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Reiben, backen, alte Sorten Was hilft bei einer Apfel-Allergie?

Immer mehr Menschen reagieren allergisch auf Äpfel. Die Folge: Lippen schwellen an, der Hals kratzt. Hilft es, alte Sorten zu essen, Äpfel zu reiben oder zu backen? Und warum geht die Apfel-Allergie so oft mit Heuschnupfen einher?

Von: Veronika Scheidl

Stand: 30.09.2019

Der Apfel ist des Deutschen liebstes Obst: Laut dem Statistik-Portal Statista haben die Deutschen in der Saison 2017/2018 pro Kopf knapp 21 Kilo Äpfel gegessen. Kein Wunder: Äpfel schmecken nicht nur gut, sondern liefern auch viele wichtige Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente.

Apfel-Allergie auf dem Vormarsch

Doch nicht jeder kann Äpfel problemlos verzehren. Die Berliner Charité schätzt, dass mindestens 1,5 Millionen Menschen in Deutschland allergische Symptome beim Essen von Äpfeln zeigen, auch von anderem Stein- und Kernobst wie Pfirsichen oder Kirschen.

"In den frühen 90er-Jahren hatten etwa zehn Prozent der Heuschnupfen-Patienten diese Apfel-Allergie. Heute sind wir bei 50 Prozent angekommen."

Prof. Dr. med. Karl-Christian Bergmann, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Charité Berlin

Obwohl die Apfel-Allergie mittlerweile stark verbreitet sei, würden viele Betroffene nicht verstehen und sich auch nicht vorstellen können, dass so ein gesundheitsförderndes Lebensmittel wie der Apfel bei ihnen Beschwerden auslöst, sagt Allergologe Karl-Christian Bergmann.

Lippen schwellen an, Kratzen im Hals, Übelkeit

Auch Nina Koch aus München leidet schon seit der Kindheit an einer Apfel-Allergie. Die 21-Jährige hat deswegen jahrelang keinen puren Apfel mehr gegessen.

"Wenn ich einen Apfel esse, dann fängt meine Lippe an zu jucken, sie schwillt auch an. Und ich merke ein Kratzen im Hals. Das ist einfach ein unangenehmes Gefühl."

Nina Koch, Apfel-Allergikerin

Bei Apfel-Allergikern kann es manchmal auch zu Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit, Atembeschwerden oder Kreislaufreaktionen kommen, sagt der Münchner Dermatologe und Allergologe Dr. Christoph Liebich. Ein allergischer Schock dagegen sei selten, aber nicht auszuschließen.

Heuschnupfen-Patienten mit Apfel-Allergie

Allergologe Liebich hat in seiner Praxis immer öfter mit Apfel-Allergikern zu tun. Es gibt zum einen Patienten mit einer primären Lebensmittelallergie gegen den Apfel. Aber der Großteil der Patienten leidet an einer baumpollen-assoziierten Nahrungsmittelallergie: Pollenallergiker, die auf Birke, Erle oder Hasel reagieren, haben oft auch mit Äpfeln ihre Probleme.

Der Grund dafür: Die allergenen Eiweißstrukturen in den Pollen und Äpfeln ähneln sich stark. Das menschliche Immunsystem verwechselt Pollen- und Apfel-Allergene – es kommt zu einer allergischen Reaktion. Das ist eine Kreuzallergie.

"Wenn Sie sich eine Apfel-Allergie und eine Birken-Allergie vorstellen: Sie haben ein Kästchen, wo ein Schloss für die Äpfel dran ist und eines für die Birke. Wenn Sie eine bestehende Birken-Allergie haben, dann können Sie mit dem Schlüssel der Birken-Allergie auch das Kästchen für die Apfel-Allergie aufschließen und auslösen."

Dr. med. Christoph Liebich, Dermatologe und Allergologe, München

Prick-Test zeigt Allergien an

Ein Allergie-Test gibt Aufschluss darüber, wogegen der Patient allergisch ist. Auch bei Nina Koch wird ein solcher Prick-Test gemacht. Konzentrate von verschiedenen allergenen Substanzen werden auf die Haut aufgetragen, auch ein frisches Apfelkonzentrat. Nach wenigen Minuten bilden sich kleine Quaddeln und Rötungen.

Bei Nina Koch zeigt sich: Sie hat keine Kreuz-Allergie, sondern eine primäre Lebensmittelallergie: Denn ihre Haut hat beim Test auf das Apfel-Konzentrat reagiert. Außerdem ist Koch allergisch gegen Birkenpollen. 

Sind alte Apfelsorten allergiefreundlicher als neue?

An der Berliner Charité hat der Allergologe Bergmann herausgefunden, dass Patienten besonders auf neue Apfelsorten allergisch reagieren.

"Inzwischen gibt es viele Erfahrungsberichte von Allergikern, dass sie bestimmte Sorten gut vertragen können. Das sind in der Regel alte Sorten. Neue Züchtungen vertragen sie meist schlechter. Diese sind süßer, aber oft auch kürzer haltbar sind."

Karl-Christian Bergmann

Der Forscher erklärt sich das folgendermaßen: Neue Apfel-Sorten sind meist so gezüchtet, dass sie süßer schmecken – und damit weniger Polyphenole enthalten. Diese natürlichen Stoffe verleihen dem Apfel etwa Farbe und Säure. Und schützen ihn auch gegen Infektionen und Keime.

In einer Beobachtungsstudie fanden die Forscher an der Charité zudem heraus: Essen Allergiker regelmäßig alte Apfelsorten, dann reagieren sie teils weniger auf einen Problem-Apfel. Außerdem seien bei manchen Patienten die Heuschnupfen-Symptome gelindert worden. Die Forscher wollen das mit weiteren Studien untersuchen.

Tipp: Reiben, Erhitzen, alte Apfelsorten durchprobieren

Da es viele verschiedene Apfelsorten gibt, lohnt es sich für Allergiker, sich vorsichtig durchzuprobieren. So zum Beispiel erstmal mit den Lippen den Apfel berühren. Gibt es da keine Reaktion, kann ein kleines Stückchen probiert werden. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) bietet im Internet eine Liste an, in der es einen Überblick über potenziell allergiefreundliche Apfelsorten gibt.

Außerdem kann es für Heuschnupfen-Patienten sinnvoll sein, eine Hyposensibilisierung gegen Pollen zu machen, sagt der Allergologe Christoph Liebich. Manchmal habe dies auch den Effekt, dass sich die Symptome gegen den Apfel bessern.

Ansonsten bleibt dem Allergiker nichts Anderes übrig, als den Apfel zu erhitzen, etwa beim Backen, in der Pfanne oder auch kurz in der Mikrowelle. Wegen der Hitze werden die allergieauslösenden Proteine im Apfel zerstört. Auch Emilia Romer von der TU München hat noch einen Tipp: Den Apfel in einer Käsereibe reiben und zehn Minuten stehen lassen. Durch das Reiben werden Zellen aufgebrochen, Enzyme zerstören das Protein.

Allergengehalt und Verträglichkeit sind nicht immer gleichzusetzen

Sind also alte Apfelsorten generell besser verträglich und allergiefreundlicher als neue Sorten? So einfach ist es nicht, sagt Emilia Romer, Doktorandin der Biotechnologie der Naturstoffe. Sie untersucht im Labor Apfelproben unter anderem auf ihren Allergen- und Polyphenolgehalt. Ihre Erfahrung: Der Allergengehalt und die Verträglichkeit seien oft nicht gleichzusetzen.

"Wir haben feststellen können, dass es durchaus Äpfel mit einem niedrigen Allergengehalt gibt, die trotzdem bei den Probanden in der Humanstudie starke Symptome ausgelöst haben. Und wiederum hatten wir Apfelsorten mit hohem Allergengehalt, die deutlich besser vertragen wurden."

Emilia Romer, Doktorandin der Biotechnologie der Naturstoffe an der TU München in Freising

Forscher arbeiten an allergiearmen Äpfeln

In Kooperation mit der Hochschule Osnabrück und der Berliner Charité arbeiten die Biotechniker der TU München an der Entwicklung von allergiearmen Äpfeln, die zudem ertragreich, lange lagerfähig und krankheitsresistent sein sollen. In Osnabrück werden die Äpfel gekreuzt, angebaut, geerntet und auf ihren Ertrag und ihre Resistenz gegenüber Infektionen und Pilzen überprüft. An der Charité werden Apfelproben in Humanstudien getestet. Proben der Ernte werden auch an die TU geschickt, die auf die Proteine spezialisiert ist, die die allergischen Reaktionen auslösen.

Erste vielversprechende Apfel-Kandidaten

Das Schwierige für die TU: "Die Proteine haben eine bestimmte Funktion im Apfel. Es ist schwierig, sie komplett rauszuzüchten", sagt Emilia Romer. Man wisse, dass das Hauptallergen Mal d 1 im Apfel gebildet wird, wenn die Pflanze Stress hat, wie etwa Hitzestress. "Die genaue Funktion des Mal d 1 im Apfel ist noch relativ unbekannt. Deswegen ist es schwierig, dieses Protein komplett raus zu züchten", erklärt Romer.

Trotzdem: Erste vielversprechende Apfel-Kandidaten wurden gezüchtet und in Humanstudien an der Charité getestet. Das Ziel sei, in den kommenden zwei bis drei Jahren das ECARF-Siegel zu erhalten, das allergiearme bzw. freundliche Produkte auszeichnet. Einen komplett allergiefreien Apfel werde es niemals geben, sagt Romer. Der Apfel sei schließlich ein Naturprodukt.


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