Der Militärkonvoi aus Bergamo Wie eine Foto-Legende entsteht

Fast alle werden sich an das Bild vom Militärkonvoi aus Bergamo erinnern. Wie konnte das Bild Teil des kollektiven Gedächtnisses werden? Und was zeigt es wirklich?

Von: Julie Metzdorf

Stand: 26.04.2021 | Archiv

Militärkonvoi in Bergamo, April 2020 | Bild: picture alliance / abaca | IPA/ABACA

Vor zwei Wochen wurde das World Press Photo des Jahres 2021 gekürt: Gewonnen hat "The First Embrace", ein Bild des dänischen Fotografen Mads Nissen. Es zeigt eine stehende Frau mittleren Alters mit Maske und eine vor ihr sitzende ältere Dame, die sich durch einen Vorhang aus transparenter Folie hindurch umarmen. Nach fünf Monaten ohne jede Berührung hatten die Mitarbeiterinnen eines Altenheims in Saõ Paolo diesen sogenannten Umarmungsvorhang installiert. Die Jury nannte das Foto ein "ikonisches Bild von Covid-19." In der Tat vereint das Foto vieles von dem, was die Pandemie ausmacht: die Ansteckungsgefahr, die dadurch nötig gewordene Distanzierung, aber auch ihre trickreiche Überwindung. Es ist ein trostspendendes, hoffnungsfrohes Bild. Aber es ist auch leicht anekdotenhaft: Die Umarmungsvorhänge, die es hier und da gegeben hat, sind eine Randerscheinung der Pandemie.

Ob es wirklich dieses Bild ist, an das wir uns nach der der Corona-Pandemie erinnern werden, ist noch offen. Tatsache ist, dass wir uns in Bildern erinnern, da sind sich Gedächtnis- und Geschichtsforschung einig. Oft braucht es nur ein einziges Stichwort – einen Ort, einen Namen, ein Datum – und schon haben wir ein bestimmtes Bild im Kopf: Hiroshima. 9/11. Eschede.

Mads Nissens Foto der "The First Embrace" ist das Welt-Pressefoto des Jahres 2021.

"The First Embrace" von Mads Nissen zeigt die Pandemie eher als Krise, die überwunden werden kann. Es scheint zu rufen "Wir schaffen das". Und das stimmt für diese Bild ja auch: Die psychisch so belastende Maßnahme der Distanzierung wurde dank der Folie überwunden, Umarmung wurde wieder möglich.

Das Unsichtbare sichtbar machen

Wie zeigt man eine Pandemie als Katastrophe? Corona ist unsichtbar. Gerade am Anfang bestanden die sichtbaren Veränderungen vor allem in der Abwesenheit von Dingen: keine Kondensstreifen mehr, weniger Autos, leere Supermarktregale, Fußgängerzonen ohne Fußgänger. Jörg Trempler, Professor für Kunstgeschichte und Bildwissenschaft an der Universität Passau: "Wenn wir etwas haben, was nicht sichtbar ist in so einer stark visuellen Umwelt, dann müssen wir Strategien entwickeln, wie wir das Unsichtbare sichtbar machen. Das Erste ist natürlich, dass man sagt okay, das Virus ist nicht für unsere normalen Augen sichtbar. Man kann natürlich ein Virus sichtbar machen, indem man es unters Mikroskop legt. Und das war dann diese berühmte Virus-Kugel." Wie kann man nun also Corona sichtbar machen? Die Bilder der Leere sind zu unspezifisch: ausgestorbene Fußgängerzonen sieht man in Deutschland jeden Sonntag, und der Blick in einen kondensstreifenfreien blauen Himmel ist auch nicht so katastrophal.

Der Sarg-Konvoi

Ein Bild aus den ersten Monaten der Pandemie in Europa hat sich bereits eingegraben. Kaum jemand, der nicht weiß was gemeint ist, wenn "die Bilder aus Bergamo“ erwähnt werden – gern im Plural, dabei war es von Anfang an nur ein Bild: Das Handyfoto vom 18. April 2020 zeigt einen Konvoi von Militärlastern. Insgesamt neun Fahrzeuge fahren hintereinander eine Straße entlang, die durch ein Wohngebiet führt. Aufgenommen wurde das Bild von dem damals 28-jährigen Flugbegleiter Emanuele di Terlizzi. Vom Balkon aus hatte er die nächtliche Aktion erfasst. Eher zufällig, aber nicht ohne Gespür für Bildausschnitte, hat di Terlizzi ein nahezu perfektes Katastrophenbild geschaffen: Das vorderste und das letzte Fahrzeug sind angeschnitten, automatisch ergänzt man die Reihe im Kopf: aus den abgebildeten neun LKW wird so schnell eine vermeintlich unendliche Reihe – in Wahrheit waren es nur wenig mehr, nämlich dreizehn Fahrzeuge. Die Straße und mit ihr die Reihe der LKW bildet eine stark fallende Diagonale, die von oben rechts nach unten links quer durchs Bild verläuft. Das widerspricht der Leserichtung und der in Europa üblichen Bildkomposition und erzeugt unterbewusst ein Gefühl der Fremdartigkeit und Störung.

Die Straßen sind menschenleer, auch das wirkt in Kombination mit den Militärfahrzeugen beängstigend. Als Kontrast dazu sieht man eine Reihe geparkter Kleinwagen am Straßenrand, die dem Konvoi nachzuschauen scheinen. Es ist nachts, also dunkel. Das riecht nach Heimlichtuerei und Vertuschung, was auch immer da passiert: Es muss etwas sein, das man bei Tageslicht lieber nicht machen wollte. Gleichzeitig sind viele der Fenster der gegenüberliegenden Häuser erleuchtet: Es sind also viele Menschen wach. Allein diese Tatsache, dass die Menschen wach, aber nicht auf der Straße sind, passt schon nicht in unser Bild von Italien. Jörg Trempler: "Dieses Bild von diesem Lastwagenkonvoi erreichte das deutsche Publikum genau an dem Feld, wo der erste Lockdown begann, wo es noch nicht sehr viele Fälle gab, wo noch nicht wirklich klar war, wie gefährlich die ganze Sache sein wird, oder was wir damit verbinden. Und dann, auf einmal sieht man einfach einen Konvoi von Lastwagen, und man sieht in unmittelbarer Weise einen Ausnahmezustand, eine Gefahr, etwas, was man nicht haben möchte. Und damit ist diese Wirkkraft von diesem einzelnen Bild viel größer, weil es sozusagen auf alles andere draufsetzt. Das ist wie eine Interpretation der Lage."

Emotion statt Abstraktion

Di Terlizzi selbst glaubte beim Fotografieren, die Fahrzeuge würden Material für den Aufbau eines Notkrankenhauses transportieren. Erst nachdem er das Bild ins Netz gestellt hatte, meldete die Schwarmintelligenz: Die LKW transportierten Leichen. Damit wurde das Bild zu einem Symbol des Todes. Viele europäische Politiker bemühten sich in jenen Tagen darum, den Ernst der Lage zu betonen, ohne Panik zu schüren. Emanuel Macron nutzte in seiner Rede an die Nation Mitte April ganze sechs Mal die Formulierung, wir seien "im Krieg" – kombiniert mit der Aufforderung Ruhe zu bewahren und zuhause zu bleiben. Da kam ein Bild wie di Terlizzis vom Balkon fotografierter Militärkonvoi gerade recht: Das Foto ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Paradebeispiel dafür, dass Bilder Angst erzeugen können ohne irgendetwas konkretes zu zeigen. Mehrere deutsche Politiker verwiesen seinerzeit auf "die Bilder aus Bergamo", ohne dabei konkret zu werden. Auch sie wussten, wie stark die Bilder wirkten. Jörg Trempler: "Die Bilder bringen eine Art von Emotionalisierung mit zu dem Ereignis, was stärker wirkt und auf einer anderen Ebene liegt als zum Beispiel die textliche oder die zahlenmäßige Interpretation oder Darstellung von Ereignissen."

Falsch zugeordnete Bilder

Ebenfalls aus Italien erreichte uns damals ein Foto mit mehreren Reihen von Särgen, auf denen eine rote Rose liegt, kombiniert mit dem Satz: "Vielleicht ein Grund, dass alle mal zuhause bleiben sollten". Nur leider: Einen Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gab es in diesem Fall gar nicht, das Foto stammt aus dem Jahr 2013 und zeigt die in einem Flughafen-Hangar aufgereihten Särge ertrunkener Boots-Flüchtlinge auf Lampedusa. Aus New York erreichten uns Drohnenaufnahmen von Gruppenbegräbnissen auf Hart Island: einfache Holzsärge wurden eng beieinander in riesigen Gruben gestapelt, ganz ohne Abschiedszeremonien mit Angehörigen. Das wirkte wie der Kollaps des Bestattungssystems, wie ein Zivilisationsbruch, der Corona endgültig zur Katastrophe, zur Zeitenwende gemacht hätte. In den Särgen waren auch wirklich Corona-Tote, doch es waren Obdachlose, die keine Angehörigen hatten oder Arme, deren Angehörige sich kein anderes Begräbnis leisten konnten. Sie waren auch früher schon nach gleichem Prozedere auf der Insel beerdigt worden, ohne dass das irgendjemanden gekümmert hätte.

Manipulation?

Natürlich werden Menschen durch solche Bilder und – egal ob richtig oder falsch – sie begleitende Informationen in ihren Meinungen und Haltungen beeinflusst. Fünf Tage nach dem "Bild aus Bergamo“ wurde in Deutschland der Lockdown noch einmal verschärft, obwohl die Reproduktionszahl gerade stark gefallen war. Die Bilder wirkten offenbar stärker. Von einer Manipulation durch Bilder spricht Jörg Trempler trotzdem nicht: "Ich glaube eher an eine Art von aktivem Charakter von Bildern. Ich glaube nicht an Manipulationen, weil Manipulation würde sagen, es gibt das nicht manipulierte Bild, an das ich überhaupt nicht glaube, ich glaube, jedes Bild ist immer schon in irgendeiner Form gestaltet, wie die künstlerischen Bilder im Zusammenhang der Kunst: Auch die anderen, die Reportagebilder sind künstlich, sie sind auch immer gemacht. Und dann kommen sie in eine Gesellschaft, werden gesehen und können eine Wirkkraft entfalten. Die Form, wie sie die Wirkkraft entfalten, ist immer sehr lehrreich für uns. Aber das ist, glaube ich, nie eine Art von Manipulation, sondern es ist im Grunde genommen dieser aktive Charakter, der in den Bildern steckt."

Was sehen wir auf dem Foto von Bergamo

Unser kulturelles Gedächtnis ist angefüllt mit Fotografien, die auf den ersten Blick rein dokumentarisch und objektiv wirken, in Wahrheit ebenso inszeniert sein können. In den vergangenen Jahren sind es immer wieder Fotos und Filmaufnahmen von Laien, die an ein Ereignis erinnern. Die Handyvideos vom Tsunami, der 2004 auf die Küsten Südostasiens traf oder von der Festnahme und Ermordung von George Floyd im letzten Jahr. Oder eben di Terlizzis Handyfoto aus Bergamo. Es war das, was man heute so gern "authentisch" nennt: nicht inszeniert, bildet es die nächtliche Szenerie ab, wie sie nun mal war – und erzeugt dadurch doch eine ganz neue, eigene Wirklichkeit. Genau genommen sehen wir nichts weiter als Autos bei Nacht. Ein Militärkonvoi, der bei Nacht durch ein Wohngebiet fährt: Das ist diffus genug um keine direkte Panik auszulösen, aber auch so deutlich, dass man lieber mal ein bisschen Klopapier mehr einkauft. In Wahrheit war das Militär nicht etwa eingesetzt worden, weil Berge von Leichen nicht anders hätten transportiert werden können. Die Anzahl der Verstorbenen war nicht höher als bei manchen Grippewellen in Italien. Es war die Angst vor dem im Frühjahr letzten Jahres noch "Killervirus" genannten Erreger. Um Fakten zu schaffen, beschloss man die sofortige Einäscherung der an COVID Verstorbenen. Normalerweise werden in Italien aber nur die Hälfte aller Verstorbenen eingeäschert. Deshalb reichten die Kapazitäten des Krematoriums in Bergamo nicht aus und die Leichen mussten in umliegende Orte transportiert werden.

Das alles war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Bildes noch nicht bekannt. Trotzdem entfaltet das Bild seine ganz eigene Kraft. Heutzutage gibt es keine großen Ereignisse mehr ohne die zugehörigen wirkmächtigen Bilder. Die Welt ist ein Fotostudio, noch der letzte Winkel ist jederzeit ausgeleuchtet. Ein Ereignis und die Bilder dieses Ereignisses verschwimmen miteinander. Wir können nicht an 9/11 denken, ohne vor unserem inneren Auge ein Flugzeug in ein Hochhaus rasen zu sehen. Die Frage ist eher: welche aus der Überfülle von Bildern eines Ereignisses werden bleiben?

Der Beitrag stammt aus dem Bayern 2 Kulturjournal. Den Podcast können Sie hier abonnieren.