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Das Thema Progressive Universalpoesie

Stand: 06.06.2013 | Archiv

Ausschnitt aus dem Gemälde "Nebelschwaden" des Malers Caspar David Friedrich | Bild: picture-alliance/dpa

Im berühmten 116ten Athenaeumsfragment entwickelt Friedrich Schlegel den für Novalis und die gesamte Frühromantik entscheidenden Leitgedanken der "Progressiven Universalpoesie". Mit diesem immens folgenreichen Ansatz überwindet er die Vorstellung eines nach Zweck, Stil und Form gegliederten Gattungskanons, wie ihn die ältere Literaturtheorie und auch die Klassik ausgebildet haben. Die Universalpoesie hebt diese künstliche Unterteilung auf und verschmilzt alle Lebens- und Kunstbereiche, alle wissenschaftlichen und künstlerischen Tätigkeiten, alle Äußerungen des Denken und Fühlens im Rahmen eines umfassenden gattungsvermischenden Literaturverständnisses.

"Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehrere Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosem Gesang."

Friedrich Schlegel, 116tes Athenaeumsfragment

Ein wesentliches Kennzeichen des universalpoetischen Textes ist zudem seine potenzielle Unendlichkeit. Er ist weder theoretisch definierbar noch abschließbar, sondern stets im Werden begriffen. Als Produkt der vollkommenen Freiheit des Dichters ist er eine fortwährende Annäherung an die Welt und damit die eigentliche, wahre Dichtkunst der Zukunft.

"Nur die romantische Dichtkunst kann ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein Bild des Zeitalters werden. [...] Andre Dichtarten sind fertig und können nun vollständig zergliedert werden. Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. Sie kann durch keine Theorie erschöpft werden [...]. Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als Art und gleichsam die Dichtkunst selber ist: denn in einem gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein."

Friedrich Schlegel, 116tes Athenaeumsfragment


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