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Allergien Erdnussallergie und Haselnussallergie

Essen gehen, ein Eis genießen, beim Bäcker einen Snack holen – das ist für einige Menschen viel zu riskant. Sie leiden unter einer schweren Erdnussallergie und müssen ständig Angst haben, mit dem Allergen in Kontakt zu geraten. Andere leiden unter einer pollen-assoziierten Haselnussallergie. Was können Betroffene mit einer Erdnuss-, bzw. Nussallergie tun?

Von: Julia Richter

Stand: 10.06.2019

Sandra Donhauser leidet seit ihrer Kindheit unter einer schweren Erdnussallergie. Bereits ein Biss hätte fatale Folgen.

"Mein Hals und meine Zunge fangen an zu kribbeln, zu jucken und das geht dann über in Atembeschwerden Schluckbeschwerden bis hin zu schlimmen Magenkrämpfen, Übelkeit und Kreislauf-Kollaps."

Sandra Donhauser

Hanjo Koch hat eine sogenannte pollen-assoziierte Haselnussallergie. Besonders jetzt im Frühling reagiert er empfindlich.

"Wenn ich Haselnüsse gegessen habe, habe ich sofort Beschwerden - in der Speiseröhre, im Mundbereich. Es zieht sich zusammen, es kribbelt, aber das Zusammenziehen ist eigentlich das Schlimme. Es fühlt sich so an, als würde es mir den Hals abschnüren."

Hanjo Koch

Erdnüsse verstecken sich in vielen Produkten

Die Erdnussallergie gehört zu den gefährlichsten Nahrungsmittelallergien überhaupt. Experten sprechen vom „Soforttyp“. Das heißt, dass die Symptome sofort auftreten, also während des Essens oder unmittelbar danach. Erdnüsse weisen ein besonders hohes allergisches Potential auf, weil sie eine Vielzahl von Allergenen besitzen. Bereits kleinste Mengen können reichen, um schwere Reaktionen auszulösen. In seltenen Fällen reicht bereits ein Hautkontakt oder das Einatmen von Spuren.

Das betrifft allerdings nur wenige Patienten. Die Hülsenfrucht versteckt sich in vielen Produkten. Auch da, wo man es nicht erwartet, wie in Erdbeerschokolade, in Beeren-Müsli oder in Arnika-Creme. Allergologe Prof. Brockow betreut vieler solcher Patienten:

"Die typischen Symptome der Erdnussallergie treten sehr schnell auf, innerhalb von wenigen Minuten. Im Mundbereich sind das Kribbeln und Anschwellung. Es können aber auch sehr schwere Symptome auftreten in Form von Atemnot und einem allergischen Schock, der tödlich ausgehen kann."

Prof. Dr. med. Knut Brockow, Dermatologie und Allergologie am Biederstein, TU München

Ein Alltag voller Einschränkungen

Für Betroffene heißt das: Die Angst isst immer mit: Vor dem Essen wäscht sich Sandra Donhauser die Hände - aus Sorge vor einer Verunreinigung. Isst sie mal bei Freunden, reinigt sie Besteck und ähnliches.

"Ich spüre die Einschränkung jeden Tag. Die Kantine kann ich nicht gefahrenlos nutzen. In der Mittagspause kann ich nicht jeden Bäcker, jedes Restaurant benutzen und auch Urlaube sind immer schwer und mit viel Aufwand vorher verbunden. Einfach allgemein Situationen, in denen man unterwegs ist und spontan etwas zu essen kaufen möchte."

Sandra Donhauser

Im Urlaub vor ein paar Monaten wird der Albtraum wahr: Im Hotel bekommt sie einen allergischen Schock. Schuld war offenbar eine Verunreinigung am Buffet. Für so einen Fall hat die 25-Jährige immer ihr Notfallset dabei: Darin enthalten: Adrenalin, ein Anti-Allergikum und Kortison.

Diagnose: Prick-Test, Bluttest, Provokationstest

Eine Allergie ist eine Art Fehlfunktion des Immunsystems. Die körpereigene Abwehr richtet sich plötzlich gegen eigentlich harmlose Stoffe wie die Erdnuss. Beim Erstkontakt kommt es zu einer Sensibilisierung. Das bedeutet, dass der Körper Antikörper gegen das Allergen bildet, die man im Blut messen kann. Bei einem zweiten Kontakt kommt es häufig zu einer allergischen Reaktion.

Nach dem Vorfall im Urlaub will Sandra wissen, wie ausgeprägt ihre Allergie tatsächlich ist. Neben dem sogenannten Prick-Test, bei dem die Allergene auf der Haut getestet werden, wird ihr Blut auf die Antikörper – die sogenannten Immunglobuline - untersucht.

Stationär wird außerdem ein sogenannter Provokationstest gemacht. Dabei isst sie kleinste Mengen Erdnuss, die alle halbe Stunde gesteigert werden. Ihre Reaktionen werden dabei streng überwacht und dokumentiert.

"Beim Provokationstest wird streng kontrolliert dem Patienten Erdnuss gegeben - beginnend mit sehr, sehr kleinen Mengen in ansteigender Dosierung. Erstens, um zu beweisen, dass eine Erdnuss-Allergie vorliegt und zweitens, um die Schwelle zu erkennen, ab der der Patient reagiert. Denn das ist für den Patienten wichtig, um herauszufinden, ob er bereits Spuren von Erdnuss meiden muss oder nicht."

Prof. Dr. med. Knut Brockow, Dermatologie und Allergologie am Biederstein, TU München

Der Befund zeigt: Die Patientin hat tatsächlich eine schwere Erdnussallergie. Sie muss also bereits Spuren meiden. Eine Therapie gibt es nicht. Das einzige, was sie tun kann ist, Erdnüsse komplett zu meiden. Experten sprechen von Karenz. Eine Erdnussallergie ist also nicht heilbar.

Oberstes Gebot: Erst lesen, dann essen

Wie das „Meiden“ am besten gelingt, weiß Ernährungsberaterin Dr. Braun aus München. Sie berät in ihrer Praxis und online Betroffene: Seit 2005 müssen Allergene wie die Erdnuss laut Gesetz auf den Verpackungen angegeben werden:

"Ganz wichtig ist, immer zu lesen, bevor man isst. Auch Lebensmittel, wo draufsteht: „Kann Spuren von Erdnüssen enthalten“ sind im Fall von Frau Donhauser definitiv tabu. Denn die Spur an sich ist nicht definiert. Dafür gibt es keinen gesetzlichen Schwellenwert. Wir können hier nicht sagen, dass in diesen Lebensmitteln nicht auch eine ganze Erdnuss versteckt ist."

Yvonne Braun, Ernährungsberaterin, München

Was viele nicht wissen: Die Angaben können sich jederzeit ändern. Das heißt, auch Produkte zu denen man seit zehn Jahren regelmäßig greift, müssen vor jedem Kauf oder Verzehr immer aufs Neue genau studiert werden.

Außerdem müssen Patienten darauf achten, dass der Hersteller überhaupt Spuren deklariert. Wenn nichts draufsteht, ist das ein schlechtes Zeichen.

"Ganz wichtig ist, dass auf der Verpackung ein Spurenhinweis vorhanden ist. Es sollte dort zum Beispiel stehen: Kann von Spuren von Milch oder Ei enthalten, aber definitiv nicht die Erdnuss vorhanden sein. Dann ist das ein sicheres Produkt für Frau Donhauser. Denn dann wissen wir, dass die Firma Spuren deklariert. Dass überhaupt ein Allergen-Management betrieben wird."

Yvonne Braun, Ernährungsberaterin, München

Unbedenklich sind hingegen Produkte, die Nüsse und Schalenfrüchte enthalten – denn die Erdnuss ist eine Hülsenfrucht und keine Nuss. Die Expertin rät im Zweifel dazu, Produkte von großen Herstellern zu kaufen, die sich ein Allergen-Management leisten können und im Zweifel die Hersteller anzuschreiben und zu fragen.

Die pollenassoziierte Haselnussallergie

Auch Hanjo Koch muss aufpassen, was in seiner Schüssel landet, wenn auch nicht so extrem wie Sandra.

"Ich muss beim Einkaufen wirklich darauf achten, dass keine puren Haselnüsse drin sind. Ich muss immer auf die Verpackungsrückseite schauen und mich vergewissern, dass nicht doch etwas in ein Produkt reingemogelt ist. Das äußert sich bei mir dann dadurch, dass ich mir das Müsli selber mische. Und bei der Schokolade muss ich darauf achten, dass ich keine mit vollen Nüssen kaufe. Ich kaufe viel bewusster ein."

Hanjo Koch

Das Gute: Erhitzte Haselnüsse, zum Beispiel in Brotaufstrichen, Keksen oder Kuchen merkt er nicht - anders als die Erdnussallergiker:

"Bei einer primären Erdnussallergie sind die Allergene hitzestabil - also die Eiweiße, welche die Reaktion auslösen. Bei der pollen-assoziierten Lebensmittelallergie sind die Auslöser hitzelabil. Das heißt sie gehen kaputt. Verarbeitete Produkte können also ganz oft verzehrt werden. Während bei der primären Erdnussallergie auch verarbeitete Produkte absolut verboten sind."

Yvonne Braun, Ernährungsberaterin, München

Hyposensibilisierung nur gegen bestimmte Allergien

Erwischt er doch eine „pure“ Haselnuss, reicht ein Anti-Allergikum. Lebensbedrohlich sind die Symptome nicht, das heißt auch ein Notfall-Set braucht er nicht. Außerdem hat er mit einer Hyposensibilisierung gegen die auslösenden Allergene begonnen – die Birkenpollen. Davon verspricht er sich Linderung – auch bei den Haselnüssen. Von so einer Therapie können Erdnussallergiker jedoch nur träumen.

"Es wird intensiv daran geforscht und es ist zu erwarten, dass eine Hyposensibilisierung in den nächsten Jahren kommen wird. Es ist allerdings so, dass bei der Mehrzahl der Patienten keine komplette Toleranz gegen die Erdnuss entstehen wird, sondern nur höhere Mengen vertragen werden und sie nicht mehr auf die Spuren aufpassen müssen."

Prof. Dr. med. Knut Brockow, Dermatologie und Allergologie am Biederstein, TU München

Für Patienten wie Sandra wäre das schon ein Gewinn. Bis es soweit ist, heißt es für sie: Aufpassen! Und zwar jeden Tag. Deswegen kocht sie am liebsten selbst - denn sicher ist sicher.

Was Patienten wie Sandra sich wünschen würden, ist ein größeres Problembewusstsein: Immer noch werden viele Betroffene belächelt. Viele nehmen die Allergie nicht ernst. Dabei ist eine schwere Erdnussallergie im wahrsten Sinne: eine todernste Angelegenheit.


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