Bayern 1 - Experten-Tipps


12

Fangfrisch Wie nachhaltig ist unser Fischkonsum?

So gesund Fisch für den Menschen ist, so sehr soll sein Verzehr inzwischen der Umwelt schaden. Ist Aquakultur eine ökologisch sinnvolle Lösung im Vergleich zum Wildfang? Der Umweltkommissar ermittelt.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 25.09.2013

Illustration: Umweltkommissar füttert einen Zuchtfisch und angelt einen Wildfisch | Bild: BR/Tanja Begovic

Fisch ist gesund. So weit, so gut. Doch die Bestände sind gefährdet, viele Meeresregionen leer gefischt. Welcher ist der ökologisch sinnvollste Weg an guten Fisch zu kommen? Den frischen Fisch aus der Wildnis nehmen und damit die Bestände gefährden? Oder Fisch in Aquakulturen züchten - und dafür mögliche Qualitätseinbußen in Kauf nehmen?

Unterschiedlicher Rat von Greenpeace, WWF & Co.

Sich ausgewogen und auch noch nachhaltig zu ernähren, ist oft nicht einfach. Ernährungsexperten predigten jahrelang, dass Fisch - und vor allem Seefisch - sehr gesund ist und deshalb öfter auf den Tisch gehört. Inzwischen bitten Umweltschützer, auf Viktoriabarsch, Heilbutt, Lachs oder Kabeljau zu verzichten, weil sonst deren Bestand bedroht ist.

Hintergrund

Die Verbraucher in Deutschland haben ihren Fischkonsum im vergangenen Jahr etwas gedrosselt. Pro Kopf isst jeder Einwohner 15,2 Kilogramm Fisch und damit 300 Gramm weniger als noch 2011, sagt das Fisch-Informationszentrum (FIZ) in Hamburg mit. Grund sind auch die hohen Preise: Die Fischkäufer haben für mehr Geld weniger Fisch bekommen.

Der meiste Fisch wird dabei gar nicht frisch verkauft, sondern industriell verarbeitet - zum Beispiel zu Fischstäbchen und Fischfrikadellen aus der Tiefkühltruhe, zu Konserven und Marinaden. Deutschland hat dabei eine starke Position: Rund 1,8 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte werden jährlich eingeführt, die Hälfte davon wieder ausgeführt.

Wenn sich die Verbraucher nach den Empfehlungen von Greenpeace richten, dürften eigentlich nur noch Makrelen, Forellen, Karpfen, Heringe und Zander essen auf dem Tisch landen. Alle anderen Fischarten sind von mindestens einem Kriterium betroffen, das Greenpeace für negativ hält, wie zum Beispiel eine hohe Beifangquote. Selbst bei den empfohlenen Fischen aus Wildfangbeständen, gelten Einschränkungen. Denn Makrelen aus der südlichen oder mittleren Nordsee sind nicht erlaubt. Der WWF hingegen findet frische Schollen aus der Nordsee gut, Makrelen aus dem Mittelmer wiederum nicht. Hier kommt es wieder auf die Fangmethoden an.

Tiefgekühlter Fisch hat nicht unbedingt eine schlechtere Ökobilanz als Frischfisch. Im Gegenteil. Unter der Annahme, dass Fangmethoden und Fanggebiete identisch sind, kann tiefgekühlter Fisch sogar eine bessere CO2-Blanz aufweisen als beim Transport von frischem Fisch. Das gilt aber laut einer Studie der norwegischen Wissenschaftsorganisation SINTEF nur unter der Voraussetzung, dass die Kühlanlagen auf den Schiffen neuesten Standards entsprechen. Frischfisch wird - meist mit Eis gekühlt - im Flugzeug transportiert.

Aquakultur

Auch Zuchtfisch aus der Aquakultur ist keine zwangsläufige Alternative. Schließlich können auch Aquakulturen schlimme Auswirkungen auf das Ökosystem in ihrer Umgebung haben, insbesondere wenn sie auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sind.

Zahlen zur Fischereiwirtschaft

Dass der Bestand vieler Meeresfische tatsächlich in Gefahr ist, zeigt sich besonders deutlich an einigen Thunfischarten. So ist der Großaugen-Thunfisch  nach Ansicht von Tierschützern kaum noch zu retten, weil die Fische oft gefangen werden, bevor sie alt genug zur Fortpflanzung sind. Sich auf eine Verringerung der Fangquoten für diese Thunfischart verständigen, ist aber schwierig durchzusetzen. Die Menge gefangener Großaugen-Thunfische ist im vergangenen Jahr um zwei Prozent gestiegen, statt um 30 Prozent zu fallen, wie die Pacific Fisheries Commission (WCPFC) mit den Fischereinationen eigentlich vereinbart hatte.

Pläne der EU

Die EU will zukünftig nachhaltiger fischen - was das genau für die Verwendung der EU-Fischereigelder heißt, muss erst noch in weiteren Beratungen erörtert werden. Bisher flossen die Gelder vor allem in weniger produktive Fischereiregionen. In Zukunft sollen sie hingegen im Sinne einer nachhaltigeren Fischerei verwendet werden – und erstmals auch für Süßwasser-Aquakulturen.

Auch deutsche Trawler sind längst anderweitig unterwegs, und fischen in anderen Teilen der Weltmeere. So unter andereml vor der Küste Westafrikas, in den Hoheitsgewässern von Mauretanien. Das arme Land in der Sahel-Zone hat seine Fangrechte für 70 Millionen Euro an die EU verkauft. Seither ziehen europäische Hochseetrawler jährlich tausende Tonnen Fisch aus dem Meer. Dass die einheimischen Fischer dadurch in den Ruin getrieben werden, nehmen die Europäer wohl billigend in Kauf. Rund 250 Tonnen Fisch kann ein einziger Trawler am Tag herausziehen und verarbeiten. Um eine solche Menge aus dem Meer zu holen, brauchen einheimische Fischer mit 56 ihrer traditionellen Fischerboote ein ganzes Jahr.

Nachhaltigkeitssiegel und was sie bedeuten

Erster Weg zu kontrollierter Fischerei sind die Netzgrößen.

Ob frisch, tiefgekühlt oder geräuchert sowie für Weich- und Krebstiere müssen seit Jahren die Fanggebiete angegeben werden. Manche Anbieter begnügen sich mit den relativ weit gefassten 19 Fanggebieten der Welternährungsorganisation (FAO) auf den Weltmeeren. Andere Hersteller und Initiativen gehen weiter, grenzen die Fanggebiete stärker ein und machen zusätzliche Angaben wie zu Verarbeitungsbetrieben. Ein Vergleich der Fischprodukte von zehn Marken hat gezeigt, dass Verbraucher selbst beim vorbildlichsten Hersteller nur knapp zwei Drittel der von Greenpeace als notwendig erachteten Produktionsstufen zurückverfolgen könnten. Ein anderer bekannter Markenhersteller liefere sogar nur knapp ein Viertel dieser Informationen. Um genau zurückverfolgen zu können, welchen Weg der Fisch aus dem Meer in den Laden genommen hat, hält Greenpeace folgende Angaben für nötig: Ort und Datum des Fangs und der sogenannten Anlandung sowie sämtliche Verarbeitungsstufen bis hin zum Zentrallager.

Mittlerweile gibt es eine Vielzahl an Siegeln, die dem Verbraucher helfen sollen den "richtigen" Wildfang zu kaufen. Neben dem bekanntesten Zertifizierungssiegel des Marine Stewardship Council (MSC) für nachhaltige Fischerei, gibt es auch noch die Siegel Friend oft the Sea (FOS) und – vor allem auf Thunfischdosen zu finden – SAFE. Das soll kenntlich machen, dass bei diesem Fang keine anderen Meeressäuger wie Delphine gefährdet worden sind. Außerdem haben verschiedene Lebensmittelmärkte eigene Kennzeichnungen entworfen, um nachhaltig gefangenen Fisch für den Kunden sichtbar zu machen.

Das Label MSC steht beispielsweise für eine nicht-staatliche Organisation, mit Sitz in London, die unabhängig weltweit Fischereien zertifiziert, die für ein nachhaltiges Fischereimanagement stehen. Das bedeutet: Es darf nur so viel gefischt werden, dass der Bestand wieder nachwachsen kann. Ist er erschöpft, muss sichergestellt werden, dass dieser sich wieder erholen kann. Zudem wird verlangt, dass durch die Fischerei die jeweils betroffenen Ökosysteme nicht deutlich beeinträchtigt werden: Die Fangmethoden sollen die Meeresumwelt keinesfalls schädigen. Das klingt an sich sehr gut und vernünftig, hat allerdings einen Haken: Die Bewertung der vielen einzelnen Kriterien kann unterschiedlich ausfallen. So hat der Fischereibiologe Rainer Froese vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel im Jahr 2012 für einiges Aufsehen gesorgt, als er die Zertifizierungspraxis von MSC und FOS genauer unter die Lupe genommen hat. So hat Froese kritisiert, dass Fischbestände, die nach der Zertifizierung in den Bereich der Überfischung "gerutscht" waren, an der Fischtheke trotzdem das MSC-Siegel behalten haben. Immerhin räumt auch der Fischereibiologe ein, dass mit einem Siegel die Wahrscheinlichkeit, Fisch aus gesunden Beständen zu kaufen, etwa drei bis vier Mal höher ist als bei ungeprüfter Ware. Zumindest eine Orientierungshilfe sind die Siegel für den Kunden und er kann davon ausgehen, nachhaltigen Fischfang zu unterstützen. 

Kunde zahlt gern für Qualität und Nachhaltigkeit

Qualität an der Theke: frischer Fisch am besten direkt vom Markt.

Immer mehr Verbraucher sind weltweit bereit, für solche Ware mehr zu bezahlen. Davon profitiert die gesamte Wertschöpfungskette, von Supermärkten wie hierzulande Edeka und Kaufland, die mit MSC-Siegeln zu nachhaltigem Fischfang werben, bis hin zu Bootseignern auf den fernen Fidschi-Inseln im Pazifik: Sie kooperieren mit dem WWF. Via AIS prüft der WWF die Einhaltung der Regeln auf See und die Fischer können so ihren Thunfisch als nachhaltig gefangenen besser auf dem Weltmarkt absetzen.

Dass mit nachhaltigem Fang mehr verdient wird, bestätigt auch der Deutsche Hochseefischereiverband und fordert seinem Sprecher Claus Ubl zufolge selbst "eine weitere Ausbreitung des Nachhaltigkeitssiegels MSC für möglichst viele Fischarten". Mit dem Ansatz, Fischereien über den Profit zur Einhaltung von Regeln auf hoher See zu bewegen, hat der Hochseefischereiverband kein Problem. "Es kann nur gut sein, wenn weniger illegaler Fisch auf dem Markt ist, der den Preis kaputt macht", sagt Ubl.

Aquakulturen

Im Jahr 2012 wurden nach Angaben des Statistisches Bundesamtes in rund 5.300 deutschen Betrieben etwa 19.600 Tonnen Fische in Aquakulturen erzeugt. Damit ist hierzulande die Erzeugung von Fischen in Aquakultur im Vergleich zu 2011 um rund 7,3 Prozent gestiegen. Die Zuwächse lassen sich vor allem auf eine Steigerung der Erzeugung in bayerischen Aquakulturbetrieben zurückführen.

Weltweit sieht die Entwicklung noch extremer aus: Mittlerweile steuern die Aquakulturen auf allen Kontinenten etwa die Hälfte der jährlich produzierten Fischprodukte bei. Hier sind Wachstumsraten von gut acht Prozent in den vergangenen Jahren durchaus üblich gewesen.

90 Prozent aller Fische aus Aquakulturen in Deutschland sind Importe, meist aus Ländern wie Thailand, China oder Vietnam. Allerdings sind Aquakulturen nicht abgekoppelt vom Wildfang zu betrachten. Denn gerade Raubfische brauchen Nahrung aus den Weltmeeren, sprich tierisches Eiweiß. Besonders deutlich wird das anhand von gezüchtetem Thunfisch. Pro Kilogramm Thunfisch müssen etwa 20 Kilogramm tierische Eiweiße in Form von Fischmehl zugefüttert werden. Auch für jedes Kilogramm Zuchtlachs werden etwa vier Kilogramm Fischeiweiße benötigt. Dieses Futter stammt natürlich nicht aus der Zucht, sondern aus Wildfang und somit können auch Aquakulturen zur Überfischung beitragen.

Die Folgen der Aquakulturen

Offene Aquakultur in Deutschland.

Für die Fischzucht hat das Wohlbefinden der Tiere eine große Bedeutung. "Sauberes Wasser ist Voraussetzung für gesundes Wachstum, von dem letztlich auch der wirtschaftliche Erfolg abhängt", sagt Alexander Brinker, Leiter der Fischereiforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg in Langenargen. Doch kleinste ungelöste Partikel im Wasser, die sich mit herkömmlicher Technik nicht effektiv herausfiltern lassen, könnten Stress verursachen. Welche Partikelkonzentrationen Fische tolerieren können und ab wann die "Stress-Grenze" überschritten wird, ist bisher aber nicht erforscht.

Kreislaufanlagen in der Aquakultur sind eine umweltschonende Alternative zur traditionellen Fischzucht, in der Futterreste und andere Partikel zum Teil ungefiltert in die angrenzenden Gewässer gelangen und das Ökosystem beeinträchtigen könnten. Die geschlossene Aquakultur ist zudem wassersparend, da sie das Ablaufwasser säubert und wiederverwendet. Um diese Anlagen weiter zu etablieren, müssten sie aber wirtschaftlich arbeiten und eine bessere Ökobilanz als herkömmliche Systeme sowie tiergerechte Haltungsbedingungen aufweisen.

Steigende Kosten und Risiken

Geschlossene Wassersysteme müssen intensiv gepflegt werden.

In Deutschland machen die geschlossenen Kreislaufanlagen aber gerade mal drei Prozent der gesamten Aquakulturwirtschaft aus. "Für die Fischzucht in Kreislaufanlagen ist die Wasserqualität von zentraler Bedeutung und immer noch der am schwierigsten zu kontrollierende Faktor", so Brinker weiter. Das wesentliche Problem tauche auf, wenn sich Futtermittelreste und Fischexkremente nicht effektiv herausfiltern ließn und das Wasser verunreinigten. Denn die daraus resultierenden Kleinstpartikel blieben in den Kiemen haften und führten in höherer Konzentration zu Stress und verminderter Nahrungsaufnahme. Mit dem Risiko von Krankheiten stiegen auch die Kosten für medizinische Maßnahmen. Nur wenn die Fische artgerecht gehalten würden, sei optimales Wachstum bei maximaler Futterverwertung möglich.

Negativbeispiel: Garnelenzucht in Thailand

Dass gerade Aquakulturen besonders anfällig für Krankheiten, Bakterien oder Viren sind, ist derzeit bei Garnelenzüchtern in Thailand und anderen asiatischen Ländern festzustellen. Sie stehen vor dem Ruin und müssen hilflos einem Massensterben in ihren Zuchtbecken zusehen. Thailand ist einer der weltgrößten Exporteure von Garnelen aus Aquakultur. Garnelen sind Langschwanzkrebse. Bei zubereiteten Garnelen war das Land 2012 in der EU mit 72 500 Tonnen größter Lieferant vor Kanada und Grönland: "Bei uns begann das Problem im August vergangenen Jahres, wir haben 80 Prozent unserer Produktion verloren", sagt Prayoon Hongrat, der in der Provinzu Chantaburi in Ostthailand die Aquafarming Sureerath betreibt. "Wir müssen Wasser von außerhalb besorgen und ich nehme an, dass unsere Zuchtbecken dadurch kontaminiert wurden." Noch im vergangenen Jahr landeten 80 Prozent der thailändischen Produktion von 485 000 Tonnen auf ausländischen Tellern. "Die Produktion dürfte in diesem Jahr auf gut die Hälfte einbrechen", sagt der Präsident des Gefrierwarenverbandes, Poj Aramwattananont.

Fisch aus heimischen Gewässern

Eine wirkliche Alternative sind in Deutschland Süßwasserfische aus der Region. Derzeit kommt allerdings nur jeder fünfte Fisch, der hierzulande verzehrt wird, aus der Heimat. Dabei ist die Auswahl mit mehr als 90 Süßwasser-Fischarten sehr groß und die kurzen Transportwege sprechen für sich. In der Ökobilanz ist ein Karpfen oder ein Saibling deshalb fast unschlagbar, im Vergleich zu Pangasius oder Viktoriabarsch.   

Fazit

Wer gerne Fisch isst, hat es wirklich nicht leicht die richtige, sprich nachhaltige Entscheidung zu treffen. Auch Zertifikate geben nicht immer absolute Sicherheit, dass es sich wirklich um Fisch aus nicht gefährdeten Beständen handelt.

  • Wer ganz korrekt einkaufen will, sollte sich erkundigen welche Fischarten nicht gefährdet sind
  • Siegel wie MSC oder andere Bo-Zertifikate geben Orientierung und tragen dazu bei, dass mehr Betriebe auf nachhaltigen Fischfang oder –zucht umsteigen
  • Wer bereit ist mehr Geld für zertifizierten Fisch auszugeben, unterstützt das Prinzip der Nachhaltigkeit. Denn diese Siegel kosten die Betriebe Geld. Dafür müssen sie aber auch an die vorgegebenen Rahmenbedingungen halten

12