Meister und Gesellen tragen Schilder mit der Aufschrift ihrer jeweiligen Innung.
Bildrechte: BR/Annerose Zuber

Von der Malerinnung nahmen beim diesjährigen Schlappentag nur vier Meister und Gesellen an dem Umzug in Hof teil.

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Hofer Schlappentag: Spagat zwischen Personalmangel und Brauchtum

Der Montag nach Pfingsten ist in Hof quasi Nationalfeiertag: Da wird der Schlappentag gefeiert, eines der ältesten Handwerker- und Schützenfeste Deutschlands. Wie kann man eine fast 600 Jahre alte Tradition lebendig halten?

Über dieses Thema berichtet: Mittags in Franken am .

Schon um 6 Uhr schallte der Weckruf der Bläsergruppe der Schützen durch Hof – damit sich alle rechtzeitig um 9 Uhr zum großen Empfang vor dem Rathaus einfinden. Natürlich auch Handwerker und Schützen, denn es ist ja "ihr" Fest, das inzwischen offiziell zum immateriellen Kulturerbe zählt. Aber auch für viele Hoferinnen und Hofer selbst ist der Schlappentag ein wichtiger Termin im Kalender. Sie laden sich Gäste aus der ganzen Welt zu ihrem "Nationalfeiertag" ein. Und für die, die mittlerweile weit weg arbeiten und leben, hat der Schlappentag fast den Stellenwert wie Weihnachten. Sie nehmen Urlaub, kommen extra zurück nach Hof und treffen Verwandte und Freunde beim Schlappentag.

In Hausschuhen zur Schießübung: Geschichtliches Brauchtum

Ein fröhliches Fest mit ernstem Hintergrund: Hof erinnert damit an den verheerenden Überfall im Jahr 1430 durch die Hussiten. Nachdem der Kirchenreformatiker Jan Hus 1430 auf dem Scheiterhaufen getötet wurde, zogen seine Anhänger plündernd durch die Lande und legten unter anderem Hof in Schutt und Asche. Für den Wiederaufbau bekamen die Hofer zehn Jahre Steuerfreiheit vom Markgrafen – im Gegenzug mussten sie aber eine Bürgerwehr aufstellen, um für weitere Angriffe besser gerüstet zu sein. Zu den Schießübungen wurden vor allem die Handwerker verpflichtet. Und die rannten oft auf den letzten Drücker direkt aus ihren Werkstätten in ihren Holz-Schlappen zum Schießhäuschen.

Handerwerker-Innungen unterschiedlich stark vertreten

Schlappen sieht man heute im Umzug kaum mehr. Pantoffeln zur Uniform ist zum Beispiel für die meisten Schützen undenkbar. Tradition hin oder her. Dagegen gehören sie für die Schornsteinfeger quasi zur Berufsbekleidung. Diese Zunft ist ohnehin besonders traditionsbewusst. In diesem Jahr stellt sie mit 50 Gesellinnen und Gesellen und Azubis die größte Gruppe beim Umzug. "Auf uns ist halt Verlass", sagt einer von ihnen ganz stolz.

Und blickt auf das traurige Grüppchen vor ihm: Ein einsamer Bäckermeister vertritt seine Innung, bei den Metzgern sind es gerade einmal zwei Azubis. "Bei uns sind gerade einige krank oder in Urlaub, da hat der Chef niemand mehr schicken können." Von der Malerinnung Hof-Wunsiedel sind es vier Meister und Gesellen.

Vor 25 Jahren war das noch deutlich anders. "Es ist schon beschämend", meint Malermeister Michael Merkel. Er hat heute seinen Ein-Mann-Betrieb geschlossen, um die Zunft-Fahne durch die Stadt zu tragen. Doch viele anderen Kollegen würden das nicht so sehen und auch nicht ihre Belegschaft freistellen.

Handwerker wollen Werbung machen und üben Kritik

Das kann Zimmermann Udo Köppel nicht nachvollziehen. Er ist seit Jahren immer mit der kompletten Firma auf dem Schlappentag. Von der Bürokraft bis zu den Gesellen: Erst laufen sie gemeinsam im Umzug, dann lassen sie sich gemeinsam am Festzelt vor dem historischen Schießhäuschen das extra eingebraute Schlappenbier schmecken. Auch Elektromeister Andreas Wächter hat sein Team heute eingeladen: "Wir wollen auch Werbung fürs Handwerk machen."

Und Kreishandwerksmeister Marco Kemnitzer appelliert beim Empfang vor dem Rathaus auch ans Publikum. Die Verbraucherinnen und Verbraucher hätten es mit in der Hand, wie es mit der Tradition weitergeht: "Kaufen Sie beim Bäcker, beim Metzger um die Ecke und nicht beim Discounter, lassen Sie sich die Haare von der Friseurin im Handwerksbetrieb schneiden." So könne jeder mit dem Konsumverhalten beitragen, dass das Handwerk auch in 20, 30 Jahren noch aktiv am Schlappentag teilnehmen werde.

Auch wenn die Gruppe der Handwerker und der Schützen in den vergangenen Jahren deutlich kleiner geworden ist – das Publikum freut sich über den Umzug. Es stehen nicht nur Rentner mit ihren Enkelkindern am Straßenrand. Auffallend viele junge Menschen nehmen sich extra Urlaub und kommen bewusst früh um 9 Uhr zum Empfang und dem anschließenden Umzug, bevor dann im Festzelt zum Teil ausgiebig gefeiert wird.

Schlappentag ist mehr als nur Bockbier

"Ein solches Fest an einem Montag, das ist schon etwas Besonderes, das gibt es wohl kaum woanders in Deutschland", lobt eine Zuschauerin, die extra aus Bayreuth angereist ist. Und regelmäßige Besucher spüren, wie der Schlappentag ständig weiterentwickelt wird. Vor 30 Jahren war vor allem das extra eingebraute Bockbier Gesprächsthema – dagegen blieben die historischen Ursprünge im Hintergrund. Bis schließlich eine Gruppe engagierter Stadtführerinnen und -führer am Sonntag vor dem Schlappentag eine spezielle Hussitenführung entwickelte. Sie stößt auf großes Interesse, Jahr für Jahr wollen weit über 100 Menschen die Geschichten des rohen Hussitenknechts miterleben.

Inzwischen lassen sich Stadt, das Handwerk, die Privilegierte Scheibenschützengesellschaft und die Brauerei immer wieder etwas Neues einfallen, um die Tradition lebendig zu halten. Damit haben sie auch die Jury für die Auszeichnung als immaterielles Kulturerbe überzeugt. So erinnert zum Beispiel ein modernes Denkmal einer jungen Designerin das ganze Jahr über an das einzigartige Fest. Seit einigen Jahren gibt es einen Schießwettbewerb nicht nur für die Honoratioren, sondern für alle. Und die jüngste Idee: Ein Mal- und Bastelwettbewerb für Kitas rund um Schlappen und Handwerk. Die Kunstwerke wurden heute offiziell beim Empfang vorgestellt. Die kleinen Künstlerinnen und Künstler waren allerdings nicht zum Schlappentag eingeladen.

Im Video: Schlappentag in Hof

Schlappentag in Hof
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Schlappentag in Hof

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