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Paula Jorge und Kim Hesterberg schreiben mit Kreide sexualisierte Belästigung dort auf den Asphalt, wo die stattgefunden haben.

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Catcalls - verbale sexualisierte Belästigung

Wir geben Frauen die Straße zurück´ - Der Begriff des Catcalling stammt aus New York und steht für verbale sexualisierte Belästigung im öffentlichen Raum. Paula Jorge und Kim Hesterberg sind für Catcalls of Innsbruck unterwegs.

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Von
  • Jan Heier
  • Andrea Beer

Das ist doch keine Belästigung. Das war doch nicht so gemeint. Aussagen wie diese hören Paula Jorge und Kim Hesterberg von Männern oft . Der Begriff des Catcalling steht für verbale sexualisierte Belästigung im öffentlichen Raum. Etwa anzügliche Kommentare, Gesten oder Geräusche, wie Pfeifen. Das erleben auch Jungen, doch in der Regel sind Frauen und Mädchen davon betroffen. „Diese Belästigungen haben viel mit Macht zu tun, dass es jemanden gibt der darübersteht und jemand anderen kleiner machen möchte“, so Kim Hesterberg. Es gibt unendlich viele Varianten übergriffiger Anzüglichkeiten.

Belästigungen sind Machtgehabe

"Wichtig ist, dass sexuelle Belästigung immer das ist, was die Frau als Belästigung empfindet." Paula Jorge, 24, Feministin

Paula Jorge und Kim Hesterberg haben „Catcalls of Innsbruck“ rund um den Ausbruch der Corona-Pandemie mitgegründet. Der Zeitpunkt war Zufall, doch sehr passend. Denn durch die Corona-Maßnahmen seien Frauen und Mädchen von Belästigungen weit mehr betroffen, als ohnehin schon. Zum Beispiel seien Frauen aufgrund der Ausgangsbeschränkungen oft alleine auf der Straße und dann einem Mann zu begegnen sei sehr ungut, konstatiert die dunkelhaarige Paula Jorge.

"Die Straßen sind leerer, es ist einfach unsicherer geworden. Auch Straßen die sonst belebt wären, wo man sich sonst sicher fühlt, sind jetzt nicht mehr sicher." Kim Hesterberg, 26, Feministin. Über die Corona-Pandemie
© Screenshot: instagram.com/catcallsofibk

Über Instagram melden Betroffene die Vorfälle.

© Screenshot: instagram.com/catcallsofibk

Die Belästigungen werden dann am jeweiligen Ort des Catcalls, samt Hashtag-Botschaft, mit Kreide auf den Boden gemalt.

© Screenshot: instagram.com/catcallsofibk

Die vielen Nachrichten zeigen, dass Belästigungen ein Problem sind.

© Screenshot: instagram.com/catcallsofibk

´Catcalls of Innsbruck´ wollen klarstellen, dass Betroffene für Catcalls keine Verantwortung tragen. Diese wird ihnen oft zugewiesen.

Auf Instagram – catcallsofibk – oder per Mail können Betroffene den Aktivistinnen Vorfälle melden. Die Belästigungen werden registriert und Kim Hesterberg und Paula Jorge – oder ihre Mitstreiterinnen – ziehen los. An diesem Tag wollen die Beiden ins Zentrum von Innsbruck. Auslöser war folgende Nachricht einer Frau:

Zwei Typen fahren im Auto neben mir her. Einer streckt mir einen Dildo entgegen und fragt Sachen wie: „Na? Willst du mal?“. Erst nach mehrere deutlichen Aufforderungen abzuhauen fahren sie weiter. Nachricht einer Frau an catcallsofibk

Paula Jorge und Kim Hesterberg gehen zum Adolf-Pichler-Platz, wo die sexualisierte Belästigung stattgefunden hat. Mit bunten Kreiden schreiben sie diese dort auf den Asphalt. Andere Belästigungen stehen auf Gehwegen, Gassen oder Treppen. „Wir kreiden an und geben den Frauen die Straße zurück,“ erklären Paula Jorge und Kim Hesterberg die Idee.

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Kim Hesterberg (li) und Paula Jorge beim chalkback am Adolf-Pichler-Platz in Innsbruck.

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Mit bunten Kreiden schreiben die beiden Belästigungen auf Plätze, Gehwege oder Straßen.

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´Wir geben Betroffenen die Straße damit wieder zurück´, sagen die beiden Feministinnen.

Tirol ist konservativ

Durch das Ankreiden sind die Belästigungen öffentlich und Betroffene damit entlastet, denn häufig würden sich diese sogar schuldig fühlen. Rund um die vielen Baustellen in der Stadt würden ihnen oft Belästigungen gemeldet, erzählen die Beiden und lachen ein bisschen ob des Klischees. Die jungen Feministinnen machen ihren Master in Erziehungswissenschaften, stammen aus Deutschland und leben seit mehreren Jahren in Tirol. Eine konservative Umgebung, wie sie feststellen mussten. Die teils aufgeheizte Debatte über Virus-Mutationen, Öffnungen von Skiliften, Reisewarnungen aus Wien oder den Skandal rund um den Tiroler Skiort Ischgl, wo sich tausende Touristinnen und Touristen mit Corona infiziert haben – das haben Paula Jorge und Kim Hesterberg natürlich wahrgenommen. Die Stimmung sei schon angespannt, finden sie. Die Reaktionen auf die „Catcalls of Innsbruck“ sind im konservativ geprägten Tirol unterschiedlich. Durch den Sport und das Studium kenne sie viele offene Menschen, erzählt Kim Hesterberg. Erst nach und nach sei ihr aufgefallen, wie konservativ auch das grün regierte Innsbruck sei.

Beschwert euch doch beim Söder

Auch dass die beiden Frauen aus Deutschland sind, spiele bei ihren Aktivitäten eine gewisse Rolle, so Paula Jorge. Zum einem würde ihnen von Männern oft Übertreibung vorgeworfen und in Innsbruck komme hinzu: „Ihr seid Deutsche, beschwert euch doch beim Söder, warum kommt ihr hierher und kreidet das an.“

"Links-grün versiffte Kröten oder so. Also da müssen wir uns schon was anhören." Paula Jorge über Reaktionen auf „Catcalls of Innsbruck“

Für diesen Tag packen Paula Jorge und Kim Hersterberg die bunten Kreiden wieder ein. Ihre Forderungen legen sie damit nicht beiseite, denn sie wollen, dass sexualisierte Belästigungen strafbar sind. Das Kämpfen für mehr Frauenrechte und gegen sexualisierte Belästigung werde noch lange dauern. Doch es gebe Fortschritte, denn noch vor wenigen Jahrzehnten hätten Frauen noch für heute selbstverständliches Kämpfen müssen: ein eigenes Bankkonto, die Erlaubnis arbeiten zu dürfen oder für ein Gesetz, dass Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe stellt, findet Paula Jorge.

"Es geht uns darum zu zeigen, die Frau ist nicht schuld. Sie kann zur Polizei gehen und das anzeigen." Paula Jorge

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