BR24 Logo
BR24 Logo
Wissen

Was ein keltischer Brunnen über das Leben der Kelten verrät | BR24

© Landesamt für Denkmalpflege/Archäologiebüro Dr. Woidich

Konservierte Speisereste und Gefäße geben Einblick in die Zeit der Kelten.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Was ein keltischer Brunnen über das Leben der Kelten verrät

Neben konservierten Speiseresten liefert ein Brunnenfund neue Erkenntnisse über das Verschwinden der Kelten im Nördlinger Ries. Archäologen untersuchten den Inhalt und wissen nun, wovon sich die Kelten 133 vor Christus ernährt haben.

Per Mail sharen
Teilen

Die Kelten ernährten sich vielseitig und abwechslungsreich, expandierten wirtschaftlich und pflegten gute Handelsbeziehungen. Trotzdem gaben sie ihre Siedlungen im süddeutschen Raum auf. Was war geschehen? Ein Brunnen aus dem Jahr 133 vor Christus, gefunden im Nördlinger Ries, gibt Wissenschaftlern nun einen guten Einblick in das Leben der Kelten in dieser Region. Bereits im Sommer 2019 wurden die Überreste auf einer Baustelle entdeckt. Jetzt präsentierten die Archäologen und Denkmalpfleger ihre ersten Ergebnisse. Wie sich zeigte, war der Brunnen eine archäologische Schatzgrube. Er enthielt zahlreiche Speise- und Pflanzenreste. Eine Entdeckung, die zum ersten Mal Hinweise für diese vorrömische Zeit liefert.

Was kam bei den Kelten auf den Tisch?

Nach den Untersuchungen der 2.000 Pflanzenreste von mehr als 60 Arten, wissen die Forscher nun, wovon sich die Kelten ernährten. Besonders die unteren Schichten des Brunnens erhielten sich über die Jahrtausende. Da die Reste von organischem Material unter Luftabschluss im Grundwasser standen, blieben sie überhaupt so lange erhalten. Die Forscher wissen nun, dass sich die Kelten bereits 100 Jahre vor Christus von Fleisch, Gerste und Dinkel ernährten und als Gewürz Dill verwendeten. Aber auch Obst, wie Wildbirnen oder das Superfood Physalis standen auf ihrem Speiseplan. Daneben entdeckten die Forscher Spuren von Heilpflanzen, wie das Echte Johanniskraut, das bekannt ist als Stimmungsaufheller. Aber auch das giftige Schwarze Bilsenkraut, das die Kelten vermutlich als Betäubungs- und Rauschmittel nutzten, wurde in den Speiseresten nachgewiesen. Ebenso fanden die Archäologen einzelne Stücke von Keramikgefäßen, die im Brunnen entsorgt wurden.

"Sobald dieser Brunnen nicht mehr benötigt wurde, hat man ihn dazu genutzt, Reste von Speisen, Schlachtabfälle, aber auch alle möglichen Dinge aus der Umgebung in diese aufgegebene Hohlform zu versenken, und die erhalten sich sehr gut." Dr. Johann Tolksdorf, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Thierhaupten
© Landesamt für Denkmalpflege/Archäologiebüro Dr. Woidich

Der Brunnen stammt aus dem Jahr 133 vor Christus. Eine wahre archäologische Schatzgrube.

Wann gaben die Kelten ihre Siedlung auf?

Entdeckt wurde der keltische Brunnen auf einer Baustelle im Nördlinger Ries. In dieser Region befinden sich Siedlungsspuren, die bis in die Steinzeit zurückreichen. Die Überreste mächtiger Wallanlagen am Ipf, ein hoher Hügel, der östlichen Schwäbischen Alb, gehen auf eine frühe keltische Besiedlung zurück. Dort befand sich ein keltischer Fürstensitz, ein sogenanntes "Oppidum". Die Siedlung war wohlhabend und das Umland damals dicht besiedelt, belegen schon frühere archäologische Funde aus dieser Region. Neben den Überresten der Wallanlage befinden sich Ruinen aus der Zeit der römischen Besiedlung, die ab Mitte des ersten Jahrhunderts nach Christi begann. Zwischen der Ankunft der Römer und der Abwanderung der Kelten liegen jedoch 100 Jahre. Was in dieser Zeit geschah, und warum die Kelten ihre über Jahrtausende besiedelte Region mit blühenden Landschaften aufgaben, damit beschäftigten sich Archäologen vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege schon lange.

"Eine der interessantesten Fragen zur keltischen Kultur betrifft im Wesentlichen ihr Ende. In Süddeutschland haben wir mindestens in Teilen über einige Jahrzehnte eine Lücke zwischen dem archäologischen Nachweis keltischer Kultur und dem Beginn der römischen Kultur." Dr. Johann Tolksdorf, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Thierhaupten
© BR/Gut zu wissen

Schwarzer Holunder überwuchert Felder, die nicht mehr bestellt werden.

Pollenspuren beweisen eine langsame Siedlungsaufgabe

Der Brunnenfund liefert den Wissenschaftlern wichtige Hinweise auf die Abwanderung der Kelten. Mithilfe von Pollenuntersuchungen können sie feststellen, wann eine Siedlung aufgegeben wurde. Denn wenn Menschen ihre Siedlung verlassen, dann werden auch Getreidefelder nicht mehr bestellt. Es kommt meist zur Ausbreitung von Holunderbüschen auf den brachliegenden Flächen. Diesen Nachweis erhalten die Wissenschaftler über eine Pollenbestimmung. Sie verglichen die Ergebnisse ihrer Proben mit ähnlichen Funden und stellen fest, dass sich die Abwanderung über einen längeren Zeitraum hinzog. Sie vermuten deshalb, dass es keine Seuche war, die die Kelten vertrieb und auch keine Wirtschaftskrise, die sie dazu bewog ihre Siedlungen aufzugeben, sondern vermutlich politischer Druck.

"Da kommen eigentlich am ehesten politische Faktoren ins Spiel. Wir wissen von antiken Autoren aus dieser Zeit, dass keltische Stämme durch germanische Stämme, die aus dem Norden kamen und Druck ausübten, in Bewegung geraten. Möglicherweise gab es hier eine politische Desintegration. Wir sehen hier einen Zusammenbruch der keltischen Gesellschaft, der möglicherweise mit politischer Unsicherheit zusammenhängt." Dr. Johann Tolksdorf, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Thierhaupten
© Landesamt für Denkmalpflege/Archäologiebüro Dr. Woidich

Der keltische Brunnen im Nördlinger Ries besteht aus Eichenholz.

Wie bestimmten Forscher das Alter des Brunnens?

Der Brunnen wurde mit Eichenholz gebaut, das 133 vor Christus geschlagen und verarbeitet wurde. Zu diesem Ergebnis kommen die Forscher mithilfe der "Dendrochronologie". Sie zählen die Jahresringe im Holz und bestimmen so das Alter. Diese noch junge Wissenschaft der Datierungsmethode wurde im 20. Jahrhundert von Andrew Ellicott Douglass begründet. Der US-amerikanische Astronom suchte nach Zusammenhängen zwischen klimatischen Wachstumsbedingungen und der Breite der Jahresringe im Holz. Forscher messen die Ringbreiten im Holz und geben die Daten in ein spezielles Softwareprogramm ein. Auf dem Computer werden diese Daten in Kurven umgewandelt und mit bereits datieren Hölzern verglichen. Der keltische Brunnen wurde so auf das Jahr 133 vor Christus datiert. Die gut erhaltenen Teile des Brunnens aus dem Nördlinger Ries sollen nun konserviert werden.

© BR/Gut zu wissen

Ein Brunnenfund aus dem Jahr 133 vor Christus liefert neue Erkenntnisse über das Verschwinden der Kelten im Nördlinger Ries.