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Estland - ein Start-up

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Estland, ein Start-up - digital und verwundbar

Estland ist der digitale Vorreiterstaat in Europa. Dabei geht eine Sache aber unter: Die Integration der russischsprachigen Bevölkerung. Estland - ein Staat zwischen digitaler Moderne und Sowjetvergangenheit. Von Henrike Busch und Michael Olmer

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Estland steckt voller Überraschungen. Es ist das nördlichste der drei baltischen Länder, doch angesichts der hier herrschenden Sprache und der Nähe zu Finnland fühlen sich viele Esten mehr zu Skandinavien denn zum Baltikum zugehörig. Nur einer von vielen Punkten, die bei einem Besuch in dem kleinen Land deutlich auffallen. Ein weiterer: die Digitalisierung.

Taxis per Smartphone zahlen - Steuerklärung online erledigen

In kaum einem anderen Land der Welt ist sie bislang so flächendeckend und umfänglich umgesetzt worden wie in Estland. Das Parlament arbeitet weitestgehend papierlos, Taxi- und Straßenbahnfahrten werden per Smartphone bezahlt. Auch die Steuererklärung wird in wenigen Minuten online erledigt. Kurz: Estland ist der digitale Vorreiter in Europa schlechthin. Hier wurde unter anderem die Telefonie-Software Skype erfunden. Sie gilt vielen jungen Unternehmern bis heute als Ansporn in dem kleinen Land mit seinen gerade einmal 1.3 Millionen Einwohnern eines Tages etwas ähnlich Großes zu erreichen.

Estland hat zunächst die russischsprachige Bevölkerung vergessen

Im Eifer diese moderne Welt aufzubauen, ging seit dem Zerfall der Sowjetunion 1990 eine Sache indes unter. Die Integration der russischsprachigen Bevölkerung, die immerhin ein Viertel der Menschen in Estland ausmacht.

Die sozialen Unterschiede zwischen der russischsprachigen Bevölkerung und den estnischen Muttersprachlern werden besonders dann spürbar, wenn man die pulsierende Hauptstadt Tallinn mit der eher trostlos wirkenden Stadt Narva im Osten des Landes vergleicht. In Narva, direkt an der russischen Grenze, sind über 97 Prozent der Bevölkerung russischsprachig, viele der Älteren können bis heute kein Estnisch.

Estland strengt sich inzwischen mehr an

Besonders seit der russischen Annexion der Krim setzt die Regierung in Tallinn viel daran, der großen Minderheit zu signalisieren, dass sie dazugehört: etwa durch Sprachkurse oder einen neuen TV-Sender im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, der auf Russisch sendet und eine faktenfundierte Alternative zum Kreml-Fernsehen sein will.

In Narva zeigt sich aber auch: die jungen Menschen fühlen sich längst sowohl russisch als auch estnisch, europäisch sowieso. Doch die Nähe zu Russland gibt Estland in Europa eine ganz besondere geopolitische Rolle:

"Im Moment sehen wir keine Bedrohung, dass es eskaliert. Wir verstehen uns nicht als das erste Tier, das im Wald gefressen wird." Akademiedirektor Zdzislaw Sliwa

Misstrauen in Nordeuropa

Zdzislaw Sliwa ist Direktor des Baltic Defense College im estnischen Tartu. Nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 beobachten estnische Militärexperten den russischen Nachbarn noch genauer als zuvor. Die Nato hat ihre Präsenz im Land deutlich verstärkt.

Eine Reise nach Estland zeigt vielleicht das modernste Land Europas, das voller Ehrgeiz und Enthusiasmus seinen eigenen Weg gehen will, das aber auch nach 26 Jahren Unabhängigkeit noch immer nach Wegen sucht, mit seiner sowjetischen Vergangenheit umzugehen.

Die B5 Reportage

Reportage am Sonntag, 7.1.2018, 14:35 und 21:35 Uhr, B5 aktuell

Autor: Henrike Busch und Michael Olmer

Redaktion: Henryk Jarczyk