BR24 Logo
BR24 Logo
Wissen

Quagga-Muschel im Bodensee: Neuzugang hat drastische Folgen | BR24

© Patrick Seeger/dpa

Quagga-Muscheln breiten sich seit mehreren Jahren massiv im Bodensee aus, mit Folgen für Seefauna und Trinkwasserversorgung.

Per Mail sharen
Teilen

    Quagga-Muschel im Bodensee: Neuzugang hat drastische Folgen

    Sie ist braun, gestreift und höchst reproduktiv: Seit drei Jahren vermehrt sich die Quagga-Muschel massiv im Bodensee und bereitet nicht nur Biologen Kopfzerbrechen. Denn das invasive Weichtier wirkt sich auf Ökosystem und Wasserversorgung aus.

    Per Mail sharen
    Teilen

    Sie ist eine erfolgreiche Migrantin vom Schwarzen Meer: Die Quagga-Muschel bevölkert den Bodensee mit zunehmender Vehemenz. Konnte 2016 gerade einmal der Erstnachweis des Vorkommens der Quagga-Muschel nachgewiesen werden, kam es 2017 schon zu einer massiven Ausbreitung der Art. Mittlerweile ist die Muschel mit den leicht gestreiften Schalen, benannt nach der mittlerweile ausgestorbenen Zebra-Form Equus quagga quagga, überall im Obersee - dem wesentlichen Teil des Bodensees - bis in eine Tiefe von 180 Metern zu finden.

    Wie die Muschel in den Bodensee gelangte? Ungewiss.

    Auf welchem Weg dem bis zu vier Zentimeter großen Weichtier die Zuwanderung in den Bodensee gelang, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Denkbar sei, dass die Muscheln durch Wasservögel vom Rhein eingeschleppt wurden, sagt Thorsten Rennebarth vom Institut für Seenforschung in Langenargen. Relativ wahrscheinlich sei aber auch die Verbreitung durch Boote oder Wassersportausrüstungen.

    Fest steht, dass die ursprünglich im Aralsee und dem Schwarzmeerraum beheimatete Quagga-Muschel (Dreissena rostriformis) im Bodensee nicht heimisch ist - anders als die mit ihr verwandte Dreikantmuschel (Dreissena polymorpha), die seit den 1960er Jahren im Bodensee zu finden ist. Die Larven der beiden Muscheln lassen sich in ihrer Gestalt nicht einmal unterscheiden.

    © Patrick Seeger/dpa

    Die Quagga-Muschel ist überall im Obersee zu finden und wurde bis in eine Tiefe von 180 Metern nachgewiesen.

    Auswirkungen auf das Ökosystem

    Biologe Thorsten Rennebarth befasst sich in seiner Forschung unter anderem mit den Auswirkungen, die die Quagga-Muschel auf den Bodensee haben könnte. Denn den Wissenschaftlern gibt das Tier noch einige Rätsel auf: Welche Folgen die massive Einwanderung der Muschel auf das Ökosystem Bodensee hat zum Beispiel und wie sich die Bestände weiterhin entwickeln werden. Aktuell werden diese Fragen im InterregForschungsprojekt "SeeWandel" untersucht, darunter auch das Thema Nahrungskonkurrenz. Denn Quagga-Muscheln ernähren sich von Plankton, das sie aus dem Seewasser herausfiltern. Welchen Einfluss dies auf die Plankton-Vorkommen im Bodensee hat und ob dies wiederum Auswirkungen auf den Bestand anderer Planktonfresser zeitigt, werden erst die Ergebnisse der Forschungsarbeiten zeigen.

    "Absehbar ist, dass die Muscheln in den Massen, in denen sie den Seegrund besiedeln, eine Nahrungskonkurrenz im See darstellen." Thorsten Rennebarth, Institut für Seenforschung, Langenargen

    Denkbar ist etwa, dass die massive Ausbreitung der Quagga-Muschel im Zusammenhang mit dem Rückgang der Felchenbestände im Bodensee steht. Der Bodenseefelche, auch Blaufelchen genannt, ist ein Speisefisch, der sich ebenfalls von Plankton ernährt.

    © Felix Kästle/dpa

    Fischer Andreas Geiger hält einen ausgenommenen Bodenseefelchen in den Händen.

    Muschelbänke beeinträchtigen Fischerei

    Aber nicht nur das Ökosystem des Bodensees wird durch die Einwanderung der Quagga-Muschel beeinträchtigt. Auswirkungen bestehen auch für die Bodensee-Fischer. Denn das Weichtier vom Schwarzen Meer setzt sich, Austern gleich, am Untergrund mit Hilfe so genannter Byssusfäden fest. Ganze Muschelbänke können so entstehen - und zwar nicht nur am Grund des Sees. Zum Leidwesen der Fischer siedeln sich die Quagga-Muscheln auch an Reusen, Leinen, Ankern und sogar im Kühlwassersystem der Bootsmotoren an. Selbst in den Netzen, die auf dem Seegrund ausgelegt werden, bleiben viele Muscheln hängen. Und nicht nur das:

    "Ein einfacher Stein am Seegrund würde sich zum Beispiel nicht in einem Netz verheddern. Wenn er jedoch übervoll von Muscheln besiedelt ist, wird er bei Kontakt mit dem Netz an die Oberfläche gezogen. Oft sind es viele Kilogramm Muscheln, die wir aus den Netzen entfernen müssen." Anita Koops, Sprecherin des Internationalen Bodensee-Fischereiverbands
    © Patrick Seeger/dpa

    Auf dem Boden der technischen Anlagen der Bodensee-Wasserversorgung haben sich massiv Quagga-Muscheln angesiedelt.

    Probleme für die Trinkwasserversorger

    Vor ähnliche Herausforderungen wie die Fischer stellt Dreissena rostriformis auch die Wasserversorger der Region. Da die Muschel auch in der Entnahmetiefe für Trinkwasser von etwa 60 Metern vorkommt, müssen die technischen Anlagen vor der Ausbreitung der Muschel geschützt werden. Auf den Betonwänden der Becken und Rohre siedelt die Quagga-Muschel inzwischen zu Tausenden, denn die Larven der Muschel werden mit dem Seewasser in die Leitungen getragen. Hier setzen sie sich fest, entwickeln sich zu Muscheln und vermehren so ihren Bestand. Mit dem Einsatz von Ozon will die Bodensee-Wasserversorgung die Ausbreitung der Muschel im Trinkwassernetz nun verhindern.

    "Ozon tötet die Larven der Quagga-Muschel ab, Sandfilter entfernen diese aus dem Wasser." Maria Quignon, Sprecherin der Bodensee-Wasserversorgung

    Zudem versucht das Unternehmen, die Muschel daran zu hindern, auf den technischen Anlagen zu wachsen. Um diese noch intensiver zu reinigen, seien vier zusätzliche Mitarbeiter eingestellt worden, sagt Quignon. Bislang wurden die riesigen unterirdischen Wasser-Kammern der Bodensee-Wasserversorgung nur einmal im Jahr gesäubert. Nun ist das alle drei Monate nötig. Das hat seinen Preis:

    "Wir gehen nach dem heutigen, noch sehr frühen Stand der Planung von Investitionen in Höhe eines mittleren dreistelligen Millionenbetrages aus." Maria Quignon, Sprecherin der Bodensee-Wasserversorgung

    Kosten, die langfristig zu Preissteigerungen beim Wasserbezug führen, die schließlich auch die Verbraucher rund um den Bodensee erreichen könnten.

    Dass die Invasion von Tierarten, die sich - etwa mangels Fressfeinden - schnell ausbreiten, ein zunehmendes Problem in einer globalisierten Welt ist, hat auch die Politik erkannt. So veröffentlichte die EU-Komission 2016 eine schwarze Liste mit 37 invasiven, unerwünschten Tier- und Pflanzenarten, die 2017 auf 49 invasive Arten aktualisiert wurde. Für diese Arten gelten strenge Regeln. Sie dürfen zum Beispiel nicht mehr gezüchtet oder von einem Ort zum anderen transportiert werden. Das Ziel: Die EU-Mitgliedstaaten sollen frühzeitig gegen fremde Arten vorgehen, um den Verlust der Artenvielfalt und wirtschaftliche Schäden zu vermeiden. Die Quagga-Muschel findet sich auf dieser Liste allerdings nicht.