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In einigen anderen Ländern werden Corona-Schutzimpfungen für schwangere Frauen schon empfohlen. Im Bild: Eine Frau in Mexiko.

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    Corona-Impfung führt nicht zu mehr Fehlgeburten

    Durch die Impfungen seien Fehlgeburten um 400 Prozent gestiegen, behaupten Nutzer in sozialen Netzwerken. Doch die Zahlen werden von einer bekannten Desinformationsseite verbreitet und sind aus dem Zusammenhang gerissen. Ein #Faktenfuchs

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    Von
    • Julia Ley

    Impfen und Schwangerschaft: Das ist ein Thema, um das sich seit jeher viele Ängste, aber auch Gerüchte ranken, nachvollziehbarerweise. Denn natürlich will keine Frau, dass ihr Gesundheitsschutz womöglich zu Lasten des ungeborenen Kindes geht. Das ist in der Corona-Pandemie nicht anders. Eine der frühesten Falschbehauptungen rund um die Corona-Impfungen war die, dass die Impfung unfruchtbar mache. Belege dafür gab und gibt es nicht. Zahlreiche Frauen haben nach einer Corona-Impfung gesunde Kinder zur Welt gebracht.

    Doch die Theorie nimmt immer wieder neue Formen an: Seit Kurzem erreichen den BR24-#Faktenfuchs vermehrt Behauptungen, dass Corona-Impfungen Fehlgeburten verursachen.

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    Facebook-Kommentare unter einem Artikel von BR24, in dem es um die Impfung von Schwangeren geht.

    "Erwiesenermaßen führt die Covid-19-Impfung vermehrt zu Fehlgeburten", schreibt eine Userin auf Facebook. "Dann guckt mal in die britische Studie. Fehlgeburten haben sich erhöht", eine andere. Und: "In den USA ist die Fehlgeburtenrate um 400 Prozent gestiegen" ein Dritter. Was ist dran an den Behauptungen?

    Die Fakten

    Nach derzeitigem Wissensstand: Nichts. Die Zahl von rund 400 Prozent geht vermutlich auf eine britische Desinformationsseite zurück. Dort ist von einem Anstieg bei den Fehlgeburten im Zusammenhang mit der Impfung die Rede: Angeblich hätten diese unter geimpften Frauen um 366 Prozent zugenommen. Die Zahlen sind einem Bericht der britischen Regierung entnommen, aber falsch interpretiert. Die Seite ist dafür bekannt, Falschinformationen zu verbreiten.

    Wie sicher sind Corona-Impfstoffe für Schwangere?

    Doch bevor wir näher darauf eingehen, was hinter der Falschbehauptung steckt, lohnt ein Blick auf den Stand der Forschung zum Thema Impfung und Schwangerschaft.

    Was wissen wir darüber, wie sich die Impfungen auf das ungeborene Kind auswirken? Darüber liegen derzeit noch nicht ausreichend Daten aus kontrollierten Studien vor – weshalb die Ständige Impfkommission (Stiko) in Deutschland die Impfung bisher nicht für Schwangere empfiehlt.

    Das heißt allerdings nicht, dass die Stiko Schwangeren von einer Impfung abrät – die Entscheidung ist jeder Frau freigestellt. Bei der individuellen Risikoabschätzung sollte das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken (mitsamt den potentiellen Auswirkungen auf das ungeborene Kind) gegen das Risiko von schweren Nebenwirkungen durch die Impfung abgewogen werden. Insbesondere Schwangere, die Vorerkrankungen haben oder ein erhöhtes Risiko, sich anzustecken, könne "nach ausführlicher ärztlicher Aufklärung" ab dem vierten Monat eine Impfung mit einem mRNA-Impfstoff angeboten werden, heißt es auf der Seite des Robert Koch-Instituts.

    Aus der Sicht von elf deutschen gynäkologischen Fachgesellschaften fällt die Abwägung jedoch auch bei anderen schwangeren Frauen ohne besonderes Risiko positiv aus: Sie sprechen sich in einer gemeinsamen Pressemitteilung für die Impfung von Schwangeren mit mRNA-Impfstoffen aus. Auch andere Länder wie Belgien, die USA, Israel und Großbritannien empfehlen bereits die allgemeine oder sogar priorisierte COVID-19-Impfung von Schwangeren.

    Ihre Argumente: In systematischen Nachbeobachtungen von über 5.000 geimpften schwangeren Frauen haben US-Wissenschaftler bisher keinen einzigen Hinweis für vermehrte Komplikationen finden können. Fehlgeburten, Totgeburten und Frühgeburten kamen unter geimpften Schwangeren nicht häufiger vor als bei nicht geimpften Frauen.

    Eine Auswertung der Beobachtungen aus den USA im "New England Journal of Medicine", hat zudem gezeigt, dass Schwangere im Vergleich zu Nicht-Schwangeren nicht mehr schwerwiegende Impfreaktionen hatten – nur über Schmerzen an der Einstichstelle berichteten schwangere Frauen häufiger.

    Es gibt aber noch weitere Gründe, die für eine Impfung von Schwangeren sprechen: Erstens, die Impfung kann auch das ungeborene Kind schützen. In Studien haben Wissenschaftler nachweisen können, dass die Mutter die gebildeten Antikörper über die Plazenta an das Kind weitergibt.

    Verlauf von Covid-19 bei Schwangeren häufig schwerer

    Für eine Impfung spricht außerdem, dass eine Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus bei Schwangeren häufiger schwer verläuft. Schwangere müssten im Falle einer Erkrankung sechs Mal so häufig intensivmedizinisch betreut werden und etwa 22 Mal so häufig beatmet werden, argumentieren die gynäkologischen Fachorganisationen in ihrer Stellungnahme.

    Ein Forscherteam hat im April Beobachtungen aus 18 Ländern mit mehr als 2.000 Sars-CoV-2-infizierten und nicht-infizierten Schwangeren im Fachmagazin "Jama Pediatrics" vorgestellt. Sie kommen zu dem Schluss: Auch das Risiko, dass es zu einer Früh- oder Totgeburt kommt, ist im Fall einer Covid-19-Erkrankung der Mutter während der Schwangerschaft deutlich erhöht.

    Zu demselben Schluss kommt auch ein Team rund um Nathalie Auger von der Universität Montreal. Die Forscher haben die bisherigen Erfahrungen aus 42 Beobachtungsstudien mit 438.548 Schwangeren, von denen insgesamt 7.569 mit SARS-CoV-2 infiziert waren, in einer Meta-Analyse zusammengefasst. Schon bei einer Infektion - mit oder ohne Symptome - erhöhte sich das Risiko für eine lebensgefährliche Schwangerschaftsvergiftung um 33 Prozent. Auch Frühgeburten und Totgeburten traten signifikant häufiger auf.

    Zusammenfassend lässt sich also sagen: Bisher gibt es noch nicht ausreichend Daten, um abschließend sagen zu können, welches Risiko womöglich von einer Impfung in der Schwangerschaft ausgeht. Es gibt aber bisher keine Hinweise darauf, dass eine Impfung zu mehr Fehlgeburten führt. Fehlgeburten treten unter geimpften Frauen bisher nicht häufiger auf als normal. Dahingegen kommen viele Studien zu dem Schluss, dass das Risiko für Früh- und Totgeburten im Fall einer Sars-CoV-2-Infektion der Mutter deutlich erhöht ist.

    Woher stammen die Fehlinformationen?

    Wie kommen die Nutzer also zu der Behauptung, die Fehlgeburtenrate sei im Zusammenhang mit einer Corona-Impfung gestiegen? Wie sich schon bei anderen Falschinformationen in der Vergangenheit beobachten ließ, scheinen diese Behauptungen ihren Weg von englischsprachigen Desinformationsportalen ins Deutsche gefunden zu haben.

    Laut einem Faktencheck der Nachrichtenagentur Reuters geht die Falschbehauptung auf das britische Desinformationsportal "The Daily Expose" zurück. Die Seite ist schon früher mit Falschinformationen aufgefallen. Der Artikel trägt die Überschrift "Number of women to lose their unborn child after having the Covid Vaccine increases by 366% in just six weeks". Auf Deutsch: "Anzahl der Frauen, die ihr ungeborenes Kind nach einer Corona-Impfung verlieren, steigt um 366 % in nur sechs Wochen". Der Artikel - und die Zahl von rund 400 Prozent Anstieg bei den Fehlgeburten - wurde danach in verschiedenen sozialen Netzwerken verbreitet.

    Als Quelle für ihre vermeintliche Enthüllung berufen sich die Autoren des Artikels auf einen wöchentlichen Bericht, den die medizinische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel in Großbritannien (MHRA) zu den gemeldeten Impfreaktionen und Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe herausgibt. Die daraus zitierten Zahlen stimmen - die Schlüsse, die die Autoren daraus ziehen, sind jedoch falsch, weil sie wichtigen Kontext weglassen.

    Laut der MHRA traten im Zeitraum vom 9. Dezember 2020 bis zum 24. Januar 2021 insgesamt sechs Fehlgeburten bei Frauen auf, die gegen Sars-Cov-2 geimpft worden waren. Ob dabei überhaupt ein Zusammenhang mit den Impfungen besteht, ist nicht klar. In den folgenden sechs Wochen - im Zeitraum vom 24. Januar bis zum 7. März - stieg diese Zahl auf 28 Fehlgeburten. Ein arithmetischer Anstieg um 366 Prozent - so weit ist der Bericht korrekt. Doch die Autoren setzen den Anstieg nicht ins Verhältnis zur Gesamtzahl der Frauen, die im selben Zeitraum eine Impfung erhielten. Und die ist stark gestiegen.

    Wie ein Sprecher der MHRA der Nachrichtenagentur Reuters erläutert, ist die Gesamtzahl der Erstimpfungen zwischen den beiden Berichten von 1.340.043 Personen auf 4.322.791 Personen gestiegen. Die Behörde schätzt, dass der Anteil der gebärfähigen Frauen unter den Geimpften in diesem Zeitraum von 665.424 auf 2.146.866 gestiegen ist - sich also mehr als verdreifacht hat.

    Wie viele der Frauen zum Zeitpunkt der Impfung tatsächlich schwanger waren, geht aus dem Bericht nicht hervor. Da jedoch schon vor der Pandemie etwa ein Viertel aller Schwangerschaften in Großbritannien in einer Fehlgeburt endeten, ist eine Gesamtzahl von 28 Fehlgeburten bei mehr als zwei Millionen gebärfähigen Frauen unter den Erstgeimpften aus Sicht der Behörde erwartbar - völlig unabhängig von der Impfung. Man prüfe Berichte über Fehlgeburten in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung genau, sagte ein Sprecher, es gebe bisher aber "kein Muster", das auf ein gestiegenes Risiko hinweise.

    Fazit: Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine Corona-Impfung für Schwangere bisher nicht - da noch keine kontrollierten Studien dazu vorliegen. Sie überlässt die Entscheidung für oder gegen eine Impfung daher den Frauen selbst. Insbesondere Schwangeren, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf oder für eine Ansteckung haben, solle nach ausführlicher Beratung ein Impfangebot gemacht werden.

    Einige andere Länder sowie elf deutsche gynäkologische Fachorganisationen empfehlen Frauen dennoch, sich impfen zu lassen. Denn systematische Auswertungen zu Nebenwirkungen bei Geimpften aus den USA hätten bei mehr als 5.000 geimpften Schwangeren keinerlei Hinweise auf eine erhöhte Fehlgeburtenrate geliefert. Dahingegen ist das Risiko, als Schwangere schwer an Corona zu erkranken oder eine Früh- oder Totgeburt zu erleiden, verschiedenen Studien zufolge erhöht.

    Woher kommt also die Zahl von den 400 Prozent? Diese geht auf einen Artikel einer britischen Desinformationsseite zurück, der viel in sozialen Netzwerken geteilt wurde. Die Autoren berufen sich auf Auswertungen einer britischen Behörde zu möglichen Impfnebenwirkungen, setzen den Anstieg jedoch nicht ins Verhältnis zur gestiegenen Zahl der geimpften Frauen - und kommen so zu einem falschen Ergebnis.

    Anmerkung 10.06.2021, 16:54: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, dass die Forscher zu dem Schluss kommen, das Risiko für eine Fehlgeburt sei durch eine Covid-19-Erkrankung in der Schwangerschaft erhöht. Richtig ist: Das Risiko einer Früh- oder Totgeburt ist erhöht. Wir haben den Fehler korrigiert.

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