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Deutscher Ethikrat rät von Covid-19-Immunitätspass ab | BR24

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Es klingt gut: Wer mit einem Immunitätsausweis nachweisen kann, dass er Corona überstanden hat, muss sich nicht mehr an die halten. Gesundheitsminister Spahn hatte diese Möglichkeit vom Deutschen Ethikrat prüfen lassen. Doch der ist dagegen.

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Deutscher Ethikrat rät von Covid-19-Immunitätspass ab

Seit Monaten wird über die Chancen und Risiken eines Covid-19-Immunitätspasses kontrovers diskutiert. Der Deutscher Ethikrat hat jetzt solche Immunitätsbescheinigungen einstimmig abgelehnt. Zumindest zum derzeitigen Zeitpunkt.

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Eine staatlich kontrollierte Bescheinigung, gegen das neuartige Coronavirus immun zu sein, könnte in vielen Situationen Erleichterungen bei den Maßnahmen gegen die Pandemie erlauben. So ein Immunitätsnachweis bietet aber auch Gefahren. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat deshalb den Deutschen Ethikrat gebeten, die ethischen Voraussetzungen einer solchen Immunitätsbescheinigung oder eines Immunitätspasses zu erörtern und welche Schlussfolgerungen aus diesen zu ziehen sind. Heute hat der Rat seine Ergebnisse in einer Stellungnahme veröffentlicht.

Einstimmige Ablehnung, aber zwei unterschiedliche Auffassungen

Derzeit lehnt der Deutsche Ethikrat die Einführung einer Immunitätsbescheinigung einstimmig ab. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sei es zu unsicher, ob und wie lange Menschen nach einer Covid-19-Erkrankung gegen das SARS-CoV-2-Virus immun sind. Auch die Antikörpertests, die die Immunität nachweisen sollen, lieferten zu oft falsche Ergebnisse. Damit seien sie für einen sicheren Nachweis einer Immunität ungeeignet. Falls sich eine Immunität jedoch in der Zukunft mit ausreichender Sicherheit nachweisen lassen sollte, gibt es innerhalb des Rates zwei unterschiedliche Auffassungen.

Chancen eines Immunitätspasses

Die eine Hälfte der Ratsmitglieder (Position A) hält unter bestimmten Bedingungen und je nach Anlass und Bereich eine stufenweise Einführung einer Immunitätsbescheinigung für sinnvoll. Eine Bescheinigung einer nachgewiesenen Immunität biete Chancen zum Beispiel in Situationen und an Orten, in denen räumliche Nähe zwischen Menschen notwendig ist, etwa in der Pflege oder Kinderbetreuung. Eine Bescheinigung könnte darüber hinaus die Bereitschaft zu freiwilligem sozialem Engagement stärken und psychisch entlastend für die wirken, die regelmäßig Kontakt zu chronisch Kranken haben oder selbst chronisch krank sind. Vermutlich könnte ein Immunitätspass auch die Organisation der Abläufe in Kliniken und vergleichbaren Einrichtungen vereinfachen.

Risiken eines Immunitätspasses

Die Vertreter der Position A sehen aber auch Risiken einer Immunitätsbescheinigung. Sie könnte für manche mit Vorteilen verbunden sein und so ein Anreiz, sich selbst zu infizieren. Wenn die Bescheinigung von der Pflicht befreien würde, in bestimmten Situationen eine Mund-Nase-Abdeckung zu tragen, könnte bei der restlichen Bevölkerung die Bereitschaft sinken, sich an diese Infektionsschutzmaßnahme zu halten. Das Nicht-Tragen würde als Regelverstoß gesehen, da die Immunität nicht von außen sichtbar ist. Die Einführung von Immunitätsbescheinigungen könnte zudem in manchen Fällen diejenigen diskriminieren oder stigmatisieren, die keine Immunität nachweisen können, etwa in prekären Beschäftigungsverhältnissen.

Generelle Ablehnung bei zweiter Gruppe

Auch die andere Hälfte der Ratsmitglieder (Position B) lehnt den Einsatz von staatlich kontrollierten Immunitätsbescheinigungen ab - selbst dann, wenn sich der Wissensstand zur Covid-19-Immunität wesentlich verbessern sollte. Die Vertreter von Position B gehen davon aus, dass eine Infektion mit SARS-CoV-2 nicht zu einer ausreichend lang anhaltenden und verlässlichen Immunität führt. Immunitätsbescheinigungen könnten folglich Gesundheitsgefährdungen für die Allgemeinheit und insbesondere für Risikogruppen bedeuten.

Die Vertreter von Position B führen aber auch praktische, ethische und rechtliche Gründe gegen einen Immunitätspass an. Bei Verfügbarkeit ausreichend zuverlässiger Antikörpertests sollte die festgestellte Immunität aber in streng definierten Einzelfällen genutzt werden. Zum Beispiel, um die Situation in Einrichtungen der Alten- oder Behindertenhilfe zu erleichtern, die erheblich unter den strengen Isolationsmaßnahmen zu leiden haben.

Aufklärung über Infektionsschutz und Antikörpertests

Trotz unterschiedlicher Positionen zur Immunitätsbescheinigung empfiehlt der Ethikrat den zuständigen Stellen, die Bevölkerung umfassend über einen Infektionsschutz aufzuklären, der sich am Gemeinwohl orientiert, und über die Aussagekraft von Antikörpertests zu informieren. Darüber hinaus sollten frei verkäufliche SARS-CoV-2-Immunitätstests strenger reguliert werden, da sie von zweifelhafter Verlässlichkeit sind und so zu einer Gefahr werden können, wenn sie ein falsch-negatives Ergebnis liefern.

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