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Das Thema Der geheimnisvolle Weg

Stand: 06.06.2013 | Archiv

Das romantische (Künstler-)Ich ist die Instanz der Verschmelzung von Natur und Geist. Um die integrativen Möglichkeiten dieses Ich auszuschöpfen und die Welt zu romantisieren, muss der Mensch sich selbst erforschen, den Gang in die eigene, innere Tiefe antreten. Weil Geist und Natur in einem gemeinsamen Absoluten gründen, führt die Erkenntnis des Selbst auf diesem Weg auch zur wahren Erkenntnis der Natur: "Wir werden die Welt verstehen, wenn wir uns selber verstehn, weil wir und sie integrante Hälften sind". (Novalis, Fragmente und Studien 1797-1798, 41). Ähnlich heißt es an anderer Stelle:

"Das wunderbarste, das ewige Phänomen, ist das eigene Dasein. Das größeste Geheimnis ist der Mensch sich selbst […]. Die höchste Aufgabe der Bildung ist, sich seines transzendentalen Selbst zu bemächtigen, das Ich seines Ich's zugleich zu sein. Um so weniger befremdlich ist der Mangel an vollständigem Sinn und Verstand für Andre. Ohne vollendetes Selbstverständnis wird man nie andere wahrhaft verstehn lernen."

Novalis, Fragmente und Studien 1797

Der Weg geht nach Innen

Für Novalis wird die Reise in die eigenen Tiefen des Gemüts, in das eigene innere Bergwerk mit seinen verborgenen Geheimnissen, Schätzen Gefährdungen zum universalen romantischen Projekt schlechthin. Hier, im eigenen Inneren findet er den gesamten Kosmos wieder.

"Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. - Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint es uns freilich innerlich so dunkel, einsam, gestaltlos, aber wie ganz anders wird es uns dünken, wenn diese Verfinsterung vorbei, und der Schattenkörper hinweggerückt ist. Wir werden mehr genießen als je, denn unser Geist hat entbehrt."

Novalis

Dass er dabei vollständig ungebahnte, bislang nicht betretene Wege geht, dass er als Novalis - als Neulandrodender - also buchstäblich Pionierarbeit leistet, ist ihm durchaus bewusst.

"Sonderbar, daß das Innre der Menschen bisher nur so dürftig betrachtet und so geistlos behandelt worden ist. Die sogenannte Psychologie gehört auch zu den Larven, die die Stellen im Heiligtum eingenommen haben, wo echte Götterbilder stehn sollten. Wie wenig hat man noch die Physik für das Gemüt, und das Gemüt für die Außenwelt benutzt. Verstand, Phantasie, Vernunft, das sind die dürftigen Fachwerke des Universums in uns. Von ihren wunderbaren Vermischungen, Gestaltungen, Übergängen kein Wort. Keinem fiel es ein, noch neue, ungenannte Kräfte aufzusuchen, - ihren geselligen Verhältnissen nachzuspüren. Wer weiß, welche wunderbare Vereinigungen, welche wunderbare Generationen uns noch im Innern bevorstehn."

Novalis

Novalis treibt das Projekt der Eroberung des Inneren Kontinents in seiner Lyrik, in seinen theoretischen Erwägungen, aber vor allem in den beiden Romanfragmenten "Die Lehrlinge zu Sais" und "Heinrich von Ofterdingen" konsequent voran. In beiden Texten versucht er erstmals, die innere Welt in ihrer Gesamtheit auszuloten und literarisch fruchtbar zu machen. Dabei stehen sich Mensch und Welt, Natur und Geist, Innen- und Außenraum nicht geschieden gegenüber. Im Gemüt, das heißt in der Innenwelt des Dichters / des Helden durchdringen sie sich gegenseitig. Indem der wahrnehmende, fühlende, denkende Mensch die Außenwelt in sein Inneres zieht und sich als Teil dieser Welt wahrnimmt, kann er sie beleben und gestalten. Dieses "Beleben" der Welt ist zunächst ein subjektiver Transfer: Der romantische Mensch, im Idealfall der romantische Dichter, trägt die Gesamtheit seines Seins - sein lebendiges Fühlen wie auch sein Denken - in die Dinge hinein und dockt damit sozusagen am Weltgeist an. Das Beleben der Natur besteht also in erster Linie darin, sie als belebt und identisch mit dem eigenen Selbst zu erkennen. Anschließend steht es dem frei, die Elemente dieser belebten Natur in seiner eigenen Kunstschöpfung neu zu kombinieren und eine eigene Welt zu schaffen. In dieser Tätigkeit ist die Trennung zwischen erkennendem Subjekt und dem erkanntem Objekt aufgehoben.

"Die Welt hat eine ursprüngliche Fähigkeit, durch mich belebt zu werden […] Sie ist überhaupt a priori von mir belebt - Eins mit mir. Ich habe eine ursprüngliche Tendenz und Fähigkeit, die Welt zu beleben. […] Meine geistige Wirksamkeit, meine Realisation von Ideen, wird also keine Dekomposition und Umschaffung der Welt - wenigstens nicht, insofern ich Mitglied dieser bestimmten Welt bin - sein können, sondern es wird nur eine Variations-Operation sein können. Ich werde unbeschadet der Welt und ihrer Gesetze, mittelst derselben, sie für mich ordnen, einrichten und bilden können. Diese höhere Bildung streitet mit der mindern nicht, sie geht, unbeschadet dieser, ihren Weg und benutzt die Welt, die eben deshalb Welt ist, weil sie sich nicht vollständig und total bestimmt - und also noch mannigfach anderwärts her bestimmbar bleibt - welches bei einem vollkommnen, vernünftigen Individuo nicht der Fall ist - zu beliebigen Zwecken."

Novalis


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