Bayern 2 - radioWissen


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Von einem, dem auf Erden nicht zu helfen war

Von: Simon Demmelhuber / Sendung: Susi Weichselbaumer

Stand: 22.11.2011 | Archiv

Deutsch und LiteraturHS, RS, Gy

Goethe ließ ihn knallhart abblitzen, Thomas Mann liebte und verehrte ihn. Keine Frage: an Heinrich von Kleist scheiden sich die Geister. Und so, wie er schrieb, lebte er auch: Immer auf Kante, zwischen allen Stühlen, das Menschsein als Dauerexperiment.

Heinrich von Kleist - Das ewige Rätsel

War er schwul, ein Fall für die Psychiatrie, ein verkappter Spion? War er ein Genie, von dunklen Kräften aufgerieben, ein Zerrissener, der sich selbst nicht zu zähmen wusste? Oder ein verkannter Vorreiter der Moderne, dessen Zeit noch nicht gekommen war?

Heinrich von Kleist bleibt ein Rätsel. Ein Rätsel zuerst und vor allem für sich selbst. Unstet und getrieben, die meiste Zeit seines erwachsenen Lebens unterwegs, nirgendwo länger als zwei Jahre sesshaft, führte er ein rastloses Leben in extremen Umbrüchen und Sprüngen. "Ich passe nicht unter die Menschen", schrieb er der Schwester, und klagte der Verlobten "immer an einem Orte zu leben, an welchem ich nicht bin, und in einer Zeit, die vorbei, oder noch nicht da ist."

Ein Rätsel war er sicherlich auch für die Mitwelt, die ihn nur in unversöhnten Gegensätzen zu beschreiben wusste: scheu und arrogant, gesellig und düster, exaltiert und verzweifelt, bescheiden und maßlos zugleich.

Heinrich von Kleist - Der Maßlose

Vor allem maßlos. In einer Zeit, die das Maßvolle predigt, ist Kleist die Maßlosigkeit selbst. Maßlos sein Ehrgeiz, der ihn drängt, Goethe "den Lorbeerkranz von der Stirn zu reißen". Maßlos in der Verzweiflung, die ihn treibt, sich selbst einen "unaussprechlichen Menschen" zu nennen, "einen, dem auf Erden nicht zu helfen war".

Maßlos auch im Lieben: Von seiner Verlobten verlangt er bedingungslose Gefolgschaft, völlige Selbstaufgabe, blindes Vertrauen in vage Glücksverheißungen. Seine Frauengestalten gehen für ihre Männerträume ins Feuer wie das Käthchen von Heilbronn. Oder sie zerfleischen den Geliebten und töten sich selbst, wie Penthesilea, die zwischen Kuss und Biss nicht unterscheiden kann.

Heinrich von Kleist - Das sprachliche Abenteuer

Und maßlos im Schreiben. Der einzige Besitz, den er jemals wirklich hat, der einzig sichere Ort, ist seine Sprache. Mit ihr fügt und türmt er Sätze, die dem Deutschen das Äußerste abverlangen, die es spannen, dehnen, pressen und stauchen, die es hektisch fiebern, geballt berichten oder im Staccato durch aberwitzige Verzweigungen der Syntax hetzen lassen. Dieser Ton, das unverkennbar, eigentümlich "Kleistische", gehört ganz ihm, macht ihn literarisch zu einer Klasse für sich, die in keine Schublade passt.

Dieser ganz eigene Ton, der ganz eigene Blick auf Welt und Menschen, ist das eigentliche Abenteuer Kleist. Ausgelesen hat es noch niemand. Es fängt mit jeder Zeile und für jeden Leser neu an.


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