Bayern 2 - radioWissen


11

Das Thema Das Märchen

Stand: 11.02.2015 | Archiv

Neben dem Roman gehört auch das Märchen, allerdings nicht die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, sondern das allegorische, symbolische Märchen zum festen Kanon romantischer Poesie. "Alles poetische muss mährchenhaft seyn" fordert Novalis. Diese Affinität ist zum einen in der Öffnung für das Phantastische, für den Traum und das Zeichenhafte begründet: Das Märchen setzt sowohl strukturell als auch inhaltlich die Kausalgesetze, die Grenzen und Bedingtheiten der 'realen Welt' außer Kraft. Es ermöglicht "Raumverschränkungen, Zeitverschiebungen, Aufhebung von Figurenidentitäten, Metamorphosen, Mensch-Tier-Kreuzungen, belebte Dingwelten, Sprachfähigkeit der nichtmenschlichen Natur" (Kremer). Zum anderen kommt das Märchen dem Sinn für Poesie und damit dem "Sinn für das Eigentümliche, Personelle, Unbekannte, Geheimnisvolle, zu Offenbarende, das Notwendigzufällige" zupass, wie Novalis schreibt. Dieser Sinn "stellt das Undarstellbare dar. Er sieht das Unsichtbare, fühlt das Unfühlbare etc." (Novalis, Fragmente und Studien 1799-1800).

Der symbolische Schlüssel zur gesamten Welt

Damit liegt im Märchen "der Schlüssel zur gesamten Welt." Es kann als "niederes" Märchen wie "ein Traumbild sein, ohne Zusammenhang, ein Ensemble wunderbarer Dinge und Begebenheiten, z. B. eine musikalische Phantasie, die harmonischen Folgen einer Äolsharfe, die Natur selbst." Es kann als "höheres" Märchen aber auch, wie etwa das Klingsohr-Märchen im Heinrich von Ofterdingen, als "allegorische Inszenierung einer romantischen Geschichtsphilosophie" (Kremer), einer mystischen Erkenntnis oder als zeichenhafte Verdichtung persönlichen Erfahrens fungieren. Diese Verdichtung zum "höheren" Märchen geschieht laut Novalis immer dann, "wenn, ohne den Geist des Märchens zu verscheuchen, irgend ein Verstand (Zusammenhang, Bedeutung etc.) hinein gebracht wird."

"In Novalis' Märchen sind die Figuren, Requisiten und Beziehungen stets stark allegorisch aufgeladen", resümiert der Germanist Detlef Kremer. "Die Symbolisierungen gehen jedoch nicht so weit, dass sie eindeutig aufzulösen wären. Ein unauflöslicher Rest an Hermetik und Rätselhaftigkeit ermöglicht hingegen eine Vagheit und Beziehungsfülle, die für romantische Symbolbildungen insgesamt charakteristisch sind und die ihre ästhetische Intensität ausmachen."

Bisweilen schließt die "hineingebrachte Bedeutung", also der im Märchen zeichenhaft verdichtete Wirklichkeitsbezug, tabuisierte, "anstößige" Themen ein. Das können politische Anspielungen, aber insbesondere auch erotische und explizit sexuelle bis hin zu inzestuösen Unterströmungen sein, wie sie bei Novalis häufig und insbesondere im bereits erwähnten Klingsohr-Märchen anzutreffen sind. In diesem Fall schützt die kalkulierte, märchenhafte Unschärfe der Aussage den Autor vor zensierenden Eingriffen oder dem moralischen Bannstrahl literarischer wie auch kirchlicher Sittenwächter.


11