BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Kamtschatka: Meeresverseuchung wohl nicht auf Öl zurückzuführen | BR24

© dpa-Bildfunk/Elena Safronova/Greenpeace

Gelb gefärbtes Meerwasser brandete vergangene Woche nahe des Strandes von Khalaktyr auf der Halbinsel Kamtschatka ans Ufer.

2
Per Mail sharen

    Kamtschatka: Meeresverseuchung wohl nicht auf Öl zurückzuführen

    Hunderte toter Robben und Fische, gelblich, übel riechendes Wasser: Die Gründe für die massive Meeresverschmutzung vor der russischen Halbinsel Kamtschatka sind nach wie vor unklar. Öl oder eine natürliche Ursache scheinen wenig wahrscheinlich.

    2
    Per Mail sharen

    Bereits Ende September hatten Urlauber von toten Robben, Tintenfischen und Seeigeeln berichtet, die an der Küste der russischen Halbinsel Kamtschatka im Fernen Osten Russlands angespült worden seien. Dann häuften sich Berichte von Surfern, die über Augenbrennen, Husten und Fieber klagten. Der Dokumentarfilmer und Web-Star Yuri Doud berichtete, Surfer hätten "eilig den Ozean eilig verlassen. Die Symptome treten aber auch ohne Kontakt mit dem Wasser auf".

    • BR Wissen – Entdecken und Verstehen: Das neue Wissensangebot im BR

    Analysen des Ministeriums für Naturressourcen und Ökologie der Region Kamtschatka hatten bereits gezeigt: Im Küstengewässer vor dem bei Touristen und Surfern besonders beliebten, von schwarzem vulkanischen Sand bedeckten Chalaktyrskij-Strand sowie in der Avacha-Bucht des UNESCO-Weltnaturerbes Kamtschatka sei das Niveau an Erdölprodukten vierfach, das Vorkommen von Phenol um das 2,5-fache erhöht. Das gesamte Ausmaß der Verschmutzung könne aber noch nicht bestimmt werden.

    Vermutungen zur Ursache der Verschmutzung

    Auch die Ursache der Verseuchung ist nach wie vor ungeklärt. Seitens Experten und Behörden kursieren derzeit eine Vielzahl verschiedener Theorien: Sie reichen von der Einbringung giftiger Substanzen aus nahe liegenden Flüssen über Vermutungen zu einem leckenden Tanker bis hin zu natürlichen Ursachen.

    Letztere legte der russische Umweltminister Dmitri Kobilkin nahe, der den Grund für die Verschmutzung in den stürmischen Bedingungen in dem Gebiet und den dortigen Mikroorganismen, die die Sauerstoffwerte verändert haben könnten, vermutet. Regionalgouverneur Wladimir Solodow gab an, auch seismische Aktivität von Vulkanen oder Algen, die an die Küste gespült worden seien, könnten schuld sein.

    Umweltschützer fordern Aufklärung

    Die Umweltschutzorganisation Greenpeace sprach derweil von einer „ökologischen Katastrophe“ und rief die zuständigen Behörden auf, „die Ursache der Verschmutzung umgehend zu untersuchen, das Ausmaß zu bewerten und die Auswirkungen dringend zu beheben." Greenpeace-Aktivisten sind seit dem 4. Oktober vor Ort und dokumentieren die Ausbreitung der bisher ungeklärten Verschmutzung.

    Die Umweltschutzorganisation WWF Russland erklärte am Dienstag, 6. Oktober, die starke Verschmutzung des Meerwassers sei nicht auf ausgelaufenes Öl zurückzuführen. Vielmehr treibe eine gut lösliche und "hochgiftige transparente Substanz" im Wasser.

    Nach Angaben von Tauchern eines Naturreservats sei es in einer Tiefe von fünf bis zehn Metern zu einem "Massensterben" von Tieren gekommen. 95 Prozent der Organismen in diesem Bereich sind demnach tot. Überlebt hätten lediglich einige wenige große Fische, Garnelen und Krabben, sagten Wissenschaftler des Kronozki-Naturreservats bei einem Treffen mit Regionalgouverneur Wladimir Solodow. Es handle sich um eine "Umweltkatastrophe" mit "Langzeitfolgen".

    Bereits zuvor hatten Umweltschützer den Fund weiterer Verschmutzungen unbekannter Herkunft in Buchten 20 bis 50 Kilometer südlich des Chalaktyrski-Strandes gemeldet.

    „An verschiedenen Stellen beobachteten wir einen gelblichen Schaum auf der Meeresoberfläche, das Wasser ist auch eingetrübt. An einem der Orte fanden wir tote Tiere. Der Fleck oder genauer gesagt ein bestimmtes Volumen, weil er sich nicht nur an der Oberfläche, sondern auch in der Tiefe befindet, bewegt sich entlang der Küste“. Wassili Jablokow, Greenpeace Russland

    Putin beauftragt Ursachenforschung

    Unterdessen hat Russlands Umweltminister Dmitri Kobilkin angekündigt, er werde auf Anweisung von Präsident Putin den Ursachen für die Wasserverschmutzung nachgehen. 250 Kilogramm Proben von Wasser, Sand und Mikroorganismen wurden bereits zur Analyse nach Moskau verschickt.

    Zuvor hatte Regionalgouverneur Wladimir Solodow bereits Experten beauftragt, zu klären, ob und woher giftige Substanzen ins Wasser gelangt sein könnten. Dabei würden nach seinen Angaben auch die beiden militärischen Testgelände Radygino und Kozelsky auf Kamtschatka untersucht.

    In Kozelsky wurden zu Sowjet-Zeiten giftige Chemikalien im Untergrund der Halbinsel gelagert. Der 1979 eröffnete Standort hat heute keinen rechtmäßigen Eigentümer mehr. Nach Angaben von Greenpeace Russland gibt es auf dem unbewachten Gelände "allein nach offiziellen Angaben etwa 108 Tonnen Pestizide und giftige Chemikalien". Laut der Regionalbehörde entdeckten die Ermittler vor Ort abgeschnittene Stacheldrähte und Schäden an einer Schutzhülle. Experten entnahmen am Dienstag Wasserproben.

    "Die naheliegendste Antwort, woher die Verschmutzung kommt, ist der Standort Kozelsky mit den giftigen Chemikalien." Regionalgouverneur Wladimir Solodow

    In Radygino, das rund zehn Kilometer vom Meer entfernt liegt, wurden im August Bohrungen vorgenommen.

    Natürlicher Ursprung eher unwahrscheinlich

    Umweltschützer wie die Meeresbiologin Sandra Schöttner von Greenpeace Deutschland gehen derweil nicht davon aus, dass die massive Wasserverschmutzung eine natürliche Ursache hat:

    „Phenol ist eine Industrie-Chemikalie, die unter anderem zur Kunststoffherstellung dient. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass derart erhöhte Phenol-Werte, wie sie im Meer vor Kamtschatka vorliegen, einen natürlichen Ursprung haben.“ Meeresbiologin Sandra Schöttner, Greenpeace Deutschland

    Die Halbinsel Kamtschatka liegt im fernen Nordosten Russlands und ist berühmt für ihre hohe Dichte aktiver Vulkane. Die Kamtschatka-Vulkane sind seit 1996 UNESCO-Weltnaturerbe.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!