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Der TikTok-Algorithmus ist darauf ausgelegt, die Nutzenden möglichst lange in der App zu halten.

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    Wie TikTok seine Nutzer fesselt

    Wie TikTok seine Nutzer fesselt

    Einmal die App geöffnet und stundenlang bei diversen Kurzvideo-Clips hängengeblieben: So geht es vielen TikTok-Nutzern. Das liegt am Algorithmus der chinesischen Videoplattform. Ein geleaktes Dokument zeigt nun, wie das genau funktioniert.

    TikTok ist nach wie vor eine der angesagtesten Apps weltweit: 2021 hat die Kurzvideo-Plattform die Marke von mehr als einer Milliarde Nutzerinnen und Nutzern weltweit geknackt. Vor allem bei Heranwachsenden war und ist TikTok sehr beliebt, auch wenn der Großteil der TikTok-Nutzer nach Angaben des Unternehmens über 18 Jahre alt.

    Ein wesentlicher Grund für dieses Wachstum ist der TikTok-Algorithmus, der offenbar besser als die Algorithmen anderer Plattformen, die Interessen und Stimmungen seiner Nutzer trifft. Bislang war nur in Grundzügen bekannt, wie der Empfehlungs-Algorithmus tickt. TikTok beließ es dabei zu erklären, dass es darauf ankommt, welche Videos der User liket, teilt, anschaut und wem er folgt.

    Ziel: Nutzer möglichst lange in der App halten

    Nun berichtet die "New York Times" über ein internes TikTok-Dokument namens "TikTok Algo 100", das genauer erläutert, wie der TikTok Algorithmus funktioniert. TikToks Hauptziel ist es, die Zahl der täglich aktiven App-Nutzer zu steigern. Um dieses Ziel zu erreichen, werden die Videoempfehlungen auf zwei Kennzahlen hin optimiert. Erstens die Zeit, die Nutzerinnen in der App verbringen. Und zweitens, darauf, dass sie die App mögen und immer wiederkommen - was als "Retention" bezeichnet wird.

    Aus Unternehmenskreisen ist zu hören, dass das Dokument echt ist, allerdings aus dem Jahr 2019 stamme und nur noch teilweise aktuell sei.

    Algorithmus schafft Abgängigkeit

    Der TikTok-Empfehlungsalgorithmus schlägt dem Dokument zufolge seinen Nutzenden Videos vor, die die höchste Punktzahl in einer komplizierten Gleichung erzielen: Dazu zählen zum einen Likes, Kommentare und die Verweildauer in Videos, also reines Nutzerverhalten. Zum anderen fließt aber auch ein durch maschinelles Lernen gesteuerter Vorhersagewert in diese Gleichung ein. Je mehr man TikTok nutzt, desto mehr füttert man den Empfehlungs-Algorithmus mit Daten, die dieser zur Vorhersage nutzt.

    Nicolas Kayser-Bril von der deutschen Algorithmen-Forschungsorganisation AlgorithmWatch sieht im TikTok-Algorithmus sogar "eine Abhängigkeitsmaschine für seine Nutzer", wie er dem SPIEGEL sagte, der Kayser-Bril das interne TikTok-Dokument für eine Analyse vorlegte.

    Abwechslungsreiche Inhalte gegen Langeweile

    Zur Funktionsweise des Algorithmus schreibt eine Sprecherin auf BR24-Anfrage: "Das Empfehlungssystem von TikTok berücksichtigt eine Reihe von Interaktions-Signalen, wie Likes und Follower*innen". Kennzahlen wie Verweildauer oder Retention seien hingegen keine Faktoren, die bei Videoempfehlungen berücksichtigt werden. Dass die Retention ein Faktor für die Videoempfehlungen sei, hat allerdings auch niemand behauptet. Die Retention ist dem New York Times-Artikel zufolge ein Ziel, das erreicht werden soll, und keine Variable im Algorithmus. Die Verweildauer hingegen schon - und das dementiert TikTok.

    Die Empfehlungs-Algorithmen anderer Anbieter wie Amazon sind oft darauf ausgerichtet, mehr ähnliche Inhalte oder Produkte vorzuschlagen. TikTok will hingegen Wiederholungen und damit Langeweile vermeiden. So heißt es in dem Dokument, dass "das Problem der Langeweile durch Streuung gelöst werden kann." Nutzer bekommen also explizit immer auch Videos zu anderen Themen, als denen, zu denen sie schon Videos angesehen haben, angezeigt.

    Unterhaltungs-Plattform statt sozialem Medium

    Die Erläuterungen in diesem Dokument zeigen auch, dass TikTok eben ganz anders tickt als andere Plattformen: Bei TikTok geht es weniger um das, was Freunde in der App machen, sondern mehr um die eigene Interaktion mit Inhalten. "TikTok ist und war nie eine Social-Media-Plattform. Denn es geht nicht darum, mit wem oder mit wie vielen Personen unsere Nutzer:innen vernetzt sind. Der Kern von TikTok liegt im Bereich Entertainment", sagte Lars Ernst, der Head of Marketing für Deutschland, Österreich und die Schweiz dem Tech-Blog Basic Thinking.

    Deswegen kann auf TikTok jedes Video viral gehen, unabhängig von der Followerzahl. Das wiederum kann problematische Folgen haben: So erzielten im Bundestagswahlkampf TikTok-Videos, die politische Falschbehauptungen enthielten, mehrere Hunderttausend Aufrufe.

    TikTok: Wir geben keine Nutzerdaten an China weiter

    Wenn TikTok so viel über seine Nutzer weiß, weiß dann auch China über die TikTok-Nutzer Bescheid? Schließlich ist Bytedance, die Firma hinter TikTok, ist ein chinesisches Unternehmen. In dem internen Dokument ist davon die Rede, dass die Entwicklung von TikTok eng mit der Entwicklung von TikToks chinesischer Schwester-App Douyin verknüpft sei.

    Dazu sagt die TikTok-Sprecherin zu BR24: "Obwohl es einige Gemeinsamkeiten im Code gibt, werden die Apps von TikTok und Douyin völlig getrennt voneinander auf separaten Servern ausgeführt, und keiner der Codes enthält Nutzer*innendaten."

    TikTok habe niemals Nutzerdaten an die chinesische Regierung weitergegeben, "und wir würden dies auch nicht tun, wenn wir gefragt würden."

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