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Wie steht es um die Bildung in Bayern? | BR24

© picture-alliance/dpa

Zwei Schulranzen im Klassenzimmer eines Gymnasiums

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    Wie steht es um die Bildung in Bayern?

    Jahrelang gab es quasi nur ein Thema: acht- oder neunjähriges Gymnasium. Die Entscheidung fiel auf das G9. Damit ist die Luft raus aus dem großen Bildungsstreit. Ruhig ist es trotzdem nicht geworden. Ein Überblick von Regina Kirschner.

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    Ministerpräsident Markus Söder hat in seiner Regierungserklärung mit vielen Ankündigungen überrascht – auch bei der Bildung. Darunter neue Lehrerstellen, mehr Geld für die Digitalisierung und Deutschklassen für junge Flüchtlinge. Umsetzen muss die Söderschen Ideen nun der neue Kultusminister Bernd Sibler. Der 42-jährige Niederbayer und frühere Staatssekretär war selbst einmal Lehrer und bezeichnet sein neues Amt als seinen Traumjob. Und eines ist sicher: Langweilig wird es ihm bis zur Landtagswahl sicher nicht. 

    Dauerproblem Lehrermangel

    Mehr Kinder in den geburtenstarken Jahrgängen, Zuzug von Zuwanderern, viele Pensionierungen von Lehrern: Eines der größten Probleme – vor allem an den Grund- und Mittelschulen – ist und bleibt der Lehrermangel und damit verbundene Unterrichtsausfälle. Laut Bertelsmann Stiftung werden auch in Bayern in den nächsten Jahren Hunderte von Lehrern fehlen. Das Problem hat auch das Kultusministerium erkannt und reagiert. "Allein zum laufenden Schuljahr hat der Freistaat über 4.300 Lehrkräfte neu eingestellt, darunter rund 1.700 für die Grundschulen", heißt es aus dem Ministerium. In seiner Regierungserklärung hat Ministerpräsident Söder noch einmal 2.000 neue Stellen angekündigt. Außerdem können sich Gymnasial- und Realschullehrer für die Grund- und Mittelschule umschulen lassen.

    Opposition fordert noch mehr Personal

    Das reicht trotzdem nicht, warnen Bildungsexperten. Auch die Opposition fordert noch mehr Anstrengungen, um Unterrichtsausfälle zu verhindern. Die Freien Wähler sprechen von einer "langjährigen schlechten Personalplanung". Die SPD moniert, dass im zweiten Nachtragshaushalt nur wenige neue Lehrerstellen zu finden sind.

    "Aus 20 Schulkonferenzen in ganz Bayern wissen wir, das an jeder Ecke Lehrkräfte fehlen, um den Unterrichtsausfall zu kompensieren oder die großen Herausforderungen wie Ganztagsschule oder Inklusion zu bewältigen. Die Schulen sind am Limit. Wenn wir so weiter machen, werden unsere Lehrkräfte krank und die Unterrichtsqualität wird weiter sinken, weil immer mehr Seiteneinsteiger in die Klassenzimmer geholt werden müssen. Ein echtes Armutszeugnis für Bayern." Martin Güll, SPD

    Multiprofessionelle Teams

    500 Stellen für multiprofessionelle Teams an den Schulen, lautet das Versprechen Söders. Damit kommt die Staatsregierung einer Forderung nach, die die Lehrerverbände und die Opposition schon lange erheben. Konkret bedeutet das: Teams aus verschiedenen pädagogischen Berufen wie Sozialpädagogen oder Heilpädagogen sollen die Lehrer unterstützen und eine individuellere Förderung der Schüler möglich machen.

    "Das ist ein erster und wichtiger Schritt. Ein Signal, über das ich mich gefreut habe. Die Lehrerinnen und Lehrer brauchen angesichts immer komplexer werdender Aufgaben und Herausforderungen professionelle Unterstützung." Simone Fleischmann, BLLV, zu den multiprofessionellen Teams

    Nachholbedarf beim Ganztagsangebot

    Ganztagsschulen gibt es in Bayern nach wie vor wenige. Der Freistaat setzt auf ein Potpourri an Betreuungsformen. Doch auch Hort und Mittagsbetreuung sind gerade in Städten oft hoffnungslos überfüllt. Die Bertelsmann-Stiftung kommt in einer Studie zum Schluss, dass der Ausbau der Ganztagsschule nur schleppend vorangeht. Nur 16% der Kinder besuchen laut Studie im Freistaat eine Ganztagsschule. Das Bayerische Kultusministerium sieht darin aber kein Grund zur Sorge und verweist auf die vielen anderen Betreuungsangebote, die es im Freistaat gibt (Mittagsbetreuung, Hort, Kindertagesheim).

    "Der Ausbau des Ganztagsangebots in Bayern geht gut voran. Wir konnten alle Anträge, die die Kommunen gestellt haben auf Einrichtung eines Ganztagsangebots, auch genehmigen." Kathrin Gallitz, Bayerisches Kultusministerium

    Rechtsanspruch soll Druck erhöhen

    Der Opposition im Landtag ist das bayerische System mit den verschiedensten Betreuungs-Wahlmöglichkeiten zu unübersichtlich. Es verwirre die Eltern, so die Kritik. SPD, Freie Wähler und Grüne sprechen sich zudem für einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz aus. Nur so würden wirkliche Fortschritte beim Ausbau der Betreuungsplätze erzielt.

    Digitalisierung an den Schulen

    Nach und nach sollen im Land 50.000 digitale Klassenzimmer eingerichtet werden, so das Versprechen Söders in seiner Regierungserklärung. Im ersten Schritt stehen dafür 150 Millionen Euro zur Verfügung. "Damit können ca. 11.000 digitale Klassenzimmer eingerichtet werden. Zusammen mit den bereits ca. 7.000 mit moderner IT ausgestatteten Klassenzimmern können mehr als ein Drittel der anvisierten 50.000 digitalen Klassenzimmer eingerichtet werden. Das Förderprogramm soll im nächsten Haushalt fortgeführt werden“, heißt es aus dem Kultusministerium. Den Freien Wählern kommt das zu spät und dauert zu lange.

    "Unsere Schulen konnten in den vergangenen Jahren wegen fehlender staatlicher Investitionen mit der digitalen Entwicklung unserer Lebens- und Berufswelt nicht Schritt halten. Außerdem fehlt die für digitale Klassenzimmer zwingend erforderliche schnelle Internetanbindung sowie eine kontinuierliche Wartung und Betreuung der Schul-IT." Michael Piazolo, Freie Wähler

    Handyverbot wird gelockert

    Bewegung gibt es beim Thema Handyverbot: Seit Monaten trommeln Lehrerverbände und Eltern für eine Lockerung des Handyverbots an Schulen. Aufgrund des Drucks willigte das Kultusministerium ein. An zunächst etwa 300 Schulen soll Schülern die Handynutzung in den Pausen zum Teil erlaubt werden. Die konkreten Regeln erlassen die Schulen in Eigenregie. Für Grundschulen soll das aber nicht gelten, kündigte Kultusminister Bernd Sibler im "Münchner Merkur" an. Dort sei das pädagogisch nicht vertretbar. Erlaubt bleibt dort, wie bisher, nur die Nutzung im Unterricht, wenn der Lehrer das für sinnvoll hält.

    Die große Neuerung: Werteerziehung für Flüchtlinge

    Am meisten Staunen und viele Fragen hat sicherlich Söders Idee der Deutschklassen hervorgerufen. Die Flüchtlinge sollen dort nicht nur Deutsch lernen, sondern auch "Werteerziehung" erhalten. Im Mittelpunkt stehen laut Kulturministerium Themen wie das christliche Menschenbild, die Achtung vor dem Leben und Sinnfragen. Wie das genau ausschauen soll, ist allerdings noch unklar.

    Kritik an den Deutschklassen

    Simone Fleischmann, die Vorsitzende des Bayerischen Lehrerverbands (BLLV) hält von den Deutschklassen nicht sonderlich viel. Die Gefahr sei groß, dass dadurch junge Menschen "auseinanderdividiert werden", meint Fleischmann. Mehr Deutschstunden, mehr Ganztag und mehr Wertevermittlung seien zwar sinnvoll, allerdings sollten davon alle Kinder profitieren. Stattdessen riskiere man eine Spaltung der Schüler, so die BLLV-Vorsitzende.