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Sie bleibt nicht dran: Schostakowitschs "Die Nase" in Berlin | BR24

© Iko Freese/Komische Oper Berlin
Bildrechte: Iko Freese/Komische Oper Berlin

Kowaljow dreht durch!

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Sie bleibt nicht dran: Schostakowitschs "Die Nase" in Berlin

Es ist ein wilder Satire-Ritt des ganz jungen Dmitri Schostakowitsch: Er wuchtete mit der "Nase" (1930) eine lautstarke Jazz-Oper auf die Bühne, mit Balalaika und viel Radau. Barrie Kosky setzt auf "Traumtheater". Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Der Pickel auf der Nase ist noch das geringste Problem: Der Arzt ist ratlos, die Polizei alarmiert, die Frauen empört, die Journalisten verdutzt, die Bürger aufgebracht: Ziemlich viel Aufregung um ein Riechorgan. Aber wann passiert das schon mal, dass eine Nase verkleidet als Staatsrat durch die Stadt stolziert und ihren eigentlichen Träger schmählich im Stich lässt? Äußerst selten, wie eine BBC-Reporterin am Ende der Inszenierung an der Komischen Oper Berlin beteuert, und dabei wächst ihr keine "Lügenpresse-Nase", also musste sie mit ihrer Einschätzung wohl richtig liegen.

Nah am Hörsturz

22 Jahre jung war Dmitri Schostakowitsch, als er seine erste Oper schrieb. Damals schuftete er als Pianist im Stummfilmkino, wo das Publikum nun wirklich nicht sonderlich feinfühlig und gebildet war. Also wuchtete er geprägt von diesen Alltagserfahrungen eine grelle Satire auf die Bühne, samt Singender Säge und Balalaika, mit der Durchschlagskraft einer Kanone und dem Tempo einer Lokomotive. Daran orientierte sich gestern Abend, bei der Premiere in Berlin, auch der lettische Dirigent Ainārs Rubiķis, so tosend und krachend, wie er den Amoklauf der "Nase" begleitete. Das war bisweilen nah am Hörsturz, vom Jazz blieb da wenig übrig, allenfalls beim Nasen-Steptanz hatten die Ohren Erholungsurlaub.

Hier ist Singen ein Mirakel

Regisseur Barrie Kosky setzte dazu passend einmal mehr auf Hochgeschwindigkeitstheater und Revuetanz: Dass Hauptdarsteller Günter Papendell überhaupt noch genug Luft hatte zum Singen, war ein Mirakel, musste er doch über zwei Stunden hinweg wie ein Springteufel um den großen Tisch rasen, der in der Mitte der Bühne stand und sein Zuhause darstellte. Als Kollegienassessor Kowaljow ist er ständig auf der Jagd nach seiner Nase, wird zwischenzeitlich sogar halbnackt durch die Luft getragen, muss rackern und hetzen, wie es wenige Sänger mit sich machen lassen. Ein großartiger Bariton mit unglaublicher schauspielerischer Präsenz und geradezu athletischer Kondition. Das gilt auch für Bass Jens Larsen, der als leutseliger Barbier so glaubwürdig ist wie als mitleidloser HNO-Arzt oder unwirscher Leiter der Anzeigenabteilung. Ein Theatertier, das schon viele Premieren geprägt hat.

Nikolai Gogol hatte ein "Nasen-Problem"

Der Gag an Barrie Koskys Inszenierung: Eigentlich hat der leidgeprüfte Kowaljow eine ganz normale Nase, alle anderen allerdings riesige Zinken, weshalb der Kollegien-Assessor natürlich unangenehm auffällt. Es geht also um die Frage, was eigentlich normal ist, wie viel Abweichung die Gesellschaft erlaubt, eine Frage, die Nikolai Gogol, der die Satire 1836 geschrieben hat, sehr umtrieb. Er selbst soll vergleichsweise klein, krummbeinig und pickelig gewesen sein, hatte wohl auch eine lange, spitze Nase, weswegen er gehörig gespottet wurde. Als Schriftsteller hatte er die Lacher dann auf seiner Seite. Das lässt sich scharf, politisch und bitterböse bebildern, Barrie Kosky entschied sich jedoch für eine zirkushafte Optik. Das war unterhaltsam, aber auch etwas vorhersehbar, und wirkte durch Lautstarke und Tempo über zwei Stunden hinweg ziemlich erschöpfend.

Im Traum ist Satire selten treffsicher

Choreograph Otto Pichler ließ gewohnt rasant seine Tänzer durch die Szenen albern, mal mit langen Bärten, mal in Straps und Mieder, mal in grauen Unterhosen. Als Kommentar zum heutigen Russland, wo irgendwie auffällige Menschen ja schnell Ärger bekommen, ließ sich das alles beim besten Willen nicht deuten, und auch sonst fehlte der satirische Biss, zumal die Ausstattung von Klaus Grünberg und die drastisch-bunten Kostüme von Buki Shiff ganz im Ungefähren blieben. Absichtlich, wie es im Programmheft hieß, denn es sollte eine "Traumwelt" gezeigt werden. Doch im unkonkreten "Traum" ist Satire selten treffsicher. Gleichwohl viel Beifall für einen echt Berliner Schabernack.

Wieder am 28. und 30. Juni, sowie 6. Juli, weitere Termine.


© Iko Freese/Komische Oper Berlin

Da steppen die Nasen und das Publikum wundert sich.

© Iko Freese/Komische Oper Berlin

Viel Radau um einen Zinken

© Iko Freese/Komische Oper Berlin

Kein Grund zur Beunruhigung?