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Edelgas kann Krebs auslösen Radon – die Gefahr aus dem Boden

Gleich nach Rauchen gilt Radon in Innenräumen als eine der gefährlichsten Ursachen für Lungenkrebs. Knapp 2.000 Menschen sterben jedes Jahr daran. Doch vielen ist das Risiko nicht bewusst. Was ist Radon, und wie kann man sich davor schützen? 

Von: Susanne Wimmer

Stand: 24.11.2020

Radon ist ein radioaktives Edelgas. Es entsteht beim Zerfall von Uran und breitet sich in der Bodenluft aus. Über Ritzen und undichte Stellen kann es aus dem Untergrund entweichen und in Häuser gelangen.

Radon kann durch undichte Stellen ins Haus gelangen

Wie in das Haus von Aline Hense. Die Münchnerin hatte im Radio davon gehört und sich – eigentlich nur aus Interesse – ein Messgerät gekauft. Doch dann der Schock: Im Keller ergab die Messung einen Radonwert von knapp 6.000 Becquerel pro Kubikmeter Luft – 20-mal mehr, als es gesundheitlich noch tolerierbar wäre.

"Ich war völlig überrascht. Ich hatte ja ursprünglich das Gerät angeschafft, um auszuschließen, dass ich dieses Problem habe. Und dann hatte ich nicht nur dieses Problem, sondern auch gleich in extremer Höhe."

Aline Hense, Betroffene aus München

Aline Hense beauftragte einen zertifizierten Radon-Sanierer. Der suchte zunächst nach den hauptsächlichen Eintrittspfaden für das schädliche Gas. Das können Kabel-Einführungen, Wasser- oder Stromleitungen sein, aber auch undichte Bodenplatten. In Henses Keller zeigte das Messgerät rund um ein Glasfaserkabel hohe Werte an. An solchen Stellen mit hohen Konzentrationen richtet der Fachmann dann immer die Sanierung aus.

Wo kommt Radon vor?

Die Radon-Konzentration ist in Deutschland ungleich verteilt. In der norddeutschen Tiefebene ist sie meist niedrig. In den meisten Mittelgebirgen, im Alpenvorland und in Gegenden mit Gesteinsmoränen der letzten Eiszeit eher höher. Für eine grobe Orientierung stellt das Bundesamt für Strahlenschutz Karten bereit.

Allerdings sind Aussagen zu Einzelgebäuden oder Baugrundstücken daraus nicht abzuleiten. Denn schon das Nachbargrundstück kann ganz andere Werte aufweisen. Wichtig ist daher immer, selbst und über einen längeren Zeitraum zu messen.

Liste von anerkannten Messstellen:

"Die eine" wirkungsvolle Maßnahme gibt es nicht

Reinhold Uhlig setzt sich seit Jahren für Radon-Schutz in Gebäuden ein. Der Professor für Baukonstruktionslehre aus Dresden bildet nicht nur Radon-Fachpersonen aus. Er ist auch Mitglied im DIN-Normen-Ausschuss "Radongeschütztes Bauen". Was viele sich wünschen, nämlich "die eine" sichere Maßnahme, gibt es bislang nicht.

"Die tatsächliche Auswahl der Lösung hängt sehr stark davon ab, wie hoch die Radon-Konzentration ist. Sehr häufig wird gerade bei Altbauten dann vorgeschlagen, dass man versucht, das Gebäude abzudichten wie einen Neubau. Das ist im Regelfall wenig zielführend, sehr teuer und bringt nicht den gewünschten Erfolg."

Prof. Dr.-Ing. Reinhold Uhlig, Radon-Experte

Aufwändige Maßnahmen wie Radon-Brunnen, Radon-Drainagen oder Radon-Sauger

In solchen Fällen helfen oft nur aufwändigere Maßnahmen wie Radon-Brunnen, Radon-Drainagen oder Radon-Sauger. Hierfür sollte man einen Spezialisten hinzuziehen, der individuell beraten und unterstützen kann. (Suchbegriffe sind "Radon-Fachperson", "Radon-Spezialist" oder "Radon-Sachverständiger".)

Bei Aline Hense entscheidet sich Fachmann Gerhard Binker für eine Radon-Absaugung: "Wir bohren den Estrich durch, durch die Dämmschicht und durch die Bodenplatten, und saugen dann die Bodenluft unter der Bodenplatte über ein Rohrsystem ab, was dort oben rübergeht in den Heizkeller und vom Heizkeller in die Turbine und von der Turbine dann raus ins Freie."

Rund 10.000 Euro kostet Aline Hense die Anlage. Ohne eine solche Maßnahme könnte sich das Radon theoretisch über das offene Treppenhaus nach oben ausbreiten. Momentan sind die Werte im Wohnbereich gering – doch das könnte sich während der Heizperiode ändern, wenn die Temperatur-Unterschiede zwischen Haus und Erdreich zunehmen und damit auch die Druckunterschiede steigen.

Was macht Radon so gefährlich?

Für Menschen ist nicht das Radon-Gas an sich so gefährlich – das wird fast komplett wieder ausgeatmet. Es sind die kurzlebigen Zerfallsprodukte Polonium, Wismut und Blei. Sie lagern sich auf dem Lungengewebe ab und schädigen beim radioaktiven Zerfall die DNA. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, später an Lungenkrebs zu erkranken.

Die Epidemiologin Michaela Kreuzer kennt das aus Bergarbeiter-Studien in der ehemaligen DDR. Seit den 90er-Jahren weiß man: Auch Gebäude können hohe Belastungen aufweisen.

"Die Innenraum-Studien haben ja gezeigt: Je höher die Radon-Konzentration, umso höher ist das Risiko. Bei diesen Studien wurde aber tatsächlich die langjährige Radon-Konzentration betrachtet und wirklich der Durchschnitt über die letzten 20, 30 Jahre. Das heißt: Aus diesen Studien kann man jetzt nicht direkt ableiten, was die Dauer ausmacht. Aber wir wissen aus den Bergarbeiter-Studien: Die Höhe spielt eine Rolle, und die Dauer spielt eine Rolle."

PD Dr. Michaela Kreuzer, Bundesamt für Strahlenschutz

Das ist ab Januar 2021 neu

Das neue Strahlenschutzgesetz gibt nun einen Referenzwert für Radon in Höhe von 300 Becquerel pro Kubikmeter Luft vor. Wer ab dem kommenden Jahr in Regionen mit hoher Radonbelastung – so genannten Radonvorsorgegebieten – baut, muss zusätzliche Schutz-Maßnahmen umsetzen, etwa wasserundurchlässigen Beton verwenden. Für Arbeitgeber gilt in solchen Gebieten künftig eine Messpflicht.

Welche Regionen konkret betroffen sind, müssen die Bundesländer noch bis Ende des Jahres bekanntgeben. Alles Wissenswerte über das Messen in Wohnräumen und an Arbeitsplätzen findet man auf den Seiten des Bayerischen Landesamtes für Umwelt.

Die unsichtbare Gefahr

Dort, wo in Lauf an der Pegnitz gerade ein Neubau entsteht, stand bis vor Kurzem Frank Troches Elternhaus. Vor ein paar Jahren ist sein Vater völlig überraschend an Lungenkrebs erkrankt und wenig später gestorben.

"Ich wollte hier mit meiner Familie dann ins Elternhaus einziehen. Wir hatten auch schon alles vorbereitet. Dann machte mich ein befreundeter Arzt darauf aufmerksam und sagte: Hast du schon mal überlegt, ob ihr in dem Haus ein Radon-Problem haben könntet?"

Frank Troche, Betroffener aus Lauf an der Pegnitz

Abriss und radonsicherer Neubau

Troche ließ den Radonwert messen. Das Ergebnis: mehr als 3.000 Becquerel. Lange überlegte die Familie, doch die Experten rieten zum Abriss. Nun baut Troche radonsicher: Er verwendet Rohre mit zusätzlichen Dichtungskrägen und Fugendichtbänder, an denen aufbetoniert wird.

Mittlerweile ist auch bei Aline Hense die Absaug-Anlage provisorisch installiert, die Turbine angeschlossen. Fürs Erste führt noch ein Schlauch von dort über das Kellerfenster ins Freie. Damit die Anlage nicht zu laut ist, ist sogar ein Schalldämpfer eingebaut.

"Für mich macht das einen sehr überzeugenden Eindruck, und ich gehe eigentlich davon aus, dass die Radonwerte entsprechend minimiert werden."

Aline Hense, Betroffene aus München

Vier Wochen später hat Aline Hense Gewissheit: Die Radonwerte in ihrem Keller liegen deutlich unter 300 Becquerel.


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