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Corona und Aerosole Wie gefährlich und infektiös sind Aerosole?

Aerosole sollen eine wichtige Rolle bei der Übertragung des Corona-Virus spielen: kleine Partikelchen, die wir beim Sprechen oder Husten ausstoßen. Doch welche Gefahr geht wirklich von den Aerosolen aus, und wie kann man sich vor einer Ansteckung schützen?

Von: Veronika Scheidl

Stand: 22.06.2020

Ein Baptisten-Gottesdienst in Frankfurt mit über 200 Corona-Infizierten, eine Schlachtfabrik in Nordrhein-Westfalen mit weit mehr als 1.500 Infizierten: Solche Nachrichten lassen aufhorchen. Eine Rolle bei den Ansteckungen könnten, neben der klassischen Tröpfchen-Infektion, auch Aerosole gespielt haben.  

Aerosole: kleinste Tröpfchen in der Luft

Im Gegensatz zu den großen Tröpfchen, die beim Sprechen, Niesen oder Husten durch die Luft fliegen und schnell zu Boden sinken, bleiben die sehr kleinen und leichten Aerosole eine ganze Weile in der Luft stehen, erklärt die Virologin Ulrike Protzer von der TU München.

"Das Coronavirus kann in diesen Aerosolen stecken und in der Luft spazieren fliegen. Und das ist natürlich gefährlich, weil ich nicht sehe, dass da was ist. Ich atme es ein, ohne es zu merken."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Direktorin Institut für Virologie, TU München

Aerosole: länger vorhanden in geschlossenen Räumen

In geschlossenen Räumen halten sich Aerosole lange in der Luft.

Bis zu drei Stunden lang soll das Coronavirus in den Aerosolen infektiös sein. Besonders innerhalb eines geschlossenen Raumes besteht die Gefahr, sich anzustecken. Denn im Gegensatz zu draußen werden die Aerosole und damit auch die Viren nicht umgehend fortgeweht, sondern können länger im Raum verbleiben. Draußen werden die Viren zudem vom UV-Licht unschädlich gemacht, sagt Ulrike Protzer. Sie geht davon aus, dass etwa die Hälfte aller Ansteckungen mit dem Coronavirus über Aerosole erfolgen.

Abstand zwischen Personen ist entscheidend

Doch nicht alle Forscher sehen das so. Christian Kähler ist Professor am Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Universität der Bundeswehr München. Es werde im Moment noch viel zu Aersolen geforscht, sagt Kähler. Allerdings sei bislang noch nicht möglich zu sagen, Aerosole seien zu hundert Prozent infektiös. Noch müsse man warten, bis man dafür verlässliche Nachweise habe.

Prof. Kähler geht davon aus, dass die größte Ansteckungsgefahr lauere, wenn man sich länger und laut unterhält, dicht beieinander ist, sodass mehr und größere Tröpfchen produziert werden. Entscheidend für eine Ansteckung sei der Abstand zwischen den Personen.

"Wenn ich die Quelle wäre, wäre eine Infektion am sichersten, wenn man nah bei mir ist. Je weiter man sich von der Quelle entfernt, umso ungefährlicher wird es. Da spielen verschiedene Prozesse rein. Zum Beispiel, dass man etwa turbulente Strömungsbewegungen im Raum hat, die für eine starke Vermischung sorgen. Und das sorgt dafür, dass die Virenlast mit der Strecke abnimmt."

Prof. Dr. rer. nat. Christian J. Kähler, Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik, Universität der Bundeswehr München

Ist Singen gefährlich?

Singen in Corona-Zeiten: Gefahr durch Aerosole?

Beim Baptisten-Gottesdienst in Frankfurt, als sich über 200 Besucher mit dem Corona-Virus infiziert hatten, soll auch das Singen ohne Mundschutz bei der Übertragung eine Rolle gespielt haben. Beim Singen, so die Annahme, könnten vermehrt Aerosole ausgestoßen werden. Auch das sieht Professor Kähler kritisch. Er hat das Infektionsrisiko untersucht, welches vom Singen und Musizieren mit Instrumenten ausgeht.

Kähler kommt zum Ergebnis, dass Sprechen, Angesicht zu Angesicht, viel gefährlicher ist als Singen. Denn Sprechen sei seinen Untersuchungen zufolge mit größerer Luftverwirbelung verbunden als Singen.

"Wenn man normal singt, ist die Ausbreitung des Aerosols, der Tröpfchen, eher weniger als beim Sprechen."

Prof. Dr. rer. nat. Christian J. Kähler, Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik, Universität der Bundeswehr München

Aerosole: Welche Rolle spielen sie bei der Infektion mit Corona?

Beim Singen komme noch hinzu, dass die Sänger zumeist in einer Reihe nebeneinander oder hintereinander stehen. So würde man dem Vordermann/ der Vorderfrau an Rücken oder Hinterkopf singen. Laien-Chöre dürfen in Bayern jetzt wieder proben, aber die Sänger müssen einen Mindestabstand von zwei Metern wahren, außerdem muss während der Proben regelmäßig gelüftet werden.

Abstand, Masken und Lüften als Schutz

Darin sind sich die Forscher einig: Abstand halten zu anderen Menschen ist ein wichtiger Schutz. Auch das Tragen von Masken, besonders in Innenräumen, sei hilfreich, so Prof. Christian Kähler.

"Wenn man in eine Maske hustet oder pustet, dann wird aus einem gerichteten Strahl mit großem Tempo ein ungerichteter Strahl mit niedriger Geschwindigkeit. Das, was ich ausatme, bleibt im Kopfbereich."

Prof. Dr. rer. nat. Christian J. Kähler; Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik, Universität der Bundeswehr München

Das würde die Menschen in der Umgebung schützen, aber auch hier sei es stets wichtig, Abstand zu halten. Ein weiterer Punkt: Räume müssen regelmäßig gelüftet werden.

"Das Beste ist, wenn einfach ein konstanter Luftzug in einem Raum ist. Stoßlüften hilft schon, auch wenn Menschen drin waren. es hilft aber nicht so viel, wie wenn ich einfach einen ständigen Luftzug herstellen kann."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Direktorin Institut für Virologie, TU München

Außerdem sei ein hoher Raum von Vorteil, erklärt Strömungsmechaniker Kähler. So können Aerosole natürlicherweise besser aufsteigen, die Luft würde sich schneller und besser vermischen.


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