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Das Thema Das romantische Fragment

Stand: 11.02.2015 | Archiv

Der Begriff des Fragmentarischen nimmt in der Entwicklung des frühromantischen Denkens und Schreibens eine hervorragende Rolle ein. Und wiederum ist es Friedrich Schlegel, der die entscheidenden Impulse setzt. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Idee des Bruchstückhaften und des Unvollendeten als Zeichen und zugleich Werkzeug einer unendlichen Annäherung an das Absolute: "Die romantische Dichtung ist noch im Werden; ja, das ist ihr eigentliches Wesen, dass ewig nur werden, nie vollendet sein kann." Vor dem Hintergrund dieser postulierten Unendlichkeit ist jeder romantische Text, wie lang oder kurz, wie komplex oder einfach auch immer, vor vorneherein als fragmentarisch zu begreifen: Was nicht ausgeschöpft, nicht vollendet, nicht abgeschlossen kann, bleibt per se Fragment.

Darüber hinaus erhebt die Frühromantik das Fragment zur bevorzugten Denk- und Aussageform für kritische, philosophische, poetologische oder politische Äußerungen schlechthin. Eine abgeschlossene, griffige und verbindliche Theorie des Fragments wird man jedoch vergeblich suchen. Sie lässt sich allenfalls aus der Praxis und aus verstreuten, ihrerseits selbst fragmentarischen, funktionalen Aussagen erschließen. So bezeichnet etwa Friedrich Schlegel das Fragment als Mittel gegen geistige Fäulnis, als gedankliche Hefe (fermenta cognitionis), oder als Randglossen zu dem Text des Zeitalters", die ein ins Stocken geratenes Denken zum Gären bringen. Eine weitere sehr bekannte Definition gibt er im 206ten Athenaeums-Fragment: "Ein Fragment muss gleich einem kleinen Kunstwerke von der umgebenden Welt ganz abgesondert und in sich selbst vollendet sein wie ein Igel. Das Bild des Igels ist bewusst gewählt: Er steht für eine scharf konturierte, nach außen abgeschlossene Gedankeneinheit, die ihre kritischen Stacheln gegen die Außenwelt kehrt und zu eigenem Denken anstachelt. Novalis wiederum spricht von "literarischen Sämereien" und "Texten zum Denken", während der romantische Theologe Schleiermachen das Bild "kritischer Späne" bemüht, die das Feuer eigenen Denkens entfachen.

Zuletzt eignet sich das Fragment aufgrund seiner Pointiertheit, Kürze und Beweglichkeit vorzüglich dazu, die Vielstimmigkeit einer komplexen und oft auch widersprüchlichen Wirklichkeit immer wieder neu zu umkreisen und neu zu betrachten. Da für den romantischen Geist alles mit allem zusammenhängt, da jedes Teil zugleich ein Bruchstück "eines durchaus eigentümlichen Ganzen ist", repräsentiert das Fragment auch das Unendliche (den Weltgeist) im Endlichen (Form). Als kurze, knappe Aussage ist es zwar nach außen scharf abgeschlossen, im Inneren jedoch ist es ein Miniaturbild des unendlichen Universums. Damit entspricht das Fragment auch dem von Schelling beschriebenen rhythmischen Spiel antagonistischer Geisteskräfte, wobei eine "unausgesetzt beschränkende, formgebende" Kraft in andauernde Wechselwirkung mit einer schrankenlos setzenden, stoffgebenden Kraft tritt. Im 297. Athenaeumsfragment nimmt Schlegel diesen Gedanken auf, wenn er über seine Vorstellung des Kunstwerks im Allgemeinen spricht: "Gebildet ist ein Werk, wenn es überall scharf begrenzt, innerhalb der Grenzen aber grenzenlos und unerschöpflich ist, wenn es sich selbst ganz treu, überall gleich, und doch über sich selbst erhaben ist."

In den Heften des Atheneaum entfalten vor allem Schlegel und Novalis ein wahres Feuerwerk von locker gereihten, nicht hierarchisch gegliederten Gedankenblitzen und Erkenntniskeimen. Dabei weitet Novalis den Gedanken im Sinne der Sym-Philosophie, des für die Frühromantik zu typischen gemeinsamen Philosophierens, aus. Er will mit seinen Fragmenten ganz bewusst unfertige "Anfangssätze" und "Denkstöße" liefern, die der Leser als erweiterter Autor fortspinnt. Gerade weil es unfertig ist, wird das Fragment wird zum Anstifter eines Dialogs zwischen Autor und Leser, die als gleichberechtigte Partner gegenseitig ihre Erkenntnisfähigkeiten fördern. Dieser "wechselseitige Galvanism des Autors und des Lesers" mit beiderseitiger "Motion" und "Agilität" trägt dazu bei, "die geistige Gicht" zu überwinden.

Letztlich ist das Fragment damit nicht nur eine literarische Form oder ein erkenntnistheoretisches Werkzeug, sondern ein Modell für die Eigenart des romantischen Diskurses: Sie stehen "für das freie Mit- und Nebeneinander eigenständiger und eigenwertiger Ideen - entgegen jenen, den Leser bevormundenden Lehrsätzen fertiger, erstarrter Systeme." (Gerda Heinrich). Schlegel selbst formuliert das so: Fragmente sind "ein bunter Haufen von Einfällen", verbunden durch "jenes freie und gleiche Beisammensein, worin sich auch die Bürger des vollkommenen Staates, nach der Versicherung der Weisen, dereinst befinden werden; jener unbedingt gesellige Geist, welcher nach Anmaßung der Vornehmen nur in dem gefunden wird, was man so seltsam und beinahe kindisch große Welt zu nennen pflegt."


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