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Sie sind die Gewinner der Corona-Krise: Streaming-Dienste wie Netflix. Statt im Kino läuft z.B. der neue Pixar-Film „Soul“ nun direkt im Netz. Neue Machtstrukturen. Wie verändert das unseren Film- und Serienkonsum?

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Die Macht des Streamings – eine Bedrohung für die Demokratie?

Sie sind die Gewinner der Corona-Krise: Streaming-Dienste wie Netflix. Statt im Kino läuft etwa der neue Pixar-Film "Soul" nun direkt im Netz. Neue Machtstrukturen. Wie verändert das unseren Film- und Serienkonsum?

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Von
  • Daniel Ronel

Die Hauptfigur im neuen Disney-Pixar-Animationsabenteuer "Soul" schlägt gern entspannte Töne an. Joe ist Musiklehrer in New York. Seine wahre Leidenschaft, selbst auf der Bühne Jazz zu spielen, aber bleibt ihm verwehrt. Bis er eines Tages doch die Chance bekommt, nur dummerweise kurz darauf das Zeitliche segnen muss – und über den Wolken landet – im Reich der kleinen, ungeborenen Seelen.

Soll es das schon gewesen sein? Joe will sich als Seele damit nicht abfinden und beginnt, sich zurück ins Leben zu kämpfen.

Der neue Pixarfilm "Soul" direkt als Stream - verliert die Filmlandschaft die cineastische Seele?

"Soul" erinnert an das herrliche Gefühls-Abenteuer "Alles steht Kopf" – deshalb ist er halb-originell. Aber immer noch auf gewohnt hohem Pixar-Niveau, Corona-bedingt leider nur zu sehen beim Streamingdienst Disney Plus. Und das stört den Seelenfrieden in der Filmbranche und unterstreicht den Trend: Kino schwächelt, Streaming wird immer mächtiger. Was auch für Kritik sorgt, etwa beim Medienwissenschaftler Marcus S. Kleiner.

"Streaming hat die Möglichkeit, dieses Gefühl zu geben: Ich bin im Schlaraffenland für Bewegtbild, ich kriege im Endeffekt alles was ich sehen möchte, immer dann wenn ich es sehen möchte. Das ist natürlich bequem und gut, aber das ist nicht die einzige Alternative, um Film zu nutzen." Marcus S. Kleiner, Medienwissenschaftler
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kinokino-Videokritik zu "Soul"

Wir Streaming-Kunden - der komplett gläserne Nutzer

Kleiner untersucht Phänomene der Popkultur. Sein neues Buch "Streamland" stellt die These auf, dass Streaming-Anbieter die Demokratie "bedrohen". Weil wir zu gläsern werden, kritisiert er: "Unser ganzes Streamingverhalten wird in jeder Sekunde ausgewertet, es gibt keine Marktforschung, die uns genauer vermisst wie Streaming, weil wie jede Sekunde das abgeben, was wir grade tun und das beobachten lassen. Wir kriegen Vorschläge durch die algorithmische Auswertung unseres Streamingverhaltens, die uns dann Empfehlungen geben."

Die Folge: ein Bombardement an Vorschlägen, die uns lenken sollen. Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Kleiner spricht von Manipulation: "Ich fühle mich wirklich beobachtet. Man merkt dann auch was Streaming-Beobachtung heißt: Man wird in jeder Sekunde wahrgenommen, und wenn man nicht genügend konsumiert, dann wird man freundlich daran erinnert: Du musst mehr konsumieren."

Der österreichische Oscar-Kandidat - nicht im Kino, sondern auf Netflix

Denn nur so wachse das Geschäft, für das die großen Player exklusive Inhalte brauchen. So wie das österreichische Drama "Was wir wollten", eigentlich geplant fürs Kino, nun bei Netflix. "Was wir wollten" erzählt vom unerfüllten Kinderwunsch eines Paares, das sich in Italien eine Auszeit nimmt. Für Österreich soll der Film mit Lavinia Wilson und Elyas M’Barek ins Oscar-Rennen gehen. Statt Kino nun Netflix. Ulrike Kofler sieht als Regisseurin des Films Vor- und Nachteile:

"Ich bin auf der einen Seite sehr dankbar, dass mein Film trotz der Pandemie zu sehen ist und er von so vielen Menschen schon gesehen wurde überall auf der Welt, wahrscheinlich sogar von viel mehr Menschen als das mit einem regulären Kinostart überhaupt der Fall gewesen wäre, und es gab Menschen, die mir gesagt haben, naja, das ist die Zukunft, das Kino ist quasi 'out'. Ich denke mir dann immer, wir bestimmen die Zukunft auch ein bisschen mit. Ich liebe das Kino und habe 'Was wir wollten' für das Kino gemacht. Aber wirtschaftliche Faktoren gibt es eben auch, die spielen dann natürlich auch eine große Rolle." Ulrike Kofler, Regisseurin von "Was wir wollten"

Kino oder Couch? Viele Studios und Verleiher setzen seit Corona verstärkt auf Streaming. So zeigte Disney die 200 Millionen Dollar teure "Mulan"-Neuauflage zuerst bei Disney+. Für viele Cineasten ein Sakrileg. "Streamland"-Autor Marcus S. Kleiner hingegen sieht das nüchterner.

"Wenn ich mich einem Film hingeben möchte, kann ich das an jedem Ort machen, das kann ich im Zug auf dem Laptop machen oder zuhause, das ist vollkommen egal, weil der Film muss so stark sein, dass er mich an ihn bindet." Marcus S. Kleiner, Medienwissenschaftler

„Streamland“-Autor Kleiner: Warnung vor Filter- und Geschmacksblasen

Streaming-Hochglanz-Serien wie "The Crown" oder "The Mandalorian" oder Filme wie der neue "Borat" oder David Finchers "Mank" können auch ohne die große Leinwand zum beliebten Gesprächsstoff werden und das sei den Streaming-Plattformen gegönnt.

Viel wichtiger ist Medienwissenschaftler Kleiner, dass sich die Umstände beim Streamen ändern. Subtile Beeinflussung und das Auskundschaften müssten aufhören. Kleiner plädiert für mehr Transparenz, für das Recht, das Daten-Sammeln ablehnen zu können: "Es passieren zwei Dinge mit mir als Streaming-Nutzer im schlimmsten Falle: Ich gewöhne mich an die digitale Selbstentmündigung, indem immer wieder vorselektiert wird, ausgesucht wird, was mir gefallen könnte."

Kleiner warnt vor einer "Geschmacksfilterblase, die mich nur noch um mich selbst kreisen lässt, um meine Interessen und Themen": "Und das ist für mich das Ende von Bildung, das Ende von Aufklärung, das Ende von Demokratie, denn all diese drei Instanzen leben von Fremdheitserlebnissen, die mich mit etwas konfrontieren, was nicht ich bin, was jenseits meiner Ordnung ist, und mich öffnet für eine Welt außerhalb von mir."

Eine Welt, für die immer noch das Kino steht, hoffentlich auch in Zukunft.

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