Bayern 2 - radioWissen


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Gezähmte Gewalt

Von: Simon Demmelhuber / Sendung: Klaus Uhrig

Stand: 08.07.2019 | Archiv

GeschichteHS/MS RS Gy

Raufbold und Tugendheld, Minneschwärmer und Bauernschlächter - wie geht das zusammen? Erst einmal gar nicht. Doch dann nimmt die Kirche die Ritterschaft ins Gebet und der Hof besorgt den kulturellen Feinschliff.

"Ritter, was ist das?" Der kleine Parzival hat keine Ahnung, was ihm da im Wald begegnet: Vier Reiter, von Kopf bis Fuß gewappnet, prächtig gekleidet und von himmlischem Glanz umstrahlt. Aufgeklärt über Natur und Bewandtnis der "gottgleichen" Erscheinung, kennt der Knabe nur noch einen Wunsch: Er will selbst Ritter werden und sich am Artushof die Sporen verdienen.

Die Utopie - Rittertum und menschliche Vollkommenheit

Wolfram von Eschenbach, der Dichter des um 1200 entstandenen Parzivalromans, schickt seinen Helden auf eine steinige Strecke voller Irrungen, Verstrickungen, Blutschuld, Gotteszweifel, Verdüsterung, Kampf und Ringen um den rechten Weg. Die Lehrzeit ist lang, hart und dornenreich. Denn Parzival muss nicht nur das Ritterhandwerk und die höfische Sitte meistern, sondern auch sich selbst. Vor allem muss er seinen Frieden finden, den mit der Welt und zuallererst den mit Gott. Am Ende gelingt ihm beides. Als Gralskönig vereint er beide Pole der ritterlichen Existenz: irdische Vollkommenheit und himmlische Gnade.

Die Realität - Das Rittertum als Kriegerelite der Feudalgesellschaft

Das ist die eine Seite des Rittertums: die der literarischen Überhöhung des 13. Jahrhunderts, das Idealbild einer höfisch-ritterlichen Kultur und ihrer Tugendforderungen, die eins gewiss nicht war: gelebte Wirklichkeit. Denn die Realität des Rittertums sah anders aus. Sie kam handfester daher, blutiger, martialischer, weniger tugendhaft und ohne happy end. Auf dieser Seite der Medaille präsentiert sich das Rittertum als realgeschichtliches, dem Ursprung nach militärisches Phänomen, das sich von einer berittenen und gepanzerten Heeresabteilung zu einer elitären Schicht meist adliger Reiterkrieger und schließlich zum adligen Geburtsstand entwickelte, der dann im 15. und 16. Jahrhundert seine Bedeutung vollständig verlor.

Der Masterplan - Das Rittertum und die Zähmung der Gewalt

Beide Seiten des Rittertums sind untrennbar miteinander verwoben, beide sind ebenso untrennbar mit der Dynamik des jeweiligen politisch-gesellschaftlichen Systems und Umbrüche verbunden. Ein Leitaspekt beider Welten, ein gemeinsames Feld, auf dem sich literarische Fiktion und geschichtliche Situation überschneiden, lässt sich darüber hinaus mit den Stichwörtern Bändigung, Domestizierung und Zähmung umreißen. In der realen Welt erfolgt die Zähmung des Rittertums durch äußeren Druck. Um das immense Gewaltpotenzial der bis an die Zähne bewaffneten, kampferprobten und streitlustigen Ritterschaft in den Griff zu bekommen, mussten Staat und Kirche wirksame Kontrollmechanismen schaffen. Die Literatur verlagert diesen Domestizierungsprozess ins Innere der ritterlich-höfischen Gesellschaft und des ritterlichen Helden. Die Ritter der Dichtung kämpfen vor allem gegen sich selbst und folgen dabei einem Tugendkanon, der die vollständige Kontrolle über ungezügelte Emotionen, zerstörerische Affekte und sexuelle Gelüste zum höfischen Ideal erhebt.

Der Zwiespalt - Das Rittertum zwischen Ideal und Wirklichkeit

Doch egal, wie man es dreht und wendet, welche Seite man auch immer noch oben kehrt, eine Frage bleibt: "Ritter, was ist das?" Genau dieser Frage gehen wir nach.


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