel so dick

Schuld ist die Schmelzbildungsstörung Kreidezähne, in Fachsprache „MIH“ für Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation. Die Zahnoberfläche von solchen Kreidezähnen ist rau, verfärbt und schmerzt bei Berührung. Der Zahnschmelz ist nur ein Zehntel so dick wie bei normalen Zähnen. Meistens sind die Backenzähne betroffen. Die Mineralisationsstörung kann sich auf kleine Flächen des Schmelzes beschränken oder die gesamte Zahnoberfläche überziehen.

MIH betrifft vor allem die bleibenden Zähne. Deren Aushärtung fällt in die Phase zwischen Geburt und drittem Lebensjahr. Dann werden Kalzium und Phosphat eingelagert, was den Zahnschmelz aushärtet. Bei MIH ist dieser Prozess gestört. Der Zahnschmelz bleibt weich, manche Zähne sind schon beim Durchbruch in den Kiefer völlig zerstört.

Die Krankheit wurde 1987 zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieben und tritt heute weltweit in beinahe allen Industrienationen auf.

Ein Drittel aller 12-Jährigen betroffen

Kreidezähne sind mittlerweile eine Volkskrankheit. In Deutschland sind 10 bis 15 Prozent aller Kinder betroffen. Bei den 12-Jährigen ist die Zahl noch höher: Beinahe jedes dritte Kind hat MIH. Die Krankheit ist bei dieser Altersgruppe mittlerweile ein größeres Problem als Karies.

Alle drei Monate sollten Kinder mit Kreidezähnen zum Zahnarzt gehen.

Kreidezähne schmerzen bei Berührung, bei Hitze und bei Kälte. Eis essen, warmen Tee trinken und Zähneputzen tut den Kindern weh. Die Patienten müssen nach jedem Essen ihre Zähne putzen und alle drei Monate zur Behandlung in eine Zahnarztpraxis.

Bisphenol A als Auslöser?

Die Ursachen, die die Krankheit auslösen, sind nicht geklärt. Schuld sein könnten Bisphenol A, hochdosierte Antibiotikagabe, Erkrankungen der Atemwege oder Vitamin-D-Mangel, um nur einige der möglichen Gründe zu nennen. In Tierversuchen haben Forscher in Paris Ratten nach der Geburt mit Bisphenol A gefüttert, das häufig als Plastikweichmacher verwendet wird. Die Tiere entwickelten anschließend poröse Zähne, die den menschlichen Kreidezähnen stark ähneln.

Bisphenol A findet sich zum Beispiel in Plastikgefäßen, beschichteten Konservendosen oder Thermopapier.

Der hormonell wirksame Stoff Bisphenol A steckt zum Beispiel in Plastikgefäßen, beschichteten Konservendosen oder Thermopapier. Er kann in Lebensmittel übergehen und sich im Körper anreichern.

Trotz der Tierversuch-Studie gehen Zahnmediziner von mehreren Faktoren aus, die gleichzeitig wechselwirkend die Schmelzbildung stören. Eine weitere Forschung zur Krankheit gibt es in Deutschland nicht.

"Es ist aus meiner Sicht dringend geboten, dass die Bundesregierung entsprechende Förderprogramme auflegt. Damit wir hier in der Forschung, vor allen Dingen in der Prävention der Erkrankung, weiterkommen."

Prof. Dr. med. dent. Norbert Krämer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde

Keine Heilung möglich

Kreidezähne werden nie wieder gesunde Zähne sein. Sie sind besonders anfällig für Karies. Das einzige, was man tun kann, ist eine besonders intensive Pflege und eine Stärkung des Zahnschmelzes. Daher empfehlen Zahnärzte:

 -     ab dem Kleinkindalter eine fluoridhaltige Kinderzahnpasta
-      zum Essen fluoridhaltiges Speisesalz geben
-      ab 6 Jahren eine fluoridhaltige Mundspüllösung oder ein hoch konzentriertes Fluorid-Gelee


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