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Wie die sakrale Baukunst Religionen vereint | BR24

© Sander Crombach / Unsplash

Strassengewirr, Kuppen, Türme: Die Altstadt von Jerusalem mit Klagemauer und Felsendom.

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    Wie die sakrale Baukunst Religionen vereint

    Schaut man auf Jerusalem, stechen die Türme und Kuppeln der unzähligen Kirchen, Synagogen und Moscheen sofort ins Auge. Obwohl die Bauten verschiedenen Religionen gehören, sind sie enger miteinander verbunden als es zuerst den Anschein hat.

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    Die Jerusalemer Altstadt besteht aus einem labyrinthischen Gewirr kleiner Gassen. Hier spielt sich geballtes orientalisches Leben ab. Schaut man von einem erhöhten Punkt auf dieses, einen Quadratkilometer große Biotop, sieht man unzählige Kirchtürme, Minarette und Kuppeln. Die große vergoldete Kuppel des Felsendoms überragt sie alle, daneben stechen die flache Kuppel der Hurva-Synagoge, die bleigraue Kuppel der Al-Aqsa Moschee und die beiden Zwillingskuppeln der Grabeskirche ins Auge.

    Kuppeln überspannen zentrale Heiligtümer

    All diese Kuppeln überwölben Räume, in deren Mitte sich ein zentrales Heiligtum befindet. Im Felsendom ist es der Namen gebende Felsen, den die jüdische Tradition als Gründungsfels betrachtet. Vermutlich bildete dieser Stein den Mittelpunkt des jüdischen Tempels, an dem sich die Bundeslade befand. Juden und Christen verbinden mit dem Felsen die Geschichte von Abraham und der Opferung Isaaks, die sich an dieser Stelle zugetragen haben soll. Nach islamischer Tradition begann Mohammed hier seine Himmelfahrt, von der er das Gebot des fünfmaligen täglichen Gebets mitbrachte.

    Die beiden Kuppeln der Grabeskirche markieren gleich zwei Zentralräume. Einer davon ist die Rotunde über dem Heiligen Grab. Der Rundbau zieht jedes Jahr Hunderttausende Pilger an. Die Grabeskirche ist ein heiliger Ort für Christen der verschiedensten Konfessionen. Der römische Kaiser Konstantin gab den Bau um das Jahr 326 in Auftrag, nachdem seine Mutter Helena, der Legende nach, an dieser Stelle das Kreuz Christi wieder aufgefunden hatte: "Während man diese Kirche baute, hat man ringsherum Felsen abgehackt, weil es eben nach Norden, und vor allen Dingen nach Nordwesten hin in Jerusalem aufsteigend war." erklärt Dieter Vieweger, der Leiter des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes. Beim Abhacken des Felsens habe man nun ein Grab gefunden. "Eigentlich hat man fünf gefunden, vier davon waren Familiengräber und das eine war einkammerig, hatte einen Rollstein und war leer. Also schloss man sofort daraus, dass müsse das Grab Jesu sein."

    Glaubensmittelpunkt wird auch räumlich in die Mitte gestellt

    Der Bau stammt in wesentlichen Teilen aus dem Mittelalter der Kreuzfahrerzeit der Jahre 1240/50. Da lag die Grundsteinlegung schon mehr als 900 Jahre zurück. In dieser Zeit hat die Kirche unzählige Zerstörungen, Wiederauf- und Umbauten durchgemacht. Die Säulen der Rotunde waren zum Beispiel ursprünglich doppelt so hoch wie heute. Auch die Kuppel, die sich darüber wölbt, hat ihre Form mehrfach verändert. Dennoch erfüllt dieser Rundbau nach wie vor seine architektonische und ideelle Funktion: Er stellt den Glaubensmittelpunkt – Tod und Auferstehung, griechisch Anastasis – auch räumlich in den Mittelpunkt.

    Der Kreis ist nicht nur eine geometrische Figur, der mit der Zahl Pi begegnet wird, sondern auch Sinnbild für Gleichgewicht, Harmonie und Vollkommenheit. Das trifft auch auf das nahverwandte Oktagon zu, das mithilfe eines Kreises konstruiert werden kann.

    Die Acht als zentrales Symbol des Christentums

    Die Acht spielt außerdem in der christlichen Symbologie eine wichtige Rolle, wie der Theologe Manfred Becker-Huberti weiß: "Wenn Sie im Neuen Testament nach dem Tag der Auferstehung suchen, dann ist es der Tag nach dem Shabbat. Der Shabbat ist der siebte Tag und der Tag der Auferstehung ist der achte Tag. Die Acht war deshalb die Symbolzahl der Christen, lange bevor der Fisch Symbol der Christen wurde."

    Wer in der antiken Architektur eine Möglichkeit suchte, etwas in den Mittelpunkt zu stellen und damit praktisch zugänglich zu machen oder zu überhöhen, entwarf einen Zentralbau, der aus einem oder beiden dieser zwei geometrischen Formen bestand, erläutert die Archäologin Lisa Yehuda: "Es gibt heute hier im Heiligen Land acht Kirchen, deren Innenraum zentral angelegt ist, also ein Kirchengebäude, das konzentrisch angelegt ist, mit einem zentralen Innenraum und außen rum weitere, größere Gebäudeteile. Von diesen acht Kirchen sind fünf oktogonal und drei waren ursprünglich rund."

    Felsendom ist Zeichen des Miteinanders der Religionen

    In Jerusalem ist der berühmteste Bau dieser Art die Grabeskirche. Auch die Aufstiegsmoschee bzw. die Aufstiegskapelle oben auf dem Ölberg fällt in diese Kategorie, ebenso Kirche der Maria, die Kathisma. Das außergewöhnlichste Gebäude sei aber der Felsendom, sagt Lisa Yehuda: Er passe nicht ins Schema, da er kein christliches Gebäude sei.

    Der Felsendom ist ein Zeichen dafür, wie sehr die Religionen im Heiligen Land miteinander verwoben sind. Der Felsen, den der Felsendom überwölbt, vereint alle drei monotheistischen Religionen. Vor 3.000 Jahren entstand an dieser Stelle der erste jüdische Tempel - über dem Fels, auf dem Abraham Isaak opfern sollte. Dieser Tempel wurde 500 Jahre später von dem babylonischen König Nebukadnezar zerstört. Nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil bauten die Juden einen zweiten Tempel an gleicher Stelle, den Herodes der Große monumental ausbauen ließ. 70 nach Christus wurde dieser Tempel von den Römern zerstört.

    Muslime greifen christlich-römische Baukunst auf

    Die Christen, die im vierten Jahrhundert in die Stadt zurückkehren, bauten auf dem Platz des zerstörten Tempels eine Kirche. In der ersten Hälfte des siebten Jahrhunderts waren es die Muslime, welche die Tradition aufgriffen und mit ihrer eigenen verbanden: Danach soll der Prophet Mohammed von diesem Felsen aus seine Himmelfahrt angetreten haben und dabei den Propheten des Judentums und Jesus begegnet sein. Dieter Vieweger meint, man habe mit kräftigen Zügen Vieles aufgenommen, was inzwischen römisch-christliche Tradition geworden war: "Nun brauchte man repräsentative Bauwerke in Jerusalem, weil man zeigen wollte, wer die Herrscher der Stadt sind. Und so baute man mitten auf dem ehemaligen Tempelplatz einen Felsendom in der Form einer überdimensionalen Kirche, und zwar, weil die Christen das auch gut fanden. Damit muss keine Kirche weggerissen werden, keine Häuser werden weggesprengt, also, es ist freier Platz."

    So wurde die Rotunde, der runde Bau der Grabeskirche über dem Grab Christi und die achteckige Kirche der Maria, die "Kathisma", als Vorbild genommen und beide zum Plan des Felsendoms verschmolzen. Kathisma und Rotunde sind sozusagen die Eltern des Felsendoms.

    Früher: Akt der Toleranz – Heute: Stein des Anstoßes

    Möglich wurde die Übernahme solcher Vorbilder nur, weil die muslimischen Herrscher Ende des siebten Jahrhunderts überhaupt keine Scheu hatten, christliche Baukunst zu übernehmen, meint Dieter Vieweger: "Das ist ein unendlicher Akt der Toleranz. Heute wird ihnen das natürlich ganz anders ausgelegt: man sagt, hier ist doch eigentlich der jüdische Tempel, wie könnt ihr dahin bauen? Und: Ihr okkupiert den Platz! Aber im siebten Jahrhundert war das ein Akt großer Toleranz den Christen gegenüber."

    Grabeskirche und Felsendom sind also enger miteinander verwandt, als man auf den ersten Blick sehen kann. Gleichzeitig wirkt die oktogonale Rotunde der Grabeskirche - der erste Zentralbau des Christentums - auch über Jerusalem hinaus als Vorbild. Im sechsten Jahrhundert in Syrien und Ravenna, im achten Jahrhundert in Aachen, im elften Jahrhundert in Goslar und Essen - die Liste lässt sich bis ins 20. Jahrhundert fortsetzen.

    Zentralbauweise kann sich historisch nicht durchsetzen

    Immer sind es Bauten mit einem besonderen Anliegen, die auf einen verehrungswürdigen Mittelpunkt verweisen. Sie bleiben aber Einzelstücke: Nicht die Zentralbauweise, sondern das Vorbild der antiken Basilika wird für den Kirchenbau prägend. Eine drei- oder fünfschiffige Hallenkirche kommt den Bedürfnissen der wachsenden christlichen Gemeinden mehr entgegen.

    Rund und Achteck verschwinden trotzdem nicht ganz. Sie werden Teil des Kircheninnern, sind in der Vierung des Altarraums ebenso zu finden, wie in der Form vieler Baptisterien. Dieter Vieweger erklärt die Form so: "Wenn Jesus aufersteht, wenn Jesus in den Himmel fährt, dann ist er wirklich vollkommen und darauf tauft man die Menschen. Und so sind diese Taufbecken eben achteckig geformt worden."