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Hoch-Brisant Sepp Innerkofler und der Paternkofel

100 Jahre Gebirgskrieg in den Dolomiten – an der alten Grenze zwischen Südtirol und Italien begegnet einem dieses Memento mori in diesen Sommer überall. In unserer Rucksackradio-Serie „Wandern zu alpinen Schauplätzen des Ersten Weltkriegs“ geht es heute auf den 2744 Meter hohen Paternkofel, einen der besten Aussichtspunkte in den Sextener Dolomiten.

Von: Sebastian Nachbar

Stand: 01.08.2015

Am Paternkofel auf den Spuren von Sepp Innerkofler | Bild: BR; Sebastian Nachbar

Schließlich steht der Paternkofel direkt neben einer der berühmtesten Berggestalt weltweit: den Drei Zinnen. Weil er so ein guter Aussichtspunkt war, wollten vor 100 Jahren beide Kriegsparteien den Paternkofel besetzen. Die Österreicher opferten dafür sogar das Leben von einem legendären Bergführer der damaligen Zeit: Sepp Innerkofler. Ihm begegnet man auf dem Paternkofel noch heute.

Auf dem flachen Gipfelplateau des Paternkofel

Wer auf dem Paternkofel steht, der überblickt ringsum alles: Wie sich die Wanderer auf Südtiroler Seite zur Brotzeitpause an die Dreizinnenhütte setzen, wie die Spaziergänger auf italienischer Seite ihre Kinderwagen zur Lavaredohütte schieben und wie die Klettersteiggeher am Toblinger Knoten ankommen. Nicht zu vergessen all die Gipfel ringsum: Dreischusterspitze, schrägt dahinter die die Tauern mit dem Großglockner, der Zwölferkofel in direkter Nachbarschaft und im Südwesten der eigentliche Unique Selling Point: der beste Blick auf die Nordwände der Drei Zinnen. Wie aufgestellte Bügeleisen stehen sie im Geröll und werfen drei scharfe Schatten nach Norden hin.

Am Gipfel des Paternkofel steht ein großes Kreuz, an dem eine Gedenktafel für Sepp Innerkofler hängt, den berühmten Bergführer und Gastwirt aus Sexten. Wer sich mit dem Gebirgskrieg beschäftigt, stößt unweigerlich auf seinen Namen - und auf den fürchterlichen Krieg, der vor 100 Jahren hier tobte.

Gedenktafel für Sepp Innerkofler direkt am Gipfelkreuz

1915 ist Sepp Innerkofler schon 50 Jahre alt, als er sich zum Dienst in Sillian meldet. In einer Art fliegenden Patrouille taucht Innerkofler auf allen höchsten Gipfeln der Zinnen-Front auf und täuscht den Italienern so deren Besetzung vor, bis zum 4. Juli 1915. An diesem Tag führt Innerkofler eine kleine Patrouille an und soll den Gipfel des Paternkofel besetzen, auf dem jedoch schon die Italiener sitzen. Als sich Innerkofler mit seinen Männern nähert, werfen die Italiener Steine und eröffnen das Feuer. Innerkofler fällt. Wie genau, darüber gibt es mehrere Versionen. Die der Österreicher lautet, Innerkofler wäre von einer Kugel im Kopf getroffen worden. Die italienischen Alpini behaupteten, ein Stein hätte Innerkofler tödlich verletzt. Besonders tragisch: Der Steinewerfer Piero de Luca soll von Innerkofler kurz zuvor noch von einer Kletterei an der Großen Zinne gerettet worden sein.

Immer wieder tauchen Löcher im Fels auf

Wie dem auch sei - die Italiener begraben Sepp Innerkofler auf dem Gipfel des Paternkofel. Der Klettersteig auf den Paternkofel trägt heute den Namen beider Beteiligter: De Luca-Innerkofler-Klettersteig. Wer ihn beghet, für den heißt es: „Licht an und ab in den Tunnel“, und zwar am Einstieg zu den Stollen, die die Soldaten hier in den Fels getrieben haben. Moder fährt in die Nase, Wasser tropft von der Decke, die Dunkelheit schnürt einem den Hals zu. Eine Treppe führt steil nach oben durch die Finsternis. Es ist ein schier endloses und anstrengendes Gestapfe über nasse Holzbohlen. Man kann zwar überall hinausgucken, aber hinaus kommt man nicht. Irgendwann endet der Tunnel dann doch und gibt den Blick frei auf den weiteren Verlauf der Ferrata: eine Schlucht, die hinaufzieht bis zum Gamsscharte unterhalb des Gipfelaufbaus und leichtes Klettern an Drahtseilen bietet. Rostiger Stacheldraht ragt schmutzig aus den Schneeresten und mahnt einen zum Gedenken an den Weltkrieg.

In der Gamsscharte glotzen einen viereckige Löcher im Fels an. Es sind alte Unterstände aus dem Krieg. Hier wartet nun die steilste Stelle des De Luca-Innerkofler-Klettersteigs: eine Querung am Fels, ein Pfeil weist nach rechts, senkrecht schießt das Drahtseil nach oben über polierte Felsnasen. Nur ein paar Meter, dann wird es wieder flacher, Gehgelände bis zum Gipfel und zum Gipfelkreuz mit der Innerkofler-Gedenktafel. Irgendwo hier muss der Kampf um den Paternkofel passiert sein, damals vor 100 Jahren. Der einzige Kampf heute ist der gegen die Schwerkraft. Das reicht.

Kleine Zinne links, Große Zinne in der Mitte und rechts die Westliche Zinne

Sepp Innerkofler und der Paternkofel sind untrennbar miteinander verbunden. Dem legendären Kletterer, Bergführer, Tourismuspionier und Kriegshelden wider Willen widmet sich auch ein neuerschienenes Buch zu seinem 100.Todestag. Die Autoren Hans Heiss und Rudolf Holzer räumen auf mit den nationalistischen Mythen um Sepp Innerkofler und skizzieren gleichzeitig auch die Entwicklung des Fremdenverkehrs in den Sextener Dolomiten bis zum Ersten Weltkrieg. Das Buch „Sepp Innerkofler – Bergsteiger, Tourismuspionier, Held“ ist im Folio Verlag Bozen erschienen und kostet knapp 20 Euro.

Karte: Paternkofel

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Karte: Paternkofel


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