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Zu wenig Fördermittel für die Energiewende im Nahverkehr? | BR24

© picture alliance / Andreas Gebert/dpa

Die Energiewende im Nahverkehr stellt die Betreiber vor Probleme.

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    Zu wenig Fördermittel für die Energiewende im Nahverkehr?

    Die EU will, dass mehr Fahrzeuge im öffentlichen Nahverkehr emissionsfrei laufen. Um die Vorgabe der EU zu erreichen, fördert der Bund neue Elektrobusse. Doch die Mittel reichen nicht aus. Ein #Faktenfuchs.

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    Druck für den öffentlichen Personennahverkehr: Von 2021 an verpflichtet die Europäische Union dazu, emissionsfreie Linienbusse zu kaufen – und zwar 22,5 Prozent aller Neuanschaffungen. Bund, Länder, Kommunen und die Betreiber sind zum Umdenken gezwungen. Denn im vergangenen Jahr waren unter den 1.387 neu zugelassenen Linienbussen in Bayern nur fünf elektrobetrieben und damit emissionsfrei – das sind 0,4 Prozent. Unter den Neuanschaffungen waren hingegen 1.299 Diesel-, 69 Hybrid- und 13 Erdgas-Fahrzeuge.

    Die Hälfte aller Neuanschaffungen muss emissionsfrei sein

    Eins der Hauptziele der EU: Die Senkung der Emissionen in den Großstädten, in denen regelmäßig Grenzwerte überschritten werden. Zwischen 2021 und 2025 sollen 45 Prozent der Neuanschaffungen "saubere Busse" sein. Ab 2025 sollen es dann 65 Prozent der Neuanschaffungen sein. Jeweils die Hälfte dieser Beschaffungsquoten muss mit komplett emissionsfreien Fahrzeugen gedeckt werden. Hybrid-Fahrzeuge gehören also nicht dazu, weil sie auch einen Verbrennungsmotor haben.

    Deutschlandweit wurden im vergangenen Jahr 6.687 Busse neu zugelassen. Davon waren nur 45 Stück elektrobetrieben, also 0,7 Prozent. Geht es nach der EU-Vorgabe ab 2021, hätten es mehr als 1.500 Stück sein müssen, um die 22,5 Prozent zu erreichen.

    Bundesförderprogramm: 300 Millionen Euro sind nicht genug

    Wie die Vorgaben der EU in deutsches Recht umgesetzt werden sollen, das wird derzeit noch erarbeitet, teilte das Bundesumweltministerium (BMU) auf BR24-Anfrage mit. Ob den Anteil der Neuzulassungen also zum Beispiel Deutschland insgesamt erreichen soll oder ob jedes einzelne Busunternehmen bei Neuzulassungen auch Elektrobusse anschaffen muss – das ist noch offen. Realistischer ist die erste Variante, wie Einzelbeispiele aus Bayern in diesem Artikel zeigen.

    Die Bundesregierung rief 2018 ein Förderprogramm für Nahverkehrsbetreiber ins Leben (über 120 Millionen Euro) und legte im März dieses Jahres nochmal nach. Insgesamt stellt der Bund bis 2022 damit rund 300 Millionen Euro Fördermittel zur Verfügung.

    Er fördert vor allem die Anschaffung von Batteriebussen und übernimmt dabei maximal 80 Prozent der Mehrkosten im Vergleich zu einem Dieselbus. Fördermittel gibt es erst ab der Neuanschaffung von mindestens fünf Fahrzeugen. Ladeinfrastruktur, Personalschulungen, Werkstatteinrichtung und Plug-In-Hybridbusse werden mit bis zu 40 Prozent der Investitionsmehrkosten gefördert.

    Gefördert werden zunächst "Problemstädte"

    Zum Ende der ersten Einreichungsfrist 2018 reichten Verkehrsbetreiber mehr als 40 Projekte mit einem Fördervolumen von ca. 350 Millionen Euro ein. Ausgewählt wurden elf Projekte (in Hannover, Darmstadt, Wiesbaden, Kiel, Leipzig, Berlin, Osnabrück, Aachen, Offenbach/Main, Bochum/Gelsenkirchen und Duisburg) mit einem Gesamtfördervolumen von etwa 180 Millionen Euro.

    Das BMU förderte in dieser ersten Runde schwerpunktmäßig Buslinien in Städten mit einer Überschreitung der Grenzwerte für Luftschadstoffe oder mit einer hohen Belastung durch Verkehrslärm. In der zweiten Runde sollen auch ÖPNV-Betreiber aus Städten ohne diese Probleme Chancen auf Förderung erhalten.

    Ende April 2019 endete die Frist zur Einreichung von Projektentwürfen der zweiten Förderrunde. Eingereicht wurde erneut eine große Zahl von Projekten. Das Programm war damit "erneut deutlich überzeichnet", wie ein Ministeriumssprecher gegenüber BR24 bestätigte. Das heißt, es wurden viel mehr Projekte eingereicht, als Geld vorhanden ist. Derzeit laufe die Auswahl der zur Förderung vorgesehenen Projekte.

    Auch Dieselbusse werden noch gefördert

    Keiner der sechs in der ersten Runde aus Bayern eingereichten Entwürfe hatte Erfolg. In der zweiten Runde versuchen es jetzt acht Projekte aus dem Freistaat. Aber nicht nur der Bund fördert. Auch in Bayern kann man Mittel beantragen.

    Der Freistaat fördert den öffentlichen Personennahverkehr, um Linien in der Stadt und auf dem Land aufrechterhalten zu können. Hier allerdings ist "emissionsfrei" nicht das einzige Kriterium. Auch Dieselbusse werden gefördert, für umweltfreundliche Busse gibt es aber Extrageld. Für einen Elektroantrieb erhält der Antragsteller am meisten Fördermittel. Für Hybrid- und Erdgas-Fahrzeuge weniger.

    Für das laufende Jahr liegen laut bayerischem Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr derzeit 20 Anträge vor, mit denen Verkehrsunternehmen Elektrobusse fördern lassen wollen. Das Ministerium würde nach eigenen Angaben auch gerne noch mehr tun, das scheitere aber an den Herstellern der Busse.

    E-Busse: Derzeit nur im Stadtverkehr sinnvoll

    Bisher sind E-Busse vor allem in Städten unterwegs. Denn die Streckenlängen der Busse und deren Steigungen sind im Blick auf ganz Bayern mitunter enorm und fordern starke Akkus, das macht den Einsatz auf dem Land schwierig. Von 750 Fahrzeugen der verschiedenen Betreiber des regionalen Busverkehrs im Landkreis München ist laut Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) derzeit keiner elektrisch betrieben. Ab Dezember wird aber ein erster Elektrobus auf der Linie 232 in Unterföhring eingesetzt – auf einer weitestgehend ebenen Strecke.

    Warum der Umstieg auf Elektro so teuer ist

    Der Umstieg auf Elektrobusse stellt die Unternehmen vor große Herausforderungen und hohe Kosten. Die Busse sind in der Anschaffung teuer, die Infrastruktur mit Ladestationen ebenfalls. Unter Umständen müssen zudem völlig neue Stromzulaufleitungen zu den Betriebsgeländen verlegt und Personal geschult werden. Unklar ist auch, wieviel der Linien-Betrieb solcher E-Busse alles in allem tatsächlich kosten wird. Laut Lars Wagner vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) reichen die Fördermittel des Bundes bei weitem nicht aus.

    "Bei der Neuanschaffung werden nur die Mehrkosten im Vergleich zum Diesel gefördert. Ein Elektrobus kostet ungefähr 600.000 bis 700.000 Euro und ist damit doppelt so teuer wie ein Dieselbus. Man käme bei einem Fördervolumen von 150 Mio. Euro also ungefähr auf 375-500 Elektrobusse, und da hat man noch keinen Cent in die Infrastruktur investiert." Lars Wagner, Sprecher Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV)

    Zur Veranschaulichung nochmal eine Beispielrechnung: Fünf Busse muss ein Unternehmen oder ein Zusammenschluss von Unternehmen mindestens einplanen, um einen Antrag auf Fördermittel des Bundes stellen zu können. Ein Dieselbus kostet circa 300.000 Euro. Ein Elektrobus zwischen 600.000 und 700.000 Euro. Von den Mehrkosten eines E-Busses bezahlt der Bund bei Genehmigung eines Förderantrags maximal 80 Prozent, wenn der Antrag genehmigt wird. Bleiben mindestens 60.000 bis 80.000 Euro. Immerhin: Der Betreiber kann noch versuchen, an andere Fördergelder zu gelangen (Bundesverkehrsministerium, Freistaat, Kommunen). Manche werden aber nicht gewährt, wenn bereits über den Bund gefördert wurde.

    Der andere große Kostenfaktor ist die Infrastruktur: Ab einer gewissen Anzahl Ladestationen braucht ein Betriebshof mehr Saft, sonst fliegt sozusagen die Sicherung raus.

    "Wenn Sie richtig Leistung abrufen wollen, wenn Sie zum Beispiel viele Schnelllader haben oder in der Nacht alle Busse laden möchten, dann benötigt man stromnetzseitig andere Voraussetzungen. Dann müssen Sie buddeln, da müssen Leitungen verlegt werden. Bislang ist das Stromnetz auf Betriebshöfen nicht auf so etwas ausgelegt." Daniel Rieger, Verkehrsexperte Naturschutzbund (NABU)

    Auch aus diesen Gründen sehen die bayerischen Nahverkehrsbetreiber die Umstellung auf Elektrobusse unterschiedlich. Einige investieren kräftig, andere sind nicht überzeugt vom Elektrobus. Ein Überblick über ausgewählte Standorte in Bayern:

    München: Mit Vollgas auf Elektro

    Die Münchner Verkehrsgesellschaft als Tochter der Stadtwerke München hat mehr als 600 U-Bahnwagen, über 100 Trams, dazu rund 350 Busse. Bislang stehen aber erst zwei E-Busse im Fuhrpark, weitere vier sollen bis Ende des Jahres kommen, weitere zwei im nächsten Jahr.

    Der Strom für U-Bahn, Straßenbahn und E-Bus kommt laut MVG zu 100 Prozent aus Ökostrom. Außerdem wird in München-Moosach ein Betriebshof für Elektrobusse gebaut, der 2021 ans Netz gehen soll. Der Freistaat Bayern fördert die Umrüstung des Betriebshofes in Moosach mit knapp sechs Millionen Euro. So könnten laut MVG bei der Inbetriebnahme bereits bis zu 56 E-Busse geladen werden. Die Vision der Verkehrsgesellschaft ist es, den Busverkehr in München in Zukunft zu 100 Prozent elektrisch und emissionsfrei mit Ökostrom zu betreiben. Einen Zeithorizont dafür gibt es nicht.

    Elektrobusse: Nürnberg will aufrüsten

    Die Fahrzeugflotte der Nürnberger VAG umfasst 100 U-Bahn-Doppeltriebwagen, 48 Straßenbahnen und 181 Busse. Bei den Bussen haben 98 einen Dieselmotor, 80 einen Gasantrieb und zwei einen hybriden dieselelektrischen Antrieb und nur ein einziger ist ein E-Bus. Aber die Franken wollen im großen Stil aufrüsten. Die VAG reichte im Rahmen des Förderprojekts des Bundes eine Bewerbung ein: Zwischen 2020 und 2022 würde die Stadt nach eigenen Angaben gerne 52 E-Busse anschaffen und in die Infrastruktur investieren. Was den Strommix für Fahrzeuge und Anlagen angeht, setzt die VAG ausschließlich auf Ökostrom.

    Ingolstadt setzt auf Hybrid aus Diesel und Strom

    In Ingolstadt verkehren nur Busse. Für die Ingolstädter Verkehrsgesellschaft sind mehr als 100 Linienfahrzeuge unterwegs, viele wurden erst in den vergangenen Jahren neu angeschafft. Darunter auch drei Hybridbusse. Den Strom gewinnen die drei Fahrzeuge, indem sie Energie aus dem Bremsvorgang ziehen. Elektrobusse anzuschaffen ist aktuell nicht geplant.

    "Wir planen keine Anschaffung von reinen Elektrobussen: Zu teuer, zu kurze Reichweite, problematische Batterieherstellung und -entsorgung." Robert Frank, Geschäftsführer INVG

    Kurzfristig sehe man noch mehr Potenzial bei den Hybridbussen, so INVG-Geschäftsführer Robert Frank. Er glaube eher an die technischen Innovationen bei der Brennstoffzelle als an den Elektrobus.

    Würzburg startet Pilotprojekt mit Elektrobussen

    Die Würzburger Straßenbahn GmbH verfügt über 42 Straßenbahnen, die mit Ökostrom aus erneuerbaren Quellen fahren. Alle Omnibusse hingegen sind über Subunternehmer angemietet und fahren mit Diesel. Im Jahr 2020 soll ein Pilotprojekt mit zwei Elektro-Omnibussen umgesetzt werden, um zu prüfen, ob man nach und nach auf die Elektrobusse umsteigen kann.

    Regensburg hat schon E-Busse – und will mehr

    Fünf der 125 Fahrzeuge der Stadtwerke Regensburg sind Elektrobusse. Sie werden mit 100 Prozent Ökostrom des dortigen Energieversorgers geladen. Ziel ist es, dass in den kommenden zehn Jahren mindestens 30 Prozent der Fahrzeuge Elektrobusse sind. In Regensburg gibt es zudem die Grundsatzentscheidung, eine Stadtbahn zu bauen.

    Augsburg setzt weiter auf "Bio-Erdgas"

    Die Stadtwerke Augsburg investierten in den vergangenen Jahrzehnten in Erdgasbusse. Das wurde schon vor über zwanzig Jahren staatlich gefördert. Ab 1996 war Augsburg Pilotstadt für Erdgasantrieb. Wie Unternehmenssprecher Jürgen Fergg bestätigte, wird seit 2001 jeder der 80 Busse mit Bio-Erdgas aus Biomasse betrieben. Die Stadtwerke sehen indes derzeit keine Notwendigkeit, auf Elektrobusse umzustellen. Sollte aber die EU-Richtlinie so in deutsches Recht gegossen werden, dass alle Busunternehmen bei der Neuanschaffung zum Kauf von elektrobetriebenen Bussen verpflichtet werden, dann müsse man neu überlegen, so Fergg.

    Landshut: Umstieg für kleine Betreiber alleine nicht zu stemmen

    Im niederbayerischen Landshut betreiben die Stadtwerke 60 Busse, die allesamt Diesel-betrieben sind. Derzeit läuft dort ein Projekt, bei dem ein ausgemusterter Diesel zu einem Elektro-Bus umgerüstet werden soll. Da die Neuanschaffung eines Elektrobusses mit der dazugehörigen Infrastruktur mit hohen Investitionskosten verbunden sei, lohne sich für die Stadtwerke allein ein solches Vorhaben nicht, schrieb eine Unternehmenssprecherin. Weil es erst ab fünf Fahrzeugen eine Förderung gibt, schlossen sich die Stadtwerke daher mit anderen Verkehrsunternehmen aus der Umgebung zu einem Verbund zusammen und reichten einen Projektentwurf beim Bund ein.

    Fazit:

    Die Förderung von Elektrobussen ist politisch gewollt. Deutschland muss die ambitionierten Vorgaben der EU umsetzen – auch wenn noch nicht geklärt ist, wie genau. Den großen Verkehrsunternehmen in München und Nürnberg fällt der Umstieg leichter als kleineren bayerischen Betreibern. Die staatlichen Fördermittel reichen nicht aus.