Ruangrupa kontert mit Rassismus-Vorwürfen Offener Brief zur Kritik an der Documenta

Seit 1955 pilgert die Kunstwelt nach Kassel, wo die Documenta alle fünf Jahre zeigte, was in der Kunst angesagt ist. Doch die internationale Kunstschau gerät immer mehr in die Kritik wegen des Vorwurfs des Antisemitismus und seiner Reaktion darauf. Ein angekündigtes Symposion wurde kurzfristig abgesagt. Jetzt hat das Kuratorenteam in einem offenen Brief Stellung bezogen. Der aber dürfte die Debatte eher anheizen.

Von: Martin Zeyn

Stand: 10.05.2022 | Archiv

Kassel: Eines der ersten Werke im Stadtbild, geschwärzte Säulen mit Zeichnungen des rumänischen Künstlers Dan Perjovschi, sind am Haupteingang hinter dem Logo der Ausstellung am documenta-Standort Fridericianum zu sehen. Die Kunstausstellung geht vom 18.06. bis 2 5.09.2022.  | Bild: dpa-Bildfunk/Swen Pförtner

Die Documenta. Bis vor kurzem noch der Inbegriff von Aufklärung und Modernität. Dann kamen die Verstrickungen der ersten Macher mit dem Nationalsozialismus heraus. Vor allem Werner Haftmann erregte Anstoß, weil er sich aktiv an der Partisanenbekämpfung in Italien beteiligt hatte – der diese Episode aber nach Kriegsende nie erwähnte und sich so den Weg in den internationalen Kunstbetrieb ebnete. Seither ist klar: Auch eine Kunstausstellung existiert nicht in einem abgeschotteten Raum. Diese Öffnung, dieses Vermitteln nimmt denn auch das Kollektiv Ruangrupa, das die kommende Documenta kuratiert hat, für sich in Anspruch. Aber eben nur auf der Ebene der Kunst. Die Liste der Eingeladenen hat einen Schwerpunkt: Kollektive, die den white cube, die abgetrennten Kunsträume verlassen und sich kunstfernen Gruppen bzw. sozialen Aufgaben öffnen wollen. Eine wichtige Erweiterung der Diskussion, was Kunst darf und manchmal sogar kann. Jetzt sieht sich das Documenta-Kollektiv selbst mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert. Die weist sie nun weit von sich. Ruangrupa unterstellt ihren Kritiker*innen Rassismus und fordert, sich erst die Ausstellung anschauen, bevor über die Auswahl debattiert werde. Darf aber, wer so über den Tellerrand schaut, bei Kritik sich darauf zurückziehen, nur eine Kunstausstellung zu machen?

Das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangrupa

Zur Vorgeschichte: Die Antisemitismusvorwürfe gegen die aktuellen Documentamacher*innen wurden in einem anonymen Blogbeitrag auf der Seite "Bündnis gegen Antisemitismus Kassel" vorgebracht.  Darin wird der Documenta vorgeworfen, die "braunen Schatten" in ihrer Geschichte nicht sehen zu wollen, für die Haftmanns und auch Joseph Beuys stünden. Mehr noch: Mitglieder des Teams haben Künstler bzw. Gruppen eingeladen, die für eine antizionistische bzw. israelfeindliche Politik stehen – und außerdem sich selbst als Israelgegner positioniert. Die Vorwürfe sind massiv und komplex.   

Sie lassen sich in drei Hauptstränge aufteilen:  

  1.  Ruangrupa hat ein Künstlerkollektiv "The Question of Funding" eingeladen. Die Palästinensergruppe arbeitet in Ramallah in einem nach dem arabischen Nationalisten Khalil al-Sakakini benannten Kulturzentrum. Nicht bekannt ist jedoch, wie die Gruppe zu dem Antizionisten steht. 
  2. Ade Darmawan und Farid Rakun vom Kuratorenkollektiv Ruangrupa haben auch selbst israelkritische Petitionen unterschrieben. 
  3. Dann gibt es noch ein künstlerisches Team, das Ruangruppa unterstützen soll. Vier der fünf Mitglieder seien ebenfalls israelkritisch: Gertrude Flentge, Ayşe Güleç, Lara Khaldi und Andrea Linnenkohl.  

Noch mal in aller Deutlichkeit: Die Kritik richtet sich nicht gegen die kuratorische Arbeit der beiden Ruangrupa-Mitglieder, sondern gegen deren Unterstützung von israelkritischen Aufrufen und gegen Einladungen von überwiegend antizionistischen Beratern.

Und jetzt fängt ein Problem an, das schon 100.000 Mal benannt wurde, aber nie pauschal gelöst werden kann: Richtig ist, Kritik an Israel muss möglich sein. Aber wann schlägt Kritik an Israel in Antizionismus oder sogar Antisemitismus um? Hier hilft nur eine genaue Lektüre. Der Aufruf "Against Apartheid", den u.a. Kurator Farid Rakun unterschrieben hat, kritisiert die israelische Besatzungspolitik. Dafür gibt es gute Gründe, das tun auch viele Juden oder Israelis. Allerdings, welche Wortwahl die Macher des Aufrufs vorgenommen haben, sollte jeden Unterzeichner misstrauisch machen. Dort ist die Rede von "Massakern" und "Mord", die an den Palästinensern verübt werden. Jeder Hinweis auf den Terror, den Israelis zu erleiden haben, unterbleibt. So aber klingt Kritik leider doch sehr nach Hetze.   

Eine perfide Strategie ist es, aggressiven Antisemitismus in die Kritik von Israel und besonders der Besatzungspolitik zu verstecken. Dadurch vermischen sich berechtigte Kritik und pauschaler Judenhass zu einem undurchsichtigen Gebräu, bis sie kaum noch zu unterscheiden sind. Gegen diese rhetorische Praxis braucht es eine klare Abgrenzung. Eine Stellungnahme von Co-Kurator Rakun und auch von den anderen Mitgliedern des Documenta-Teams, wie sie zum Existenzrecht von Israel stehen, würde hier Klarheit schaffen, würde Propaganda wieder von Kritik, auch Hetze von Kunst unterscheidbar machen. Die ist bisher ausgeblieben.  

Eine Unterstellung: Der Kunstbetrieb sei "gegenaufklärerisch" 

Aber auch der Blog ist nicht frei von groben Vereinfachungen, die sich gefährlich in die Nähe von Denunziationen begeben. Beuys wird kurzerhand zu einem "Ideologen" mit "braunen Touch" erklärt – was so vage wie falsch ist. Die Taktik hier wie auch sonst im Text: Wenn irgendjemand behauptet, etwas sei rechts, dann muss er recht haben. Argumente braucht es dann nicht, eine Fußnote auf Texte, die braune Verwicklungen behaupten, genügt dem Blog, um den Anschein von Wissenschaftlichkeit zu generieren. Fußnoten können aber auch nur heißen, auch jemand anderes hat Unsinn gesagt.
Noch pauschalisierender die Einordnungen der Documenta: Die steht für den Blogautor nur pars pro toto, überall sieht er "gegenaufklärerische Tendenzen, wie sie spätestens im links-identitär und postmodern gewendeten Kunstbetrieb seit Längerem regelmäßig auftauchen".  Die Belege, die der Blogger dafür bringt, entstammen allesamt kleineren aktionistischen Publikationen, sind also keineswegs allgemein anerkannt. Um es deutlich zu sagen: Die Behauptung, es gäbe einen großen Konsens, der Kunstbetrieb sei per se gegen Israel, ist einfach nur Blödsinn. 

Fatale Kommunikationsfehler

Statt zügig auf den Antisemitismus-Verdacht zu reagieren, verhielt sich Ruangrupa anfangs seltsam verhalten: Statt sich klar zu positionieren, kündigte man ein Symposion in Kassel an, das unter anderem auch Antisemitismus zum Gegenstand haben sollte. Ab dem 8. Mai sollte in drei Veranstaltungen unter dem Titel "We need to talk! Art – Freedom – Solidarity" über "das Grundrecht der Kunstfreiheit angesichts von steigendem Rassismus und Antisemitismus und zunehmender Islamophobie" debattiert werden. Nach Kritik an der Zusammensetzung der Veranstaltung, darunter auch vom Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, wurde die Veranstaltung kurzfristig abgesagt. Genauer: ausgsetzt und auf unbestimmte Zeit vertagt. "Die documenta wird zunächst die Ausstellung beginnen und für sich sprechen lassen, um die Diskussion dann auf dieser Basis sachgerecht fortzusetzen", heißt es auf der Webseite. Jetzt hat sich Ruangrupa sowie einige der zum Symposion Eingeladenen mit einem offenen Brief in der Berliner Zeitung und dem Branchendienst e-flux zu Wort gemeldet: "Im Rahmen der documenta fifteen wurden zu keinem Zeitpunkt antisemitische Äußerungen gemacht. Wir treten diesen Anschuldigungen entschieden entgegen und kritisieren den Versuch, Künstler*innen zu delegitimieren und sie auf Basis ihrer Herkunft und ihren vermuteten politischen Einstellungen präventiv zu zensieren. Es war auch nicht geplant, Veranstaltungen der palästinensischen BDS-Bewegung abzuhalten."

Das klingt eindeutig. Aber beim Weiterlesen verwischt sich dieser Eindruck: "Um als antisemitisch bezeichnet zu werden, muss man demnach BDS weder unterstützen noch verteidigen. Es reicht, dass man sich gegen einen pauschalen Ausschluss aller BDS-Befürworter*innen ausspricht." Das mag für den Kassler Blogautor stimmen – aber wirklich auch für die gesamte Debatte?

Kritik an Documenta-Künstler*innen als rassistisch gebrandmarkt

Offenbar sieht sich Ruangrupa als Opfer eines ungerechtfertigten Shitstorms: "Die Existenz der vom 'Bündnis gegen Antisemitismus Kassel' vorgebrachten Vorwürfe, deren Quellenmaterial im Wesentlichen aus amateurhafter Internet-Recherche besteht, ist sicherlich beklagenswert. Dass die kolportierten Vorwürfe es aber in die deutschen Qualitätsmedien geschafft haben, ist ein Skandal." Interessant: Während eine Verlinkung für die Unterstützerstimmen des Documenta-Teams erfolgt, unterbleibt sie hier. Welche Qualitätsmedien gemeint sind, bleibt also offen. Deswegen klingt diese Behauptung nach pauschalisierender Medienkritik. Ein offene Debatte um die Vorwürfe sieht anders aus. Und auch sonst bleibt der offene Brief seltsam unscharf. So in seiner Kritik der Resolution des Bundestags, keine staatlichen Gelder mehr zu zahlen für Künstler*innen und Projekte, die zum Boykott Israels aufrufen. Das Kollektiv hält diese Resolution offenbar für falsch bzw. für überholt: die Resolution entstamme der "letzten Legislaturperiode" und "zahlreiche Gerichte hätten inzwischen festgestellt haben, dass ihre praktische Umsetzung nicht verfassungskonform ist."

Tatsächlich ist aber die Klage von BDS-Unterstützern gegen den Bundestags abgewiesen worden. Und dann wird der große Knüppel Rassismus herausgeholt: "Der Vorwurf der 'BDS-Nähe', aus dem wiederum der Vorwurf des 'Israel-bezogenen Antisemitismus' abgeleitet wird, trifft vor allem Menschen aus dem Globalen Süden und insbesondere aus dem Nahen Osten und führt zu Ausschlüssen und Ausladungen." Hier wird eine schrankenlose Offenheit für Positionen eingefordert, die bedeutet, dass sie nicht kritisiert werden dürfen. Das hat mit echter Offenheit nichts zu tun, dass stellt Äußerungen aus dem "Globalen Süden" quasi unter Artenschutz.

Nicht alles ist Kunstfreiheit 

Wenig hilfreich ist es deshalb, sich hinter dem Begriff Kunstfreiheit zurückzuziehen, wie es die Kunstzeitschriften Art und Monopol getan haben. Ausstellungen sind nicht dazu da, antiisraelische Propaganda zu unterstützen. Claudia Roth wollte sich zur Klärung mit den Documenta-Machern treffen. Und auch wenn die Bundestags-Resoulution keinen Gesetzesrang hat, sollte Roth als Kulturstaatsministerin prüfen lassen, wie die Israelkritik auf der Documenta im Einzelnen aussieht. Insofern tat sie gut daran, das Gespräch mit den Kasslern zu suchen – schließlich finanziert auch die Bundeskulturstiftung die Documenta. Gleiches gilt für Hessen und die Stadt Kassel, die Hauptgeldgeber der Ausstellung. Denn mit staatlichen deutschen Geldern darf keine anti-israelische Hetze unterstützt werden. Aber ein echter Lernprozess scheint bei Ruangrupa nicht eingesetzt zu haben - sie reagieren auf Kritik mit dem Vorwurf eines Rassismus. "Die Absage der Gesprächsreihe macht deutlich, dass hier offenkundig eine neue Vertrauensbasis nötig ist", ordnete Claudia Roth die Absage des Symposiums ein und machte klar: "Antisemitismus darf keinen Platz haben in unserer Gesellschaft, nirgendwo, auch nicht auf der Documenta." Der jetzt veröffentliche offene Brief lässt daran Zweifel aufkommen.

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