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Erfahrungen in Griechenland mit Ankerzentren | BR24

© tasa Papanikolaou

Moria Camp auf Lesbos

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    Erfahrungen in Griechenland mit Ankerzentren

    In griechischen Flüchtlingslagern lässt sich erleben, welche Probleme das Leben in großen Einheiten für Migranten bringt: Frauen mit Kindern, Menschen am Ende eines langen Fluchtweges sind kaum menschenwürdig zu versorgen. Von Michael Lehmann

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    Betonmauern, Stacheldraht, überfüllte Wohncontainer und viel Dreck und Staub. Auf der griechischen Insel Lesbos, im Flüchtlingslager Moria, müssen im Moment fast 7.000 Menschen auf engstem Raum leben. Sie warten monatelang auf ihr Asylverfahren. Es gibt immer wieder Reibereien, Vergewaltigungen und andere Gewalt.

    Genau das darf nicht sein, sagt Sonja Andreu-Barradas vom Schweizer Hilfsprojekt Bashira auf Lesbos. Sie lädt Flüchtlingsfrauen regelmäßig in das kleine Bashira-Haus, um wenigstens an einem Tag der Woche jenseits des Camps aufzutanken - zum Bespiel 20 Minuten lang in einem richtigen Badezimmer.

    "Ich frage mich wirklich wie die Frauen das aushalten, wenn sie nach unruhiger Nacht im Lager morgens aufwachen. Das muss doch verrückt machen. Das muss doch für sie ständig so sein, als ob ihre Alpträume Wirklichkeit werden. Willkommen in Europa - das war für sie die Hoffnung - doch es gibt hier kein Willkommen für sie." Sonja Andreu-Barradas vom Schweizer Hilfsprojekt Bashira

    Erfahrung mit der Unterbringung großer Gruppen

    In Griechenland haben Flüchtlingsexperten in den vergangenen Jahren gelernt, dass die Unterbringung in sehr großen Gruppen, wie sie in Deutschland unter dem Stichwort "Ankerzentren" diskutiert wird, neue Probleme macht unter Flüchtlingen.

    "Flüchtlingsfrauen aus dem arabischen Raum mit Fluchterfahrungen, die sind in solchen großen Zentren so geschockt, dass sie erstmal tagelang gar nicht duschen wollen. Im Lager kann man auf das gar nicht eingehen, was sie in ihrer Kultur gewohnt waren - Abstand halten zum Beispiel." Sonja Andreu-Barradas

    Vorzeige-Flüchtlingslager auf Lesbos

    Kara Tepe - dieser Name fällt immer wieder in Griechenland, ein Vorzeige-Flüchtlingslager auf Lesbos. Es steht unter lokaler Verwaltung. Stavros Myrogiannis, der Kara Tepe seit fünf Jahren nun schon leitet, sagt: Man kann es schaffen, ein Flüchtlingslager so zu organisieren, dass sich auch Frauen und Kinder darin wohl fühlen.

    "Ich habe von unseren Gästen, den Flüchtlingen, schon viel gelernt, aus ihrer Kultur, ihrer Mentalität … was ich von ihnen erfahren habe, hat mir geholfen, diese Einrichtung aufzubauen. Es ist ein Stück weit Normalität - wir versuchen Flüchtlingen Respekt zu geben." Stavros Myrogiannis, leitet das Lager Kare Tepe

    In Kara Tepe helfen auch Ehrenamtliche als Lehrer, Kindergärtner oder Sozialarbeiter aus - die Personallisten, in die sie sich eintragen, sind lang - ein Zeichen, wie personalintensiv es ist, ein Flüchtlingszentrum mit mehr als 1.000 Bewohnern gut zu versorgen.

    Einheimische meiden Vorzeige-Lager

    Viele Einheimische machen aber auch um dieses Vorzeige-Lager einen Bogen - die Bewohner fühlen sich so automatisch eher isoliert als integriert, sagt die ehemalige evangelische Pfarrerin in Thessaloniki Dorothe Varkaris.

    "Dieses Ausgeliefertsein ist für die Menschen sehr schwer zu ertragen. Und ich denke, es gibt nicht die Strukturen, die Menschen wirklich begleiten und auffangen können. Es gibt viel zu wenig Sozialarbeiter. Es gibt auch viel zu wenig Juristen, die solche Verfahren intensiv begleiten können." Dorothe Varkaris, evangelische Pfarrerin in Thessaloniki

    Trend in Griechenland geht weg von großen Zentren

    Egal ob sie in Deutschland nun Rückführungszentren oder Ankerzentren heissen sollen, griechische Flüchtlings- und Asylexperten halten es für gewagt, auf Massenunterbringung zu setzen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen verfolgt in Griechenland einen anderen Trend: Flüchtlinge raus aus Lagern und in normale Wohnungen zu vermitteln - unabhängig davon, ob sie nun jahrelang oder nur für kürzere Zeit im Land bleiben werden. Das Wohnbauprogramm des UNHCR konnte auf den griechischen Inseln und auf dem Festland einigen tausend Flüchtlingen festen Wohnraum vermitteln. Sozialarbeiter Michalis Poulimas sagt, nur so könne auf Dauer das Zusammenleben mit Flüchtlingen klappen.

    "Ich denke, dass es für Familien besonders wichtig ist, eine solche Unterkunft zu haben. Gerade für besonders verletzliche Menschen, die sich sicher fühlen wollen. Sie können dann ihr eigenes Essen kochen. Nach langer Flucht und nach monatelanger Enge in Flüchtlingscamps bekommen sie so ihre Würde zurück, das ist wichtig." Michalis Poulimas, Sozialarbeiter