Kultur - Literatur


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Michael Mann Begabter Geiger und Germanist

Das jüngste Kind der Manns zerbricht wie einige seiner Geschwister am Über-Vater. In Thomas Manns Tagebüchern erfährt Michael später, dass seine Abtreibung erwogen wurde. Als Geiger wird ihm großes Talent attestiert.

Stand: 17.11.2011 | Archiv

Illustration: Die Kinder der Manns / Michael Mann | Bild: BR, Monacensia, Montage: BR/Tanja Begovic

Michael ist neben seiner Schwester Monika sicher das unbekannteste Kind Thomas Manns - und es gibt kaum eines, zu dem die Urteile derart differieren: Von "großer Persönlichkeit" und "hoch begabt" über "jähzornig" und "überspannt" bis "ruchlos" und "selbstzerstörerisch" ist eine breite Palette von Zeitzeugen-Aussagen überliefert. Ob Michael Mann 1977 im Alter von 57 Jahren wirklich in selbstzerstörerischer Absicht starb, wurde nie zweifelsfrei geklärt. Fest steht, dass ihn die Lektüre der 1975 frei gegebenen Tagebücher seines Vaters in eine tiefe Krise gestürzt hatte. Der Sohn erfuhr darin, dass er ungewollt gezeugt und seine Abtreibung von seinen Eltern erwogen wurde.

"Der Sache ihren Lauf lassen"

Michael Thomas Mann wird am 21. April 1919 als sechstes und letztes Kind geboren. Die Eltern hatten zuvor wegen Katias labiler Gesundheit während der Kriegsjahre einen Abbruch der Schwangerschaft erwogen, aber man entschied sich dann doch für das Kind oder, wie es Thomas Mann in seinen Tagebüchern umschrieb, "der Sache ihren Lauf zu lassen". Der ohnehin grundsätzlich distanzierte Schriftsteller reagiert auf das sechste Kind noch zurückhaltender als auf das dritte und vierte. Er habe gegen die Geburt nichts einzuwenden, "als daß das Erlebnis 'Lisa' (Elisabeth, Anm. d. Red.) ... dadurch beeinträchtigt, verkleinert wird", notiert er. Und etwa ein Jahr später: "Stelle immer wieder Fremdheit, Kälte, ja Abneigung gegen unseren Jüngsten fest."

Zwillingshafte Ähnlichkeit: "Medi" und "Bibi"

Fast folgerichtig porträtiert er das Kleinkind auf wenig schmeichelhafte Weise in der Novelle "Unordnung und frühes Leid", einem literarischen Abbild der eigenen Familie. Michael Mann erhält darin den Namen "Beißer" und ein "reizbares Nervensystem". Er liest die 1926 erschienene Erzählung, die der ebenfalls negativ gezeichnete Klaus Mann ein "Novellenverbrechen" nannte, als Elfjähriger und ist "verdrossen über das Porträt des Beißers, in dem ich mich erkannte, das ich aber nicht ähnlich fand."

Als Geiger "entschieden begabt"

Trotz der Bevorzugung Elisabeths durch den Vater ist Michael Mann eng mit seiner jüngsten Schwester verbunden. Kinderfotos zeigen "Medi" und "Bibi" - wie die beiden genannt werden - mit ihren Pagenkopf-Frisuren in fast zwillingshafter Ähnlichkeit. Die ausgeprägte Musikalität in der Mann-Familie erfasst früh auch Michael - und zwar in einer Intensität, dass er später daraus einen Beruf machen wird.

Rudolf Serkin (1903-1991, rechts)

Zunächst erhält er in München Violinunterricht. Im Exil ab 1933 setzt er seine Ausbildung zum Geiger am Züricher Konservatorium fort. Er bekommt dort die Beurteilung "entschieden begabt". Das beeindruckt auch den Vater: Er spendiert ihm private Unterrichtsstunden beim weltberühmten Pianisten Rudolf Serkin, wo er zusammen mit seiner Schwester Elisabeth Klavier- und Violinsonaten von Mozart und Beethoven einstudiert.


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