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Schützt eine Brille vor Coronaviren? | BR24

© picture alliance/ZUMA Press

Noch zeigt keine Studie eindeutig, dass eine Brille vor Coronaviren schützen würde.

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    Schützt eine Brille vor Coronaviren?

    Chinesische Forscher kommen zu dem Schluss, dass Brillenträger seltener an Covid-19 erkranken als Menschen ohne Brille. Deutsche Experten widersprechen: Das Coronavirus komme so gut wie nie über die Augen in den Körper.

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    Das Tragen einer Brille könnte einen zusätzlichen Schutz bei Sars-CoV-2 bedeuten. In einer Studie, die am 16. September 2020 in der Fachzeitschrift JAMA Ophthamol erschienen ist, zeigen chinesische Forscher, dass der Anteil der Brillenträger unter Covid-19 Patienten auffallend gering ist.

    Chinesische Studie: Brille schützt angeblich vor Coronainfektion

    Die Daten stammen aus der Provinz Hubei in China, wo Anfang des Jahres 2020 insgesamt 276 Patienten mit Covid-19 im Krankenhaus waren. 16 davon waren Brillenträger, also sechs Prozent. In einer Kontrollgruppe mit gesunden Chinesen, hatten 31 Prozent eine Brille, also deutlich mehr. Daraus ließe sich ein statistischer Zusammenhang ableiten, dass Brillenträger seltener an Covid-19 erkranken, so die chinesischen Forscher.

    Die Mängel der chinesischen Studie:

    • Die Zahl der untersuchten Patienten ist gering.
    • Die Kontrollgruppe besteht ausschließlich aus Studierenden, ist also nicht repräsentativ.
    • Die Daten der Kontrollgruppe sind zu alt: Sie stammen aus dem Jahr 1987.

    Deutsche Experten sehen Brillenträger nicht im Vorteil bei Covid-19

    Deutsche Experten schätzen die Studie als interessant ein, können aber den Zusammenhang zwischen Brille und geringen Fallzahlen bei Covid-19 derzeit nicht bestätigen.

    "Es ist nur eine Stichprobe. Es ist eine wichtige Studie aus China, publiziert in einer renommierten augenärztlichen Fachzeitschrift. Die Studie ist interessant, erlaubt aber meines Erachtens aufgrund methodischer Mängel keine wirklichen Schlussfolgerungen momentan." Clemens Lange, Professor für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg

    Weitere Studien müssen den Zusammenhang belegen

    Ob das Tragen einer Brille wirkliche einen zusätzlichen Schutz bedeutet, müssen weitere wissenschaftliche Untersuchungen belegen.

    "Solange keine weiteren Studien veröffentlicht sind, halte ich es persönlich mit den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation vom August 2020, die im öffentlichen Leben keinen Brillenschutz empfiehlt. Wir wissen, dass Mund-Nasenschutz wichtig ist, regelmäßiges Händewaschen und Einhaltung der Abstandsregeln." Clemens Lange, Professor für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg

    Coronaviren reizen die Augen nicht

    Andere Studien zeigen, dass Coronaviren selten und nur in geringer Zahl in der Tränenflüssigkeit zu finden sind. Wäre die Virenzahl hoch, käme es zu einer Reizung der Bindehaut oder sogar zu einer Bindehautentzündung. Das ist bei Covid-19 Patienten aber sehr selten der Fall.

    "Somit kann man sagen, dass das Auftreten einer Bindehautentzündung und einer Infektion von Sars-CoV2 der Bindehaut bei Covid 19 im Vergleich zu den typischen Symptomen wie Fieber, Husten, Geschmacksstörung insgesamt als gering anzusehen ist, was meines Erachtens gegen eine relevante Sars-CoV2-Infektion der Bindehaut spricht." Clemens Lange, Professor für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg

    Coronaviren können über Aerosole auf die Augen kommen

    Möglich ist, dass über Aerosole Coronaviren in die Augen gelangen. Sie könnten dann über die Tränenflüssigkeit in den Nasen-Rachenraum gelangen und sich dort vermehren.

    "Man darf nicht vergessen, dass der Großteil der Tränenflüssigkeit und unseres Tränenfilms durch einen kleinen Gang im Bereich der Lidkante in den Nasen-Rachenraum abfließt und wenn vermehrungswillige Coronaviren in der Tränenflüssigkeit schwimmen, treffen sie dann spätestens im Nasen-Rachenraum auf Zellen, die aufgrund ihrer Oberflächenproteine offen sind und einen guten Nährboden für das Eindringen der Viren darstellen." Focke Ziemssen, Professor für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen

    Tränen enthalten kaum Coronaviren

    Theoretisch ist es auch denkbar, dass Personen, die sich mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt haben, die Krankheit über ihre Tränenflüssigkeit weitergeben.

    "Es ist schon so, dass in der Tränenflüssigkeit bei einzelnen Infizierten auch Virusbestandteile nachgewiesen wurden, es scheint aber kein häufiger Übertragungsweg zu sein. Wir hatten bei uns eine Stichprobe verstorbener Covid-19 Patienten untersucht und auch gesehen, dass dort relativ selten in der Bindehaut oder Hornhaut Viruspartikel enthalten waren." Focke Ziemssen, Professor für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen

    Mögliche Ansteckung bei augenärztliche Untersuchungen

    Der chinesische Augenarzt Li Wenliang aus Wuhan warnte frühzeitig vor den Gefahren von SARS-CoV-2 und starb im Februar 2020 an den Folgen der Infektion. Seine Fachkolleginnen und Kollegen weltweit sind sich seither bewusst, dass gerade augenärztliche Untersuchungen, bei denen man Patienten sehr nahe kommt, ein hohes Ansteckungsrisiko darstellen. Allerdings erfolgt die Ansteckung in aller Regel über Aerosole in der Luft.

    "Manche kennen die Untersuchung mit dem Gesichtsfeld, wo man in eine weiße Kugel hineinschaut und drücken muss, wenn man einen weißen Punkt sieht, diese Untersuchung versuchen wir momentan zu vermeiden, weil man da relativ lange Aerosole im Raum verbreiten kann und deshalb wird mit Augenmaß geschaut, wie man die medizinische Versorgung sinnvoll anpasst, um das Übertragungsrisiko auch möglichst gering zu halten." Focke Ziemssen, Professor für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen

    Augen spielen bei der Covid-19-Infektion keine wichtige Rolle

    Als Fazit ist festzuhalten, dass die Augen offenbar nur in seltenen Fällen als Eintrittspforte für Coronaviren dienen. Außerdem sind in der Tränenflüssigkeit so wenige Erreger vorhanden, dass eine Übertragung auf diesem Wege unwahrscheinlich ist.

    "Die aktuelle Studienlage weist meines Erachtens darauf hin, dass Covid19-Patienten nur selten eine Bindehautinfektion aufweisen und dass Sars-CoV2-Viren nur sporadisch in der Tränenflüssigkeit nachzuweisen sind. Somit erscheint mir eine Sars-CoV2-Infektion über die Augenoberfläche unwahrscheinlich und die Tränen von Sars-CoV2-Patienten, wenn überhaupt, als selten infektiös." Clemens Lange, Professor für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg

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